Willkommen auf Kringels Homepage!

Auf dieser Seite stelle ich Bücher und Filme vor, mit denen ich mich in den letzten vier Wochen beschäftigt habe.

 

19.04.2018

Der Dunkle Turm (Blu-ray)

 

Wenn man Stephen Kings mehrere tausend Romanseiten umfassenden Zyklus »Der Dunkle Turm« verfilmen möchte, der in einer sehr komplexen Welt mit umfangreichem geschichtlichem Hintergrund spielt, unzählige Figuren, zahlreiche Nebenhandlungen, Rückblenden sowie Geschichten innerhalb von Geschichten enthält und in dem mehrere Genres miteinander vermischt werden, kann man sich entweder genau an die Vorlage halten und alles verfilmen. Dann muss man sehr viel Geld in die Hand nehmen und mindestens ebenso viele Kinofilme wie Romane herausbringen, nämlich sieben. Oder man pickt sich eine Episode für einen einzigen Film heraus. Dieser müsste dann mindestens drei Stunden lang sein, um die typische Epik des Zyklus wiederzugeben. Oder man nutzt lediglich Figuren und Motive aus den Romanen für ein eigenständiges Werk. Für letzteren Weg hat man sich entschieden. Leider ist dabei trotz guter schauspielerischer Leistungen ein banaler, schlecht zusammengeschusterter und leider auch langweiliger 08/15-Atctionfilm herausgekommen, den man wirklich nicht gesehen haben muss.

16.04.2018

Arkadi und Boris Strugatzki: Unruhe

Heyne, 2014

123 Seiten

 

Der Planet Pandora ist fast vollständig von unerforschten Wäldern bedeckt. Auf einem mehrere Kilometer hohen Felsplateau, dem einzigen Punkt, der über den meist in einer nebelartigen Substanz verschwindenden Wald hinausragt, haben die Menschen eine Forschungsstation errichtet. Sie dient gleichzeitig als Ausgangspunkt für Ausflüge von Touristen, die unter der Anleitung erfahrener Führer auf Tachorgenjagd gehen. Alle Expeditionen müssen mit größter Vorsicht durchgeführt werden, denn Flora und Fauna Pandoras sind sehr gefährlich, außerdem verändert sich die Umgebung ständig. Karten sind somit schon nach einigen Monaten nutzlos. Man erzählt sich Geschichten von merkwürdigen Erlebnissen in den Tiefen der Wälder. Manche Forscher wollen springende Bäume gesehen haben, von Nixen bevölkerte dreieckige Teiche und sogar Menschen. Im Verlauf der Jahre sind mehrere Jäger und Forscher in den Wäldern gestorben oder spurlos verschwunden, darunter der Biologe Sidorow, von seinen Freunden »Athos« genannt. Er gilt seit einem Hubschrauberabsturz als tot.

 

Athos hat den Absturz überlebt, dabei aber eine Schädelverletzung erlitten und das Gedächtnis verloren. Er wurde von Menschen gerettet, die tief in den Wäldern leben. Sie haben Athos den Namen »Schweiger« gegeben. Eine junge Frau namens Nawa, die ihn gesund gepflegt hat, ist seine Frau geworden. Die Waldbewohner leben in Symbiose mit der Pflanzen- und Tierwelt Pandoras. Sie müssen sich der Attacken seltsamer humanoider Kreaturen erwehren, die es auf ihre Frauen abgesehen haben. Manchmal werden Dörfer überflutet oder vom Wald absorbiert. Obendrein machen Banditen die Gegend unsicher. Als Athos nach und nach Erinnerungsfragmente zurückgewinnt, wächst in ihm der Wunsch, »die Stadt« zu erreichen, einen legendären Ort, an dem er Antworten zu finden hofft. Immer wieder schiebt er den Aufbruch hinaus (nicht zuletzt aufgrund einer seltsamen Trägheit, die allen Dorfbewohnern zu eigen ist), doch eines Tages macht er sich endlich mit Nawa auf den Weg. Er ahnt nicht, dass er sich zwischen den Fronten eines Krieges befindet, der seit langer Zeit auf Pandora tobt…

 

Diese zum Zyklus »Welt des Mittags« gehörende Novelle aus dem Jahre 1962 ist Bestandteil von Band 4 der Strugatzki-Werkausgabe, die außerdem Anmerkungen und Kommentare von Boris Strugatzki enthält. Dem Kommentar zu »Unruhe« zufolge waren die Autoren mit der hier abgedruckten Version nicht zufrieden. Die Novelle enthält zwei verschiedene Handlungsstränge. In einigen Kapiteln ist Athos die Hauptfigur und zusammen mit ihm taucht der Leser immer tiefer in die Geheimnisse des Waldes von Pandora ein. Diese Kapitel waren anscheinend nicht das Problem. Stattdessen hat die zweite Handlungsebene den Autoren nicht gefallen. Darin geht es um verschiedene Bewohner der Forschungsstation. Eine zentrale Figur ist nicht vorhanden, höchstens ein Mann namens Gorbowski, der ahnt, dass mit dem Wald etwas nicht stimmt. Diese Kapitel wurden entfernt. Die anderen wurden zum Kern des Romans »Die Schnecke am Hang« umgearbeitet. Auch dieser Roman enthält eine zweite Ebene, darin ähnelt nur der Schauplatz den Gorbowski-Kapiteln. Die Handlung verläuft völlig anders. In den Achtzigerjahren haben die Autoren ihren Frieden mit der ursprünglichen Fassung gemacht und diese neu veröffentlicht.

 

Im Gegensatz zu »Die Schnecke am Hang« sind die Gorbowski-Kapitel keine satirisch überspitzte Kritik an den kafkaesken Zuständen der Verwaltung in der Sowjetunion. Es geht lediglich um die Erkundung des Waldes aus einem anderen Blickwinkel. Die Vorgänge im Wald bleiben den Forschern (sowie dem Leser) völlig unverständlich. Ähnlich ist es in den Athos-Kapiteln, wobei hier am Ende doch manche Geheimnisse aufgedeckt werden. Dennoch muss man sich einiges selbst zusammenreimen, und genau dieser für die Strugatzkis typische Kunstgriff – also Geschehnisse zwar zu »zeigen« und Zusammenhänge anzudeuten, aber nicht genauer zu erklären – macht die Novelle zu einem ganz besonderen Lesevergnügen. Wer Parallelen zwischen dem Planeten Pandora im Werk der Strugatzkis und der gleichnamigen Welt in James Camerons Film »Avatar – Aufbruch nach Pandora« entdeckt, liegt wahrscheinlich nicht ganz falsch. Man hat Cameron sogar vorgeworfen, sein Film sei ein Plagiat. So weit würde ich nicht gehen, zumal der Film in zweieinhalb Stunden nicht annähernd so viel Komplexität und Fremdartigkeit vermittelt wie die Novelle der Strugatzkis auf nur ca. 120 Seiten.

 

15.04.2018

Gaming in Virtueller Realität

 

Es ist ein alter Traum von Gamern wie mir, ganz in virtuelle Realitäten überwechseln zu können. Natürlich kann man die Welt um sich herum bei einem richtig guten, fesselnden Video-/Computerspiel auch dann völlig vergessen, wenn man nur auf einen Bildschirm starrt. Ein echtes Gefühl der Immersion entsteht jedoch eher selten. Schließlich interagiert der Spieler nicht mit der Welt um sich herum. Stattdessen steuert er einen Avatar über einen zweidimensionalen Monitor. Seit einiger Zeit ist es inzwischen möglich, zumindest optisch in eine Spielwelt einzutauchen – mit VR-Brillen. Es sind verschiedene Modelle erhältlich, zum Beispiel die Playstation VR (PSVR). Sie ist wahrscheinlich nicht die technisch beste Variante am Markt, aber die einzige, die für mich in Betracht kommt, weil ich aufgrund diverser Registrierungs- und Onlinezwänge keine PC-Spiele mehr kaufe. Ich habe mir die PSVR vor einigen Wochen zugelegt. Zur Nutzung benötigt man außer der Brille (und natürlich einer Playstation 4) eine ebenfalls exklusiv für die Konsole erhältliche Kamera. Diese nimmt die Kopfbewegungen anhand der im folgenden Bild zu sehenden Leuchtelemente wahr.

Ich trage die Brille nicht richtig – sie müsste etwas tiefer sitzen

Außerdem ist die VR-Brille nicht mit jedem Spiel nutzbar, sondern nur mit darauf zugeschnittenen VR-Games. Leider ist die Auswahl zurzeit mager. Abgesehen von Umsetzungen älterer PS4-Spiele wurden bisher größtenteils bessere Grafikdemos veröffentlicht, die mich nicht interessieren. Gesteuert wird ein VR-Spiel entweder mit dem üblichen Gamecontroller oder mit speziellen Move-Controllern, die ein noch realistischeres Spielerlebnis ermöglichen. Man sitzt also ganz normal im Sessel, während man sich in der virtuellen Welt bewegt. Und genau das ist das Problem, denn diese Diskrepanz führt zu körperlichen Beschwerden, die ich in diesem Ausmaß nicht erwartet hatte und für die es schon eine Fachbezeichnung gibt: »Virtual reality sickness« oder »Motion sickness«. Solange man sich nur umschaut, ist alles gut. Aber sobald die Spielfigur zu gehen beginnt oder sich gar dreht, setzt bei mir ein Schwindelgefühl bis hin zu Übelkeit ein, insbesondere, wenn im Spiel Treppen zu überwinden sind oder man einen steilen Berghang hinabgehen muss. Mittlerweile habe ich mich etwas eingewöhnt. Ich halte ungefähr eine Stunde lang durch, der Schwindel ist nicht mehr so stark und ich erhole mich recht schnell. Anfangs hatte mich die Übelkeit nach dem Ende des Spiels noch stundenlang im Griff!

 

Es lohnt sich trotzdem. Obwohl ich nun schon geraume Zeit mit meinem ersten VR-Spiel verbracht habe und obwohl dessen Grafikqualität ziemlich mau ist - es ist die VR-Version von Skyrim in der Legendary Edition – finde ich das Erlebnis immer noch erstaunlich. Im ersten Moment war es sogar derart verblüffend, dass ich meinen Augen nicht getraut habe. »Skyrim« beginnt damit, dass man zu einer Hinrichtungsstätte gefahren wird. Man sitzt auf der Ladefläche eines Pferdekarrens und kann zunächst nichts weiter tun, als sich die Umgebung und die anderen Delinquenten anzuschauen. Tja, das Spiel ging los und ich war mittendrin! Meine Leidensgenossen saßen direkt neben mir, so dass ich sie unwillkürlich berühren wollte. Und so geht es weiter. Ich muss vor dem Richtblock niederknien, neben mir ragt der Scharfrichter in die Höhe – ziemlich furchteinflößend. Natürlich kann ich mich befreien und meine Reise durch Himmelsrand antreten. Betrete ich z.B. eine Taverne, so habe ich den Eindruck, mich im Inneren des Gebäudes zu befinden. Das ist wirklich etwas völlig anderes als bei einem normalen Spiel! Beim Händler kann ich mich vorbeugen und mir genau anschauen, was auf dem Tresen liegt. Spreche ich mit jemandem, kann ich mich ebenfalls nach vorne neigen und ihm näherkommen, als das je zuvor möglich war. Außerdem habe ich festgestellt, dass das Zielen, z.B. mit Pfeil und Bogen, viel besser funktioniert als bei der Benutzung der Gamepad-Analogsticks. Man muss das Ziel einfach anschauen.

 

Die VR-Brille sieht klobig aus, aber der Tragekomfort ist gut, selbst für Brillenträger für mich. Sobald ich erst mal »im« Spiel bin, habe ich nicht mehr den Eindruck, einen Fremdkörper vor den Augen zu haben; ich vergesse völlig, dass ich die VR-Brille trage. Man kann allerdings ganz schön ins Schwitzen kommen. Ab und zu beschlagen dann die im Inneren der VR-Brille befindlichen Linsen. Ein Brillenputztuch wird mitgeliefert!

 

Ich kenne Skyrim in- und auswendig. Trotzdem spiele ich jetzt schon wieder seit einigen Stunden und werde wohl so schnell nicht aufhören, denn es ist doch etwas ganz Neues, das Land Himmelsrand auf diese Weise zu erkunden. Hoffentlich bessert sich die VR-Krankheit noch weiter, denn stundenlange Spielsessions, wie ich sie mir wünsche, sind zurzeit nicht drin! Jetzt müssten nur noch richtig gute neue VR-Games herauskommen…

 

11.04.2018

Petra Würth / Jürgen Kehrer: Blutmond – Wilsberg trifft Pia Petry

Grafit-Verlag, 2005

319 Seiten

 

Der Privatdetektiv Georg Wilsberg ist ganz zufrieden mit seiner Existenz, denn die Auftragslage ist gut und er hat keine Geldsorgen. Nur eins fehlt ihm zum Glück: Die richtige Partnerin. Wilsberg hatte seit der Scheidung einige Affären, die Frau fürs Leben war jedoch nicht dabei. Im Club Marquis, da ist sich Wilsberg sicher, wird er erst recht nicht fündig werden. In dem Etablissement außerhalb von Münster leben gut betuchte Kunden ihre sadomasochistischen Triebe aus. So auch das Ehepaar Renate und Jochen Averbeck. Renates Mann ist Geschäftsführer der Baumarktkette ihres Vaters. Die beiden sind oft zu Gast im Club Marquis und vergnügen sich dort nicht nur miteinander, sondern auch mit wechselnden Gespielen. Als Masochistin lässt Renate alle erdenklichen Demütigungen und Misshandlungen mit Freuden über sich ergehen. Doch bei der letzten großen Party ist sie in einem Separee des Clubs von einem Unbekannten angegriffen und schwer verletzt worden. Da Renates Familie zum alten Geldadel der Stadt Münster gehört, wird die Polizei nicht eingeschaltet. Ein gewaltiger Skandal wäre sonst unausweichlich. Im Auftrag der Clubbesitzer Clara und Manfred Heusken soll Wilsberg den Täter finden, bevor dieser noch einmal zuschlägt, denn das wäre das Aus für den Club.

 

Wilsberg lässt sich eine Gästeliste geben und sieht sich im Club um. Dort fällt ihm eine Frau seines Alters auf, die trotz Stilettos und Push-up-BH ebenso wenig ins Ambiente passt wie er selbst. Er begegnet ihr zum zweiten Mal, als er Renate im Krankenhaus besucht. Wilsberg heftet sich an die Fersen der Frau und findet heraus, dass sie sich mit Jochen Averbeck trifft. Ist sie womöglich seine Geliebte und hat mit ihm gemeinsame Sache gemacht, um die eifersüchtige Ehefrau zu beseitigen? Noch ahnt Wilsberg nicht, dass er es mit einer Kollegin zu tun hat. Ihr Name ist Pia Petry und sie betreibt mit ihrem Kompagnon Martin Cornfeld die Detektei »P-Quadrat« in Hamburg. Pia kennt Renate aus der Internatszeit. Jochen hat Pia zur Aufklärung des Falles engagiert. Auch er will die Sache nicht an die große Glocke hängen, denn sollte herauskommen, dass er die Firmenerbin zum SM-Sex »verführt« hat, würde er achtkantig aus der Firma fliegen. Als Pia entsprechende Kleidung besorgt, um im Club Marquis recherchieren zu können, begegnet sie einem faszinierenden Mann, der sich Dracu nennt und den sie schon beim ersten Clubbesuch in Aktion erlebt hat. Pia lässt Dracu näher an sich heran, als gut für sie ist.

 

Wilsbergs und Pias Wege kreuzen sich in der folgenden Zeit mehrmals. Es funkt gewaltig, aber zunächst verheimlichen sie sich gegenseitig, warum sie in der SM-Szene unterwegs sind. Beide werden auf Volker Wegener aufmerksam, einen wegen Körperverletzung vorbestraften Clubgast, der sich zurzeit außer Landes aufhält. In Wegeners Penthouse treffen die beiden Privatdetektive einmal mehr aufeinander. Über dem Bett hängt eine grässlich zugerichtete Leiche. Es ist die Verkäuferin aus Dracus Sexshop. Im Bad findet Pia Jochens Siegelring…

 

Wilsbergs sechzehnter Fall ist Jürgen Kehrers erster in Zusammenarbeit mit Petra Würth entstandener Roman. Petra Würth hatte zu diesem Zeitpunkt schon zwei Romane mit der Hauptfigur Pia Petry veröffentlicht. Das Aufeinandertreffen dieser beiden grundverschiedenen Charaktere, die sich nicht kennen und sich gegenseitig verdächtigen, etwas mit dem Verbrechen zu tun zu haben, verleiht dem Buch einen ganz besonderen Reiz. In ständigem Wechsel folgt ein Kapitel mit Wilsberg als Ich-Erzähler auf eines, in dem Pia Petrys Blickwinkel eingenommen wird und so weiter. Wilsberg erzählt in der Vergangenheitsform, Pia Petry im Präsens. Beide haben unterschiedliche Sicht-/Herangehensweisen und erleben dieselbe Situation jeweils ganz anders. Der Leser wird somit quasi aus zwei völlig verschiedenen Richtungen allmählich an den Fall herangeführt. Wilsberg ermittelt wie immer »von außen«, das heißt er versucht sich einen Überblick zu verschaffen und zu begreifen, mit wem er es überhaupt zu tun hat. Das weiß Pia bereits, denn sie kennt die Averbecks seit vielen Jahren. Tatsächlich hatte sie etwas mit Jochen, bevor er ihr von Renate ausgespannt wurde. Sie kann den Fall also »von innen« aufrollen. Aber auch Pia lernt noch neue Seiten an den Averbecks (und sich selbst) kennen, nämlich die Vorliebe für sadomasochistische Praktiken. Diese Thematik sorgt natürlich für zusätzliche Würze, denn das bunte Treiben im Club Marquis wird ziemlich detailreich beschrieben.

 

Zur Kultfigur Georg Wilsberg muss ich an dieser Stelle wohl kein Wort mehr verlieren. Er tritt gegenüber der Co-Hauptfigur zwar nicht in den Hintergrund, ist für mich aber ein alter Bekannter, von dem ich keine Überraschungen erwarte und dem Kehrer tatsächlich kaum noch neue Facetten verleiht. Wenn man mal davon absieht, dass der knurrige Westfale bis über beide Ohren verliebt ist. Der Autor kann sich also zurücklehnen und sich in Sachen Figurenzeichnung auf seine Kollegin verlassen. Ganz klar: Pia Petry, »die Neue«, ist jetzt erstmal die interessantere Figur. Abgesehen davon, dass sie für eine Mittvierzigerin manchmal etwas naiv rüberkommt, finde ich sie sympathisch – auf eine ganz andere Art als Wilsberg. Sie mag die schönen Dinge des Lebens, ist ziemlich vorlaut und etwas chaotisch. Entsprechend unprofessionell geht sie an den Fall heran. Keine toughe Superfrau also, sondern als Mensch wie du und ich erkennbar. Sie bringt definitiv frischen Wind und Schwung ins Wilsberg-Universum. Hat Spaß gemacht!

 

09.04.2018

Die Scharfschützen: Das letzte Gefecht (DVD)

 

In der Zeit von 1993 bis 1997 wurden 14 Fernsehfilme der Fernsehserie »Die Scharfschützen« ausgestrahlt. Hauptfigur ist Richard Sharpe, ein britischer Soldat, der Lord Wellington das Leben rettet, zur Belohnung in den Offiziersrang befördert wird und das Kommando über einen Schützentrupp übernimmt. Sharpe und seine »Chosen Men« erringen so manchen Sieg für Wellington. Thema des letzten Films ist die Schlacht von Waterloo. Ca. zehn Jahre später sind zwei weitere Filme herausgekommen, wieder mit Sean Bean in der Hauptrolle. Leider hat mir der erste überhaupt nicht gefallen, denn es werden lediglich altbekannte Handlungsmuster wiederholt. Der Film ist schlicht und einfach langweilig. Sharpe wird wieder einmal von Wellington auf eine gefährliche Mission geschickt, diesmal nach Indien. Es geht um einen Aufstand und einen verschwundenen britischen Spion. Sharpe lehnt ab, doch dann erfährt er, dass der vermisste Agent niemand anderer ist als sein alter Freund Patrick Harper…

08.04.2018

Zweite Chance für die Bielefelder Fellnasen

 

Am 08.06.2017 berichtete ich über das Katzencafé Miezhaus in Bielefeld, das ich danach nicht mehr besucht habe, weil es mir dort seinerzeit nicht wirklich gefallen hat. Zudringliche Gäste, denen es egal ist, dass man die Katzen gefälligst in Ruhe zu lassen hat, wenn sie nicht gestreichelt werden wollen, und dass es sich schon gar nicht gehört, die Tiere einfach hochzuheben. Herumtobende oder plärrende Kinder, die nicht einsehen, dass Katzen kein Spielzeug sind. Da konnte einfach keine gute Atmosphäre entstehen. Ich hatte eher das Gefühl, mich in einem Streichelzoo mit Verköstigung zu befinden.

 

Nachdem nun einige Monate ins Land gegangen sind, war es an der Zeit, dem Miezhaus eine zweite Chance zu geben. Zum Glück hatte ich diesmal ausnahmsweise die Gelegenheit, an einem ganz normalen Wochentag kurz nach Öffnung (12:00 Uhr) dort einzukehren, nicht wie sonst an einem Samstagnachmittag. Und prompt war alles anders. Außer mir waren nur maximal fünf andere Leute da, alle waren vernünftig und haben sich ganz normal verhalten. Vor allem waren keine Kinder anwesend. Ich konnte mir einen schönen Platz aussuchen, an dem ich allein für mich bleiben und in aller Ruhe einen PR-Roman zusammenfassen konnte. Siehe da: Jetzt waren auch die Katzen ganz anders drauf. Sie spielten ausgiebig miteinander, stellten allerlei Unfug an und eine nach der anderen kamen alle fünf bei mir vorbei, um zu überprüfen, was für seltsame Sachen ich mitgebracht hatte.

Kater Professor inspiziert meine Maus - er hat sie verschont...

Das war richtig entspannend, gemütlich und lustig. Ich bin erst nach zwei Stunden gegangen und hätte auch noch länger bleiben können. Deshalb revidiere ich mein harsches erstes Urteil – wenn man sich im Miezhaus nicht wohlfühlt, dann liegt es nicht am Lokal und erst recht nicht an den Katzen, sondern an den anderen Gästen!

 

04.04.2018

Es ist schwer, ein Gott zu sein (Blu-ray)

 

Diese Verfilmung des gleichnamigen Romans der Brüder Strugatzki aus dem Jahre 1964 hält sich sehr eng an den Text, aber das erkennt nur, wer den Roman gelesen hat. Es geht um einen Forscher von der Erde, der in der Identität das reichen Adligen Don Rumata auf dem Planeten Arkanar lebt, um die auf einer mittelalterlichen Entwicklungsstufe stehende Bevölkerung zu studieren. Er muss die ihm zur Verfügung stehenden technischen Hilfsmittel geheim halten und darf sich nicht einmischen. Das fällt ihm zunehmend schwer, als er mit ansehen muss, wie die Machthaber jegliche Weiterentwicklung brutal unterdrücken. Der nicht synchronisierte russische Schwarzweißfilm hat meine Sehgewohnheiten auf eine harte Probe gestellt, trotzdem war ich völlig fasziniert. In meiner Filmreview versuche ich gar nicht erst zu erklären, warum das so ist – ihr müsst euch schon selbst ein Bild machen.

02.04.2018

Philip K. Dick: Die seltsame Welt des Mr. Jones

Bastei Lübbe, 1985

196 Seiten

 

Nach langen Jahren eines mit atomaren, biologischen und chemischen Waffen geführten globalen Krieges liegen viele Städte in Trümmern. Die Nationalstaaten existieren nicht mehr; die Welt wird von der Bundesregierung (Bureg) beherrscht. Nahrungsmittel sind weltweit rationiert. Drogenkonsum ist legal. Mutanten werden auf Jahrmärkten zur Schau gestellt. Der Fanatismus wurde als Ursache für den verheerenden Weltkrieg identifiziert. Damit sich eine solche Katastrophe nicht wieder ereignet, wurde eine neue Philosophie eingeführt, die von der Geheimpolizei der Bureg rigide durchgesetzt wird: Der Relativismus. Jeder Mensch darf glauben, was immer er will. Religionen, Weltanschauungen und persönliche Meinungen werden also keineswegs unterdrückt. Aber niemand darf behaupten, im Besitz der allgemeingültigen Wahrheit zu sein und es ist strengstens verboten, anderen die eigene Ideologie aufzunötigen. Wer diesem Gebot zuwiderhandelt, wird zunächst aufgefordert, seine Behauptungen zu beweisen. Wer das nicht kann, landet in einem Arbeitslager. Allmählich erhebt sich die Menschheit aus den Trümmern. Technische Fortschritte werden gemacht und die Besiedlung der Venus wird vorbereitet.

 

Da stößt der junge Bureg-Agent Doug Cussick auf Mann namens Floyd Jones, der sich als Wahrsager betätigt. Jones behauptet, genau zu wissen, was sich im kommenden Jahr ereignen wird. So sagt er voraus, dass Nachrichten über die »Drifter« bald alle Medien beherrschen werden, außerirdische Wesen, die man in den kommenden Monaten überall auf der Erde sehen wird. Cussick macht Meldung bei seinen Vorgesetzten und stößt auf größeres Interesse als erwartet, denn die Existenz der Drifter ist bereits bekannt, wird aber streng geheim gehalten. Jones dürfte also nichts davon wissen, dass eines dieser gigantischen einzelligen Wesen entdeckt wurde. Jones wird festgenommen und befragt. All seine Vorhersagen treffen ein, so dass er den Geboten des Relativismus zufolge laufen gelassen werden muss. Aus demselben Grund – Jones kann beweisen, dass seine Behauptungen wahr sind - muss die Bureg dulden, dass Jones in den folgenden Jahren immer mehr Anhänger um sich schart. Er wird zur Führerfigur einer Massenbewegung. Ein Bürgerkrieg droht, in dem die Bureg stürzen würde, sollte Jones Erfolg haben. Attentatsversuche sind sinnlos, denn Jones kennt die Zukunft ja bereits…

 

Dieser Roman ist zusammen mit »Und die Erde steht still«, »Die rebellischen Roboter« (auch bekannt als »Die Lincoln-Maschine«) und »Die Invasoren von Ganymed« im Sammelband »Die Welten des Philip K. Dick« erschienen, welcher außerdem ein Vorwort und ein kurzes Essay über Dicks Leben und Werk von Uwe Anton enthält. Ich habe den Band in einem öffentlichen Bücherschrank gefunden, er ist ansonsten nur noch antiquarisch erhältlich. Das ist schade! Die Romane mögen alt sein, sie wirken aber keineswegs veraltet, denn Dick war seinen Schriftstellerkollegen weit voraus.

 

»Die seltsame Welt des Mr. Jones« gehört zu Dicks Frühwerk (das Buch wurde 1956 erstveröffentlicht), aber alle bekannten Elemente, die in späteren Romanen immer wieder variiert werden, sind schon vorhanden: Eine globale Katastrophe, aus deren Trümmern sich eine veränderte Menschheit erhebt, menschenähnliche Roboter, Mutanten mit Parafähigkeiten, Besiedlung der erdnahen Planeten – und das Infragestellen der Realität, hier repräsentiert durch Floyd Jones. Er besitzt die Gabe (oder den Fluch), sein ganzes Leben zweimal zu leben. Er kann sich heute bereits daran erinnern, was er in einem Jahr erleben wird… erlebt hat… erlebt haben wird. Alles trifft genau so ein wie von ihm vorhergesagt. Niemand kann etwas daran ändern. Ist der freie Wille also eine Illusion? Ist alles vorherbestimmt? Der Relativismus ist eine der verblüffenden Ideen, für die ich Dicks Werke so liebe: Auf die Spitze getriebene Toleranz? Nur auf den ersten Blick, in Wahrheit ist das darauf basierende System genauso rigide wie jede beliebige Diktatur.

 

Die Story wird aus verschiedenen Perspektiven und Zeitebenen erzählt, wodurch der Roman einen etwas zerfahrenen, irgendwie »hastigen« Charakter erhält. Er beginnt mit einer Gruppe kleinwüchsiger Menschen, die zur Besiedlung der Venus gezüchtet wurden, schwenkt aber schon nach wenigen Absätzen zu Cussick um. Ein langer Rückblick folgt, in dem Cussick allmählich aus dem Fokus gerät, nur um gegen Ende wieder zur Hauptfigur zu werden. Zwischendurch stehen Jones und dann wieder die Venus-Kolonisten im Mittelpunkt. Das Geheimnis der Drifter wird aufgeklärt und es zeigt sich, dass Jones eigentlich gute Absichten hatte. Vielleicht hat Dick versucht, zu viel in die knapp 200 Seiten hineinzuquetschen. Egal, lesenswert ist der Roman auf jeden Fall.

 

01.04.2018

Game of Thrones – Siebte Staffel (Blu-ray)

 

In meinem Archiv findet ihr einen ausführlichen kommentierten Episodenführer zur aus lediglich sieben Folgen bestehenden siebten Staffel der besten Fernsehserie aller Zeiten. Aber Vorsicht! Sowohl die Zusammenfassungen als auch der Kommentar enthalten massive Spoiler.

28.03.2018

Cixin Liu: Die drei Sonnen

Heyne, 2017

591 Seiten

 

Professor Wang Miao, ein in Peking lebender Spezialist für Nanotechnologie, wird – für ihn völlig überraschend – zu einer Geheimbesprechung geladen, an der hochrangige Militärs und Geheimdienstmitarbeiter (auch aus den USA) sowie der Antiterrorspezialist Shih Quiang von der örtlichen Polizei und der Physiker Ding Yi teilnehmen. Die Rede ist von Krieg, aber nicht etwa zwischen Ost und West, sondern zwischen der gesamten Menschheit und einem unbekannten Feind. In den letzten Monaten sind zahlreiche namhafte Wissenschaftler, die bahnbrechende Forschungen betrieben haben, unter ungeklärten Umständen ums Leben gekommen. Alle waren in irgendeiner Weise mit »Frontiers of Science« assoziiert, einer Organisation, die sich mit den Grenzen der Wissenschaft beschäftigt. Auch Ding Yis Freundin Yang Dong, die ein neues Modell der Stringtheorie entwickelt hat, gehört zu den Opfern. Sie hat sich das Leben genommen. In ihrem Abschiedsbrief spricht sie davon, die Physik habe niemals existiert und werde auch in Zukunft nicht existieren. Wang soll mit Shih Quiang zusammenarbeiten und sich als Maulwurf bei »Frontiers of Science« einschleusen, um mehr über die Todesfälle herauszufinden.

 

Zunächst einmal kommt das Wochenende. Wang gibt sich seinem Hobby hin und radelt durch die Stadt, um zu fotografieren. Auf jedem einzelnen Bild ist später eine Zahlenkombination zu sehen. Wang erkennt, dass es sich um einen Countdown handelt, der nur auf Fotos angezeigt wird, die er selbst gemacht hat – egal mit welcher Kamera. Wang glaubt den Verstand zu verlieren. Er wendet sich hilfesuchend an eine Bekannte namens Dr. Shen Yufei. Sie behauptet, der Countdown sei für ihn allein bestimmt und er müsse sein aktuelles Projekt (die Herstellung eines neuartigen Nanomaterials) einstellen, sonst werde es bald noch größere Probleme geben. Wang geht darauf ein. Prompt erlischt der Countdown. In Shen Yufeis Haus hat Wang gesehen, dass seine Bekannte mit dem Online-Spiel Three Body beschäftigt war, das man nur mittels eines VR-Anzugs spielen kann. Er legt sich einen solchen Anzug zu, loggt sich ein und findet sich in einer perfekten virtuellen Welt wieder, auf einem Planeten namens Trisolaris. Dort wechseln sich stabile und chaotische Klimaverhältnisse auf unvorhersehbare Weise ab. Nur wenn ein stabiles Zeitalter lang genug anhält, kann sich die virtuelle Zivilisation weiterentwickeln. Das Ziel des Spiels besteht in der Enträtselung der Hintergründe für den Wechsel.

 

Wang ist fasziniert, kehrt nach jedem Fehlschlag ins Spiel zurück und findet schließlich heraus, dass sich der Planet in einem aus drei Sonnen bestehenden System befindet und oft entweder zu weit von diesen entfernt ist, so dass er vereist, oder ihnen zu nahe kommt, so dass alles verbrennt. Damit hat Wang das nächste Level im Spiel erreicht und wird aufgefordert, zu einem Treffen von »Frontiers of Science« zu erscheinen. Three Body ist nichts anderes als ein Rekrutierungssystem für diese Organisation. Beim Treffen lernt er Ye Wenjie kennen, eine Gründerin von »Frontiers of Science«. Die Astrophysikerin wurde in den Sechzigerjahren unschuldig als Verräterin denunziert und hat jahrzehntelang in der geheimen Militärbasis »Rotes Ufer« gearbeitet, um sich zu rehabilitieren. Hauptaufgabe von »Rotes Ufer« war die Kontaktaufnahme mit außerirdischen Zivilisationen…

 

Science Fiction aus China? Ich wusste nicht, dass es das gibt. Das allein war Grund genug, mir diesen Roman zuzulegen. Es handelt sich um den ersten Band einer Trilogie. Wie erhofft macht die Story Einblicke in die Kultur Chinas möglich, die mir neu waren. Anders als es obiger Teaser vermuten lässt, beginnt die Geschichte nicht in der Gegenwart, sondern im Jahre 1967. Die so genannte Kulturrevolution tobt. Hauptfigur ist Ye Wenjie, deren Vater von Mitgliedern der Roten Garden vor ihren Augen zu Tode geprügelt wird. Äußerst eindrucksvoll wird Ye Wenjies Leidensweg beschrieben, bis sie schließlich in die Militärbasis gelangt und dort letzten Endes tatsächlich zur Verräterin wird. Ich wusste natürlich schon vorher so ungefähr, was während der Kulturrevolution in China vorgegangen ist, aber es ist eine Sache, dies in einem Geschichtsbuch zu lesen und eine ganz andere, es von einem »Insider« im Rahmen einer ergreifenden Geschichte erzählt zu bekommen. Was das angeht, fallen die in der Gegenwart spielenden Kapitel mit der Hauptfigur Wang ein wenig ab. Auch ist Wang keine annähernd so starke Figur wie Ye Wenjie. Mehrere Kapitel sind in der phantastischen virtuellen Welt Trisolaris angesiedelt. Wang begegnet hier verschiedenen Persönlichkeiten der Weltgeschichte. Es sind hauptsächlich Wissenschaftler, die sich in der VR bemühen, die Dauer von stabilen und chaotischen Zeitaltern vorherzusagen. Einer konstruiert einen aus Millionen Soldaten bestehenden Computerchip (!), der vermutlich wirklich funktionieren könnte. Der Roman ist nicht zuletzt aufgrund derartiger Ideen faszinierend, zumal immer wieder aktuelle Themen wie Umweltzerstörung und dergleichen angerissen werden. Aber es gibt einen Haken.

 

Achtung, hier folgen Spoiler! Ye Wenjie ist die einzige Person, die darauf aufmerksam wird, dass »Rotes Ufer« eine Botschaft von einer außerirdischen Zivilisation aufgefangen hat. In dieser Botschaft wird die Menschheit dringend davor gewarnt, eine Antwort zu senden, weil dies unweigerlich zu einer Invasion führen würde. Um sich an der Menschheit zu rächen, schickt Ye Wenjie eine Antwort ab. Nun, ich hätte nicht erwartet, dass es sich bei diesem preisgekrönten Roman »nur« um eine Invasionsgeschichte handeln würde! Das ist der erwähnte Haken. Immerhin ist die Art und Weise, wie diese Invasion durchgeführt oder vielmehr vorbereitet wird, durchaus ungewöhnlich. Die virtuelle Welt von Trisolaris bildet die Verhältnisse auf dem Heimatplaneten der Invasoren ab. Für die Trisolarier ist die Erde ein Paradies. Ihre Flotte wird 450 Jahre brauchen, um zur Erde zu gelangen. Es ist zu erwarten, dass sich die Menschheit in dieser Zeit weiterentwickeln und das Technologielevel der Invasoren überflügeln wird. Das muss verhindert werden. Deshalb greifen die Trisolarier zu Maßnahmen, die mir einen Tick zu phantastisch sind, um die führenden Wissenschaftler der Menschheit zu verwirren und somit den technischen Fortschritt zu hemmen…

 

Wie dem auch sei: Meine Neugier wurde geweckt und Band 2 der Trilogie liegt bereits in meinem SUB.

 

26.03.2018

Die Scharfschützen 14: Waterloo (DVD)

 

In seinem vierzehnten Abenteuer kehrt Richard Sharpe nach einigen Monaten des friedlichen Lebens mit seiner neuen Gefährtin Lucille DuBert in der Normandie auf das Schlachtfeld zurück. Napoleon Bonaparte hat einmal mehr die Macht an sich gerissen und einen Krieg angezettelt, an dem sich neben den Briten auch Streitkräfte der Preußen und anderer europäischer Länder beteiligen. Sharpe wird Wilhelm, dem Prinzen von Oranien, zugeteilt und zum Oberstleutnant befördert. Hilflos muss Sharpe mit ansehen, wie der künftige König der Niederlande sinnlose Befehle erteilt und unzählige Soldaten in den Tod schickt. Gleichzeitig wird Lord John Rossendale von seiner Geliebten Jane zum Mord an ihrem Noch-Ehemann Sharpe angestachelt…

21.03.2018

Cormac McCarthy: Die Abendröte im Westen

rororo, 2016

443 Seiten

 

Mitte des 19. Jahrhunderts flieht ein Vierzehnjähriger mit einem Hang zu sinnloser Gewalt, dessen Mutter bei der Geburt gestorben und dessen Vater ein Trinker ist, aus seinem ärmlichen Elternhaus in Tennessee. Er irrt bis zur völligen Verwahrlosung durch Texas und wird von Freischärlern rekrutiert, die unter dem Befehl eines gewissen Captain White Ländereien in Mexiko für die USA erobern wollen. Der Feldzug der schlecht bewaffneten Truppe endet, bevor er richtig beginnt. Die Männer werden von Komantschen angegriffen und massakriert. Der Junge überlebt, wandert weiter und landet schließlich in einem Gefängnis in Chihuahua. Er schließt sich einer Gruppe von Kopfgeldjägern an, die von John Joel Glanton angeführt werden. Diese Männer schließen Verträge mit den Behörden über die Tötung von Indianern im Grenzgebiet ab. Ihre Belohnung erhalten sie nach Vorlage der Skalps. Niemand interessiert sich dafür, ob die grausigen Trophäen von Kriegern stammen oder von Frauen und Kindern.

 

In manchen Städten werden Glantons Männer wie Helden gefeiert, doch das ändert sich schnell, wenn sie erst einmal damit anfangen, ihren Lohn zu vertrinken und zu randalieren. Immer wieder kommt es zu gewalttätigen Zwischenfällen – und manchmal verkaufen die Kopfjäger Skalps, die gar nicht von Indianern stammen, sondern von jenen Bürgern, zu deren Schutz die Verträge eigentlich abgeschlossen wurden. Glantons Gruppe schmilzt infolge der unzähligen blutigen Kämpfe sowie der strapaziösen Ritte durch Wüste und Gebirge immer weiter zusammen, findet jedoch stets neue Mitglieder. Von Anfang an dabei ist ein rätselhafter Mann namens Holden, der von den Männern »Richter« genannt wird und ein ganz besonderes Interesse an dem Jungen zu haben scheint…

 

Man könnte diesen Roman dem Westerngenre zurechnen, aber das wäre zumindest irreführend – genauso irreführend wäre es zum Beispiel, »Aguirre, der Zorn Gottes« als Historienfilm zu bezeichnen. Beides ist nicht falsch, trifft den Kern der Sache aber nicht im Geringsten. Mit den vergleichsweise harmlosen Abenteuern ehrenhafter Westläufer und edler Indianerhäuptlinge, wie man sie von Karl May kennt, hat »Die Abendröte im Westen« jedenfalls rein gar nichts zu tun. Wenn sich Quentin Tarantino und David Lynch zusammentun würden, um »Winnetou« zu verfilmen, dann könnte etwas annähernd Vergleichbares dabei herauskommen!

 

Obiger Teaser hätte trotz des nicht gerade geringen Romanumfangs noch kürzer ausfallen können, denn eine Handlung ist eigentlich nicht vorhanden. Es handelt sich um eine Aneinanderreihung von Episoden, bei denen der Junge, dem die Story zunächst folgt, irgendwann komplett in den Hintergrund tritt. Ab und zu werden Erzählungen eingeflochten, die als Rückblicke fungieren. Der Junge spielt erst wieder eine Rolle, als Glantons Gang praktisch nicht mehr existiert. Seine Erlebnisse als Erwachsener bis hin zu seinem Tod werden dann noch geschildert. Das heißt: Es ist nicht sicher, ob er stirbt. Es wird nur angedeutet.

 

Prägend für den Roman ist vor allem die extreme Blutrünstigkeit. Glantons Leute (allerdings keineswegs sie allein) verüben Akte der Grausamkeit, bei denen ich, der ich mich in dieser Beziehung für ziemlich abgebrüht halte, doch manchmal schlucken musste. Ich will hier gar nicht weiter ins Detail gehen. Sagen wir es so: Was die entsprechenden Beschreibungen angeht, so müssten die oben genannten Regisseure wohl noch Leute wie George A. Romero oder Olaf Ittenbach für den Splatterfaktor ins Boot holen! Ich nehme an, der Autor will auf diese Weise klarstellen, dass es sich nicht um einen Abenteuerroman handelt. Und ich befürchte, dass er nicht einmal übertreibt; er soll umfangreiche Recherchen angestellt haben. Somit wird ein ganz anderes Bild des »Wilden Westens« gezeichnet als etwa in Edelwestern mit John Wayne – vermutlich ein weit realistischeres. Auch ohne die Gewaltdarstellung ist das Buch äußerst düster. Elend, Dreck und Verwahrlosung überall. Dann aber wieder grandiose Naturbeschreibungen in der für McCarthy typischen präzisen und prägnanten, gleichzeitig poetischen Sprache.

 

Es gibt keine einzige positive Figur. Im Reigen der Absonderlichkeiten ist »Richter« Holden die merkwürdigste Erscheinung. Ist er überhaupt ein Mensch? Oder eine Inkarnation Satans? Sein Äußeres ist schon ungewöhnlich. Er ist ein Riese von Gestalt, übermenschlich stark, massig und völlig haarlos. Er zeigt sich oft mit entblößtem Oberkörper und tanzt gern völlig nackt. Holden ist hochintelligent und besitzt eine umfassende Bildung, spricht mehrere Sprachen und hat feine Manieren, doch er ist das womöglich grausamste und hinterlistigste Mitglied der Gruppe. Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass er überall dort, wo die Glanton-Gang Logis bezieht, junge Frauen oder gar Mädchen entführt, vermutlich vergewaltigt und tötet. Die Opfer werden nie wieder gesehen. Holden stellt Naturforschungen an, deren Ergebnisse er in einem Buch festhält. Er ist der Ansicht, ohne sein Wissen – oder vielmehr seine Einwilligung – dürfe nichts existieren…

 

»Die Abendröte im Westen« ist gleichzeitig verstörend und faszinierend, allerdings dürften die schonungslosen Schilderungen extremer Gräueltaten nicht jedermanns Sache sein!

 

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