Willkommen auf Kringels Homepage!

Auf dieser Seite stelle ich Bücher und Filme vor, mit denen ich mich in den letzten vier Wochen beschäftigt habe.

 

17.04.2019

Big Trouble in Little China (Blu-ray)

 

Bei dieser kultigen Fantasy-Actionkomödie aus dem Jahre 1986 hat John Carpenter Regie geführt und somit bewiesen, dass er nicht nur Horror und Action kann (siehe »Halloween« und »Die Klapperschlange«), sondern auch Komödien. Der grundsympathische Kurt Russell spielt hier den großmäuligen Trucker Jack Burton. Er wird in einen seit über 2000 Jahren schwelenden Konflikt hineingezogen, als er sich mit Lo Pan anlegt, einen Magier aus dem alten China, der jetzt in Little China sein Unwesen treibt. Lo Pan wurde mit einem Fluch belegt und sucht nach einer Frau mit grünen Augen, um sie zu heiraten, anschließend zu opfern und somit den Fluch aufzuheben. In Miao Yin, der Verlobten von Jacks Freund Wang Chi, findet Lo Pan eine geeignete Braut. Um sie nicht opfern zu müssen, schnappt sich der dämonische Magier auch noch die junge, grünäugige Anwältin Gracie Law, in die sich Jack verliebt hat. Gracie soll sterben, damit sich der verjüngte Lo Pan mit Miao Yin vergnügen kann…

15.04.2019

H.W. Springer: Mondstation 1999 – Das Andromeda-Rätsel

Bastei Lübbe, 1978

155 Seiten

 

Zur Vorgeschichte siehe »Mondbasis Alpha 1«.

 

Mehr als sechs Jahre sind vergangen, seit der Mond durch die Explosion des dort gelagerten Atommülls aus dem Erdorbit gestoßen wurde. Die gut 300 Besatzungsmitglieder der Mondbasis Alpha haben viele Gefahren überstanden und nie die Hoffnung aufgegeben, eine neue Heimat zu finden. Doch jetzt haben sie den sicheren Tod vor Augen, denn Luna hat die Milchstraße verlassen und rast mit relativistischer Geschwindigkeit in den Leerraum zwischen der heimatlichen Sterneninsel und der Nachbargalaxis Andromeda hinaus. Alle Planeten, auf denen die Alphaner ihre zur Neige gehenden Ressourcen auffrischen könnten, sind außerhalb der Reichweite der Adler-Raumschiffe. In dieser aussichtslosen Situation verschlechtert sich die Moral rapide und selbst Commander Koenig hat düstere Gedanken. Da wird eine große Masseansammlung geortet, auf die sich der Mond zubewegt. Es handelt sich um unzählige bewegungslos im Leerraum hängende Raumschiffe der unterschiedlichsten Größen und Bauarten. Gleichzeitig nimmt Lunas Geschwindigkeit aus unbekannten Gründen immer weiter ab.

 

In der Nähe des Raumschiffsfriedhofes werden Funksignale aufgefangen. Ein Adler wird zu der Quelle des Signals geschickt. Der Ingenieur Leroy Nilsson betritt das medusenförmige, irgendwie organisch wirkende Gebilde und begegnet dort drei Menschen, die für ihn die Idealbilder einer wunderschönen Frau, eines weisen alten Mannes und eines etwa elfjährigen Kindes darstellen. Sie nennen sich selbst Djuaner und sind angeblich die letzten Überlebenden einer Katastrophe. Da sie in ihrem Schiff nicht überleben können, wird ihnen Asyl auf dem Mond gewährt. Zum Dank stellen sie den Alphanern das gesamte spaltbare Material ihres Schiffes zur Verfügung. Zu spät erkennen die Alphaner, welches Grauen sich hinter dem harmlosen Erscheinungsbild der vermeintlich so freundlichen Djuaner verbirgt…

 

In den Siebzigerjahren ist einiges an Merchandisingmaterial zur Fernsehserie »Mondbasis Alpha 1« auf den Markt gekommen, darunter auch Romanfassungen einzelner Episoden. Diese wurden kurz nach dem Ende der TV-Serie eingestellt – aber nicht in der BRD! Hierzulande wurde die Serie in Romanform von deutschsprachigen Autoren fortgesetzt. »Das Andromeda-Rätsel« ist das erste dieser zwar im Universum von »Mondbasis Alpha 1« angesiedelten, aber nicht auf Episoden der TV-Serie basierenden Bücher, und die Story fügt sich gut ins Serienuniversum ein. Fünf weitere Romane sind damals erschienen. Soweit ich weiß, sind sie nie im englischsprachigen Raum veröffentlicht worden. Kurios!

 

Lobenswerterweise wird die Handlung des letzten aus der Feder von Michael Butterworth stammenden Romans (»Kampf um die Zukunft«) direkt fortgesetzt, allerdings wird das Ganze am Ende dadurch ad absurdum geführt, dass der Mond von irgendwelchen supermächtigen Wesen einfach in die Milchstraße zurückversetzt wird. Abgesehen von dieser für meinen Geschmack etwas zu billigen Auflösung der recht eindringlich geschilderten deprimierenden Ausgangssituation gefällt mir der Roman besser als Butterworths Werke, die kaum mehr sind als ausführliche Inhaltsangaben von Serienepisoden. Der positive Eindruck hängt sicher auch damit zusammen, dass einer meiner Hauptkritikpunkte, nämlich die erbärmliche Übersetzung vom Englischen ins Deutsche, diesmal natürlich wegfällt. Einige Kapitel sind aus der Perspektive der bizarren Djuaner geschrieben und mir scheint, der Autor hatte hierbei besonders viel Spaß. Die amöbenartigen Wesen vermehren sich durch Teilung, allerdings nimmt die Intelligenz dabei ab... Es fällt ihnen nicht leicht, die menschliche Form beizubehalten und sie müssen sich sehr zurückhalten, um nicht sofort über die Alphaner herzufallen, denn die Menschen sind für Vier-dju, Drei-dju und Zwei-dju eine besonders leckere Speise!

 

13.04.2019

Frederik Pohl & C.M. Kornbluth: Eine Handvoll Venus und ehrbare Kaufleute

Heyne, 1982

240 Seiten

 

Auf der überbevölkerten Erde haben Großkonzerne die Macht übernommen. Regierungen werden im Grunde nur noch aus nostalgischen Gründen beibehalten, denn Staatsgrenzen sind für die international agierenden Wirtschafts- und Finanzmagnaten bedeutungslos geworden. Auch die Kirchen haben keinen Einfluss mehr; ungebremster Turbokapitalismus ist die neue Religion. Die großen Firmen halten sich gegenseitig in Schach. Auftragsmorde sind hierbei, sofern eine offizielle Industriefehde verkündet wurde, ein legitimes Mittel. Alle Ressourcen des gequälten Planeten werden gnadenlos ausgebeutet und gehen allmählich zur Neige. Holz ist inzwischen mindestens so wertvoll wie Gold und nur die Superreichen können sich natürliche Nahrungsmittel leisten. Normalverbraucher müssen sich mit kaum genießbaren Ersatzprodukten zufriedengeben, die obendrein teils mit süchtig machenden Substanzen versetzt sind. Die Welt-Naturschutz-Gesellschaft versucht diese Missstände zu ändern. Die »Natschus« werden als Terroristen verunglimpft. Sie können daher nur im Untergrund tätig werden und sind in Zellen organisiert, die nichts voneinander wissen.

 

Werbeagenturen haben in dieser vollständig auf Massenkonsum ausgerichteten Welt mehr Einfluss als je zuvor. Die Fowler Schocken AG mit Sitz in New York ist der größte Global Player dieser Branche - und mehr als das. Schocken beherrscht ein gewaltiges Firmenkonglomerat und hat die Verschmelzung des indischen Subkontinents zu einem einzigen gigantischen Fabrikationskomplex erreicht. Schockens neuester Coup soll der Firma die absolute Vorherrschaft sichern. Die Kolonisierung der Venus steht bevor und Schocken hat sich die Exklusivrechte zur Nutzung des Nachbarplaneten der Erde gesichert. Mitchell Courtenay, ein hochrangiger Vertrauter Schockens, leitet das Projekt. Den potentiellen Siedlern werden blühende Landschaften vorgegaukelt. In Wahrheit wird die Venus noch in Jahrzehnten eine karge, lebensfeindliche Wüste sein. Kurz nachdem Mitch seinen Posten angetreten hat, werden Mordanschläge auf ihn verübt, die er mit viel Glück überlebt. Er nimmt an, Schockens größter Konkurrent, die Taunton AG, stecke dahinter. Dann stellt er fest, dass das Venusprojekt von Matthew Runstead sabotiert wird, dem Leiter der Martkforschungsabteilung in der eigenen Firma.

 

Mitch stellt Runstead zur Rede und tappt in eine Falle. Er findet sich mit geänderter Identität auf einem Arbeiterfrachter mit Ziel Costa Rica wieder. Er ist nun William Groby und muss in den Chlorella-Proteinplantagen schuften. Unter normalen Umständen hätte er keine Chance, sich jemals aus dieser erbärmlichen Existenz zu befreien oder zu beweisen, dass er ein Werbetexter der Starklasse ist. In dieser Situation kommt ihm sein manipulatives Talent zugute. Es gelingt ihm, das Vertrauen eines Mitglieds der lokalen Natschu-Zelle zu gewinnen und sich den Respekt der Untergrundkämpfer zu verdienen, indem er deren Propagandamaterial überarbeitet. Er steigt in den Rängen auf und kann schließlich nach New York zurückkehren. Zu spät erkennt er, wer seine wahren Gegner sind…

 

…und dass es an dieser Stelle nicht zu der klischeehaften Wendung kommt, dass Mitch, Hauptfigur und Ich-Erzähler des Romans, seine Fehler durch die Erlebnisse beim »einfachen Volk« erkennt und auf diese Weise geläutert wird, so dass er sich von Fowler Schocken abwendet, um sich den Natschus anzuschließen, ist bezeichnend für diese köstliche SF-Satire, die auch nach bald 70 Jahren nichts von ihrer Aktualität eingebüßt hat. Überbevölkerung, Umweltzerstörung, Klimawandel, Globalisierung, Politiker als Sockenpuppen für Lobbyisten und allmächtige Konzerne, Volksverdummung durch Fake News, allgegenwärtige personalisierte Werbung… das sind die großen und geradezu prophetisch wirkenden Themen einer Story, die zumindest teilweise von der Realität eingeholt worden ist. Es ist unfassbar, wie viele Ideen in den Roman hineingepackt wurden. Mit leichter Übertreibung könnte ich behaupten, dass jeder Aspekt des wirtschaftlichen, politischen und sozialen Lebens teils bis zur Groteske, aber keineswegs unplausibel extrapoliert wurde. Pohl und Kornbluth haben eindrucksvoll unter Beweis gestellt, dass gute Science Fiction mehr zu bieten hat als Space Operas!

 

Nicht nur inhaltlich liest sich der Roman so, als sei er gerade erst geschrieben worden. Auch der Stil lässt nicht vermuten, dass der Roman im Jahre 1953 veröffentlicht und 1982 in der Reihe »Bibliothek der Science Fiction Literatur« neu aufgelegt worden ist, was bedeutet, dass die deutsche Übersetzung nun auch schon fast 40 Jahre auf dem Buckel hat! Die Geschichte wird auf keinen Fall bierernst oder sonstwie kopflastig erzählt, sondern höchst unterhaltsam, witzig und bissig. Der Humor ist tiefschwarz, etwa wenn Mitch beschreibt, wie er als Arbeitssklave von Chlorella immer mehr Schulden aufhäuft, weil man von den dort ausgeteilten Lebensmitteln Mangelerscheinungen kriegt, die sich nur durch den Konsum anderer Produkte ausgleichen lassen, welche wiederum suchterzeugende Beimengungen enthalten usw. – ein endloser Kreislauf, aus dem niemand ausbrechen kann. Ironischerweise machen sich die Natschus genau dieselben Mittel zunutze, mit denen Mitch bisher bei ihrem Erzfeind brilliert hat. Definitive Leseempfehlung!

 

10.04.2019

Guardians of the Galaxy Vol. 2 (Blu-ray)

 

Guardians of the Galaxy Vol. 2 hat mich längst nicht so begeistert wie der erste Film mit einer der verrücktesten Superheldentruppen aller Zeiten, obwohl (oder vielleicht gerade weil) bei allem, was Teil eins zu bieten hatte, noch eine ordentliche Schippe draufgelegt wurde. Es liegt wahrscheinlich an mir, denn ich kann mit der Story nicht allzu viel anfangen. In diesem Film dreht sich alles um das Thema »Familie«, und zwar um dysfunktionale Gemeinschaften, die irgendwie zusammenwachsen – oder auch nicht. So begegnet Peter Quill endlich seinem Vater, muss aber feststellen, dass er es nicht mit einem normalen Menschen zu tun hat, sondern mit dem Avatar eines planetengroßen Wesens mit gottgleicher Macht namens Ego. Es geht Ego keineswegs um Familienzusammenführung, sondern darum, alles Leben in der Galaxie durch sich selbst zu ersetzen. Die dafür benötigte Energie muss Quill liefern – ob er will oder nicht…

09.04.2019

Masters of Horror: Jenifer (Blu-ray)

 

Beim vierten Kurzfilm aus der Reihe »Masters of Horror« hat Dario Argento Regie geführt, aber obwohl mit Sex und Gewalt nicht gegeizt wird, kann man »Jenifer« nicht mit Argentos früheren Meisterwerken vergleichen. Zu konventionell ist die Erzählweise, zu ideenarm die Inszenierung. Die Story dreht sich um den Polizeioffizier Frank Spivey, der Jenifer verfällt, einer jungen Frau mit phantastischer Figur und grässlich entstelltem Gesicht. Er rettet die Stumme vor einem Mann, der sie ermorden wollte, und nimmt sie bei sich zu Hause auf. Als die Frau einen unstillbaren Appetit auf frisches Fleisch entwickelt und weder vor Haustieren noch Nachbarkindern Halt macht, dämmert es Spivey, dass der Unbekannte gute Gründe gehabt haben könnte, Jenifer umzubringen…

06.04.2019

Jörg Maurer: Föhnlage

Fischer, 2017

333 Seiten

 

Die für ihre skandalträchtigen Auftritte bekannte Pianistin Pe Feyninger gibt ein Konzert in einem noblen bayerischen Kurort. Böse Zungen behaupten, sie sorge weniger durch künstlerische Qualität für Aufsehen, sondern durch exzentrisches Verhalten. Deshalb glauben manche Konzertbesucher zunächst an einen Showgag, als ein Mann wie aus dem Nichts auf den zwölften Platz in der vierten Reihe stürzt. Schnell wird klar, dass sich ein schreckliches Unglück ereignet hat. Der Mann ist tot! Außerdem hat er einen Konzertbesucher unter sich begraben. Da der Gestürzte ein Schwergewicht war, wurde das zweite Opfer, ein klein gewachsener Mann namens Ingo Stoffregen, geradezu zerquetscht. Hauptkommissar Hubertus Jennerwein wird auf die Sache angesetzt. Er stellt fest, dass es sich bei dem Gestürzten um einen Angestellten des Kulturzentrums namens Eugen Liebscher handelt und dass er keineswegs, wie Anfangs angenommen, vom weit in den Konzertsaal hineinreichenden Balkon gefallen oder gesprungen sein kann. Wie sich herausstellt, war er auf dem Speicher und ist durch eine der nicht trittsicher befestigten dünnen Holzplatten der in zwölf Metern Höhe angebrachten Zwischendecke gebrochen. Was hatte der Mann auf dem Speicher zu suchen? Wollte er Selbstmord begehen?

 

Verwertbare Zeugenaussagen sind nicht zu erhalten, denn alle Konzertbesucher haben sich auf die Pianistin konzentriert, niemand hat den Sturz gesehen. Hausmeister Peter Schmidinger kann erst recht nicht helfen, denn seit er vor Jahren auf dem Speicher die Leiche eines Selbstmörders entdeckt hat, ist er dort nicht mehr gewesen. Den zum Öffnen der verschlossenen Speichertür benötigten Vierkantschlüssel hätte sich jedermann in einem Baumarkt besorgen können. Die Ermittlungen konzentrieren sich auf eine unbekannte Begleiterin Stoffregens, die sich seltsam verhalten und den Ort des Geschehens verlassen hat, ohne sich um den tödlich Verletzten zu kümmern. Der Fall nimmt eine neue Dimension an, als auf dem Speicher Chemikalien entdeckt werden, die zum Mixen von hochbrisantem Sprengstoff benutzt werden können. Gemeinderat Toni Harrigl verbreitet die Theorie, es habe sich um einen gegen ihn gerichteten Mordanschlag gehandelt, denn eigentlich hätte er in Reihe 4 auf Platz 12 sitzen sollen. Er hatte zwei Konzertkarten als Geschenk erhalten und diese mangels Interesse an Stoffregen weitergegeben.

 

Der Vorfall bereitet dem Ehepaar Ignaz und Ursel Grasegger großes Kopfzerbrechen. Sie betreiben ein alteingesessenes Bestattungsinstitut und nutzen diese Tätigkeit, um Opfer der italienischen Mafia verschwinden zu lassen. In Dutzenden Gräbern liegen zwei Tote! Ein äußerst lukrativer, aber riskanter Nebenerwerb. Auf dem Speicher des Kulturzentrums haben die Graseggers einen USB-Stick versteckt, mit dessen Inhalt sie ihre Auftraggeber erpressen wollen, sollten diese auf die Idee kommen, ihnen etwas anzuhängen. Die polizeiliche Aktivität im einst so ruhigen Kurort kommt der Mafia zu Ohren. Man beschließt, den Friedhof aufzugeben und alle Mitwisser zu beseitigen. Ein Killer macht sich auf den Weg ins Voralpenland…

 

Regionalkrimis, insbesondere solche, die in der Alpenregion spielen, gibt es wie Sand am Meer. Man könnte meinen, die Ermittler müssten sich gegenseitig auf die Füße treten und die Verbrechensrate sei in dieser Gegend besonders hoch! Vielleicht liegt’s ja wirklich am Föhn, jenem warmen Fallwind, der bei Menschen mit entsprechender Veranlagung angeblich zu Depressionen, Gereiztheit und anderen Beschwerden führt? Bei der Vielzahl dieser besonderen Art von Heimatromanen braucht’s schon ein Alleinstellungsmerkmal, damit das Interesse des Lesers geweckt wird. Nach meiner Erfahrung sind die Kriminalfälle an sich hierfür weniger geeignet, es sei denn, dass sie sich so nur aufgrund unverwechselbarer Besonderheiten des Schauplatzes ereignen können. Will sagen: So richtig originell oder aufregend sind die aufzuklärenden Verbrechen in der Regel nicht. Das trifft auch auf »Föhnlage« zu. Der Autor legt viele falsche, teils total abwegige Spuren, um den Leser an der Nase herumzuführen. Er füllt viele Seiten mit Nebenhandlungen, Personenbeschreibungen und sonstigen Details, die weder relevant für den Fall sind noch als atmosphärische Elemente gebraucht werden oder sonst irgendeine Rolle spielen. 30 Seiten gehen allein schon drauf, bis Liebscher auf Stoffregen geplumpst und Jennerwein am Tatort eingetroffen ist. Das zieht sich durch den ganzen Roman, so dass es mir schwerfällt, nicht von Seitenschinderei zu sprechen. Die Handlung zieht sich ohne echtes Vorankommen der Ermittler, bis die Auflösung am Ende mehr oder weniger herbeigezaubert wird.

 

Moment, wir haben es ja mit einem Regionalkrimi zu tun! Da ist der Fall eigentlich nicht so wichtig. Vielmehr machen Lokalkolorit, Atmosphäre und so weiter den Reiz solcher Romane aus. Unverzichtbar ist natürlich eine typische Hauptfigur, also ein Ermittler, der entweder am Ort des Geschehens ansässig ist und die (nicht selten bis zum Klischee gesteigerten) Eigenheiten der Region repräsentiert, oder eben nicht von dort kommt und sich mit besagten Eigenheiten herumschlagen muss. Diese Alleinstellungsmerkmale fehlen meiner Meinung nach bei »Föhnlage«. Gut, was das Lokalkolorit angeht, kann man nicht allzu viel meckern. Da gibt es die zu erwartenden Männer in Lederhosen und Wadlstrümpfen, es werden Stammtischgespräche und sonstige skurrile Dialoge geführt, man genießt den Ausblick aufs Gebirge sowie diverse lokale kulinarische Spezialitäten. Im Grunde genommen könnte der Roman allerdings überall südlich des Weißwurstäquators spielen. Der Kurort bleibt eher gesichtslos – leider auch Kommissar Jennerwein. Ich kann nicht umhin, ihn mit Kluftinger zu vergleichen, dem Helden der Allgäukrimis aus der Feder von Volker Klüpfel und Michael Kobr (siehe z.B. »Milchgeld«). Das Autorenduo mag oft allzu dick auftragen, aber ihre Figuren haben definitiv Profil, sind wiedererkennbar. Jennerwein und seine Kollegen kommen mir dagegen völlig austauschbar vor. Jedenfalls kann ich mich in Klufti eindeutig wiederfinden, während Jennerwein einfach irgendwer mit einer besonderen Krankheit ist. Er leidet an Akinetopsie (Bewegungsblindheit). Wenn er einen seiner seltenen Anfälle hat, nimmt er nur noch Einzelbilder wahr. Dadurch gerät er manchmal in brenzlige Situationen.

 

Obendrein hat mich Maurers (bemühter) Humor nicht überzeugt. Zugegeben, in den Klufti-Romanen sorgt die manchmal slapstickhafte Situationskomik für Fremdschämen, aber den Autoren gelingen doch immer wieder ganz köstliche Momente. So etwas muss man bei Maurer mit der Lupe suchen. Er versucht es mit Wortwitz. Bei mir ist der nicht angekommen. Ich fand den Roman zu geschwätzig.

 

01.04.2019

Geburt der Hexe (DVD)

 

Ich hätte nicht gedacht, dass ich diese kleine Perle aus den Achtzigerjahren, die mir (ich war damals, als er mal im Fernsehen gezeigt wurde, höchstens 15) unvergesslich geblieben ist, jemals wiedersehen würde. Jetzt ist der Film zusammen mit »Nullpunkt – Ich bin dein Killer« und »Eurydike – Das Mädchen aus den Nirgendwo« auf DVD erschienen. Besonders beeindruckt war ich damals von der realistischen Atmosphäre fernab jeglicher Mittelalterromantik; sie verfehlt auch heute ihre Wirkung nicht, obwohl man dem Film sein Alter deutlich ansieht. Im Zentrum der Handlung steht eine junge Frau, die von einem Fürsten und dessen Schergen missbraucht wird, keinen Trost im Glauben an Gott findet und sich Satan zuwendet. Frei von den Fesseln der Religion gewinnt sie großes Selbstbewusstsein und wird somit zur Bedrohung für die weltlichen und geistlichen Herrscher…

28.03.2019

Jürgen Kehrer / Petra Würth: Todeszauber

Grafit-Verlag, 2007

285 Seiten

 

Zum 50. Geburtstag bekommt der Münsteraner Privatdetektiv Georg Wilsberg von seiner Tochter Sarah einen Varietébesuch geschenkt. Es hätte ein schöner Abend werden sollen, doch die Vorstellung des Magiers Stefano Monetti wird zum Debakel. Es wird angekündigt, Monettis Assistentin und Lebensgefährtin Anna Ortega werde mit einer Pistole auf den hinter einer Glasscheibe stehenden Zauberkünstler schießen, der das Projektil mit den Zähnen auffangen werde. Natürlich sollte die Pistole so präpariert sein, dass das Geschoss zwar eine Glasscheibe durchschlagen, danach aber keinen Schaden mehr anrichten kann. Doch Monetti wird genau zwischen die Augen getroffen und stirbt. Um seine schockierte Tochter zu beruhigen, geht Wilsberg hinter die Bühne und bietet Anna Hilfe an. Im Gegensatz zur Polizei glaubt Anna nicht an einen Unfall. Sie meint, jemand habe die Trickpistole manipuliert. Wilsberg soll den Mörder finden. Es gibt nur eine vage Spur. Sie führt nach Hamburg. Monetti war regelmäßig ohne Anna in der Elbmetropole, um reichen Unbekannten privaten Zauberunterricht zu geben. Von seinem letzten, nicht lange zurückliegenden Termin ist Monetti zutiefst deprimiert zurückgekehrt und er wollte dieses Engagement beenden. Anna meint, Monettis alter Lehrer, der in Hamburg einen Zauberladen betreibt, wisse möglicherweise mehr.

 

Wilsberg reist mit gemischten Gefühlen nach Hamburg, denn diese Stadt ist das Revier seiner Kollegin Pia Petry, mit der ihn mehr verbindet als berufliches Interesse. Die Beziehung ist gescheitert, bevor sie richtig beginnen konnte, denn Pia hat Wilsberg in flagranti mit einer anderen Frau erwischt. Die beiden laufen sich zwangsläufig über den Weg, denn ohne es zu wissen, ermitteln sie in zusammenhängenden Fällen. Pia hat durch Zufall die Leiche der Freundin ihres Salsa-Tanzpartners Miguel Lopez gefunden. Die Kubanerin namens Isabel Ortega (Annas Schwester) wurde in der eigenen Wohnung stranguliert. Pia bleibt an der Sache dran, um Hauptkommissar Lademann eins auszuwischen, von dem sie am Tatort zur Rede gestellt und schlecht behandelt wurde. Pia hat Hinweise darauf gefunden, dass Isabel Varietékünstlerin war. Auf gut Glück besucht sie das Hanse-Theater und landet einen Treffer. Sie begegnet Florian von Sandleben, einem sehr wohlhabenden Hobbymagier, der sie in sein Anwesen einlädt. Dort entdeckt Pia das Gegenstück zu einem auffälligen Ohrring, den sie in Isabels Wohnung gesehen hat. Ihr neuer Verehrer hat allerdings behauptet, er sei Isabel nie begegnet.

 

Unabhängig voneinander stoßen Wilsberg und Pia bei ihren Ermittlungen auf Ernst Reichweiler, einen reichen Reeder, der eine Affäre mit Isabel hatte. Der Mann leugnet die Sache nicht, hat aber ein Alibi. Immerhin wird klar, dass in Hamburg ein Club oder vielmehr eine Art Geheimloge mächtiger Männer existiert, die sich im Hanse-Theater gegenseitig riskante Zaubertricks vorführen. Zur Loge gehören neben Magnaten wie Reichweiler und von Sandleben auch hochrangige Politiker, die nicht daran interessiert sind, dass ihre besonderen Vorlieben an die Öffentlichkeit geraten. Doch hinter den Morden muss mehr stecken. Hat Isabel womöglich während einer Vorführung assistiert, die furchtbar schiefgegangen ist, und wollte sie die Logenmänner mit Monettis Hilfe erpressen? Die Tatsache, dass die Kubanerin früher Prostituierte war und von »women’s help« nach Deutschland geholt worden ist, einer von Reichweilers Gattin betriebenen Wohltätigkeitsorganisation, könnte auf Mädchenhandel hindeuten. Und wer ist Cagliostro, der geheimnisvolle Logenmeister, auf dessen Namen Anna in Monettis Tagebuch stößt?

 

Während Wilsberg und Pia gezwungenermaßen zusammenarbeiten, wobei sie sich einander auch in Liebesdingen wieder annähern, ereignet sich ein weiterer Mord. Wilsberg gerät unter Tatverdacht. So richtig kompliziert wird es, als Anna nach Hamburg kommt, um bei der Aufklärung des Falles zu helfen. Mit untrüglichem Instinkt merkt Pia sofort, dass Wilsbergs Hormone von der schönen Kubanerin in Wallung gebracht werden…

 

Der 18. Wilsberg-Roman ist der zweite, der in Zusammenarbeit mit Petra Würth entstanden ist. Wie bei »Blutmond« werden die Kapitel im ständigen Wechsel aus der Ich-Perspektive Georg Wilsbergs und Pia Petrys erzählt, wobei Wilsberg in der Vergangenheitsform berichtet, Pia Petry dagegen im Präsens. In »Blutmond« kennen sich die beiden noch nicht und wissen nicht, was sie voneinander zu halten haben. Diese reizvolle Besonderheit fällt diesmal weg und es dauert auch nicht lang, bis klar wird, dass sie eigentlich in derselben Angelegenheit ermitteln. Trotzdem arbeiten sie zunächst getrennt und zum Teil sogar gegeneinander, was natürlich die Schuld des Mannes ist. Eine alte Freundin hat sich ihm an den Hals geworfen und dummerweise ist Pia Petry genau im falschen Moment hereingeplatzt. Jetzt beteuert Wilsberg seine Unschuld, beißt aber erst einmal auf Granit. Ich spoilere ein wenig, wenn ich verrate, dass die beiden schließlich doch wieder zusammenkommen. Ich bezweifle aber, dass die Beziehung von Dauer sein wird – Wilsberg und Pia Petry sind doch zu verschieden.

 

Die problematische Beziehung verleiht dem Roman zusätzliche Würze, steht aber nicht im Vordergrund. Leider funktioniert das Zusammenspiel der beiden Charaktere nicht ganz so gut wie in »Blutmond«, das heißt, anders als bei ihrer ersten Kooperation hatte ich nicht das Gefühl, aus völlig verschiedenen Richtungen an den Fall herangeführt zu werden. Die Vorgehensweise der so gegensätzlichen Detektive ähnelt sich diesmal sehr. Die Story entwickelt sich bis auf die Tatsache, dass den Ermittlern zu viele Zufälle zur Hilfe kommen, durchaus spannend. Nicht alle Zusammenhänge müssen erarbeitet werden, manche kommen quasi auf dem Silbertablett daher und wirken teils ein wenig überkonstruiert. Das fand ich ein bisschen schwach. Ansonsten kann ich nicht viel zu dem Roman sagen – es ist eben ein typischer Wilsberg wie ich ihn mag: Bodenständig, unaufgeregt, in diesem speziellen Fall aufgepeppt durch Pia Petrys Eigenheiten. Hamburg kommt übrigens viel zu kurz. Mit einer Ausnahme. Ich kenne kleine alte Hotels im Hamburg wie jenes, in dem Wilsberg absteigt, sehr gut. Daher kann ich sagen, dass diese spezielle Atmosphäre gut getroffen ist.

 

26.03.2019

Unterwegs mit Odysseus (DVD)

 

Im Jahre 1979 wurde in der ARD die dreizehnteilige Fernsehserie »Unterwegs mit Odysseus« ausgestrahlt. Tony Munzlinger, ein deutscher Cartoonist und Regisseur, war auf der Suche nach den Stationen der Irrfahrt des griechischen Helden drei Monate lang mit seiner Familie per Segelyacht im Mittelmeer unterwegs. Man kann das Ergebnis durchaus als historisches Dokument bezeichnen, denn man erhält Einblick in ein völlig anderes Griechenland. Hinzu kommen Cartoons, gezeichnet von Munzlinger, in denen die Erlebnisse des Odysseus in leicht verständlicher und sehr humorvoller Gedichtform von Hans Clarin nacherzählt werden. Unvergesslich!

25.03.2019

Missionare

 

Seit einiger Zeit fällt mir beim Stadtbummel auf, dass alle paar Meter jemand in der Fußgängerzone steht, oft mit umgehängten Plakaten, und Traktate verteilt. Oft sind auch Infostände aufgestellt, an denen Bücher angeboten werden. Die Beschriftungen der Plakate und Stände lassen auf Botschaften christlichen Inhalts schließen. Manchmal sieht (und hört) man sogar einen Mann, der sich mitten ins samstägliche Shoppinggewühl stellt und predigt. Sie alle werden in der Regel komplett ignoriert. Um in Erfahrung zu bringen, was diese Missionare mir sagen wollen, habe ich jetzt einfach mal jedem je ein Traktätchen abgenommen. Auf dem folgenden Bild ist die Ausbeute von 300 Metern zu sehen. Von den Zeugen Jehovas, die ebenfalls anwesend waren, habe ich nichts angenommen. Die hatten erheblich umfangreicheres Material mit viel besserem Layout dabei…

Zugegeben, als Christ hat man einen Missionierungsauftrag, das heißt, man soll die Lehren Christi verbreiten. Und wenn die Fußgängerzonen-Missionare annehmen, dass die meisten Menschen, von denen sie geflissentlich übersehen werden, nur deshalb als Christen zu betrachten sind, weil das so auf der Lohnsteuerkarte steht, dann werden sie wohl nicht ganz Unrecht haben. Ich persönlich verstehe den biblischen Missionierungsauftrag allerdings nicht so, dass man anderen die eigene Überzeugung aufnötigen soll. Außerdem ist für meinen Geschmack in den Traktaten eindeutig zu oft von der ewigen Verdammnis die Rede. Es drängt sich der Eindruck auf, das Christentum hätte nicht mehr zu bieten als die Errettung vor dem Höllenfeuer.

 

Irgendwie finde ich das irritierend. Wer sind diese Missionare? Werden sie im kirchlichen Auftrag tätig oder zu welcher anderen Organisation gehören sie? Ich weiß es nicht und die Traktate geben darüber keinen Aufschluss. Jedenfalls glaube ich nicht, dass sich jemand durch Einschüchterungen zum christlichen Glauben bekehren lässt. Die Drohung mit Höllenqualen, denen man nur als Christ entgehen kann, hat vielleicht vor 500 Jahren funktioniert. Wer das in den Mittelpunkt stellt und den Menschen keine anderen Antworten geben kann, hat die Lehre, die es zu verbreiten gilt, meiner Meinung nach nicht wirklich verstanden.

 

23.03.2019

Cixin Liu: Der dunkle Wald

Heyne, 2018

815 Seiten

 

Zur Vorgeschichte siehe »Die drei Sonnen«.

 

Der Planet Trisolaris, Schauplatz des VR-Computerspiels Three Body, existiert wirklich. Seine Bewohner suchen nach einer neuen Heimat, weil sie aufgrund der auf Trisolaris herrschenden chaotischen Verhältnisse auf Dauer nicht überleben können. Die Trisolarier haben eine riesige Flotte entsandt, die die Erde in gut 400 Jahren erreichen wird. Zur Vorbereitung der Invasion haben sie die Sophonen vorausgeschickt; mit menschlichen Mitteln nicht wahrnehmbare künstliche Intelligenzen, die mit ihren Auftraggebern in überlichtschnellem Funkkontakt stehen. Die Sophonen sind die perfekten Infiltrateure. Kein noch so gut abgesichertes Geheimnis ist vor ihnen sicher und es ist ihnen bereits gelungen, bestimmte Bereiche der Grundlagenforschung lahmzulegen. Außerdem wurden viele Menschen zu Agenten der Trisolarier gemacht. Sie haben die Erde-Trisolaris-Organisation (ETO) gegründet, deren Ziel in der Vernichtung der Menschheit besteht.

 

All das ist den Regierungen in aller Welt wohlbekannt. Da die Sophonen jeden Verteidigungsplan umgehend durchschauen und an die Trisolarier weitergeben würden, wird ein ungewöhnliches, nie dagewesenes internationales Projekt ins Leben gerufen: Die Operation Wandschauer. Vier Männer werden mit nahezu uneingeschränkter Macht und unbegrenzten Mitteln ausgestattet. Sie sollen nach Wegen zur Sicherstellung des Überlebens der Menschheit suchen, müssen ihre Ideen aber für sich behalten. Ihre Anordnungen, egal wie absurd sie erscheinen mögen, dürfen von niemandem hinterfragt werden, denn nur wenn niemand weiß, welche Ziele die Wandschauer wirklich verfolgen, bleibt dies auch den Sophonen verborgen. Natürlich erfährt die ETO sofort von der Operation. Auf jeden Wandschauer wird ein Wandbrecher angesetzt, der die wahren Pläne »seines« Wandschauers enthüllen soll.

 

Die Wandschauer kommen gut voran und erzielen Erfolge, die den Wandbrechern nicht verborgen bleiben. Nur der Wandschauer Luo Ji, ein Astronom und Soziologe, scheint überhaupt nichts zu unternehmen. Paradoxerweise bereitet genau diese Untätigkeit den Trisolariern größte Sorgen. Während die anderen Wandschauer gewaltige Geldmittel und Ressourcen verbrauchen, um eine Weltraumflotte aufzubauen, neuartige Bomben zu entwickeln und so weiter, frönt Luo dem Müßiggang. Er benutzt seinen Wandschauerstatus, um seine Traumfrau zu finden und sich eine idyllisch gelegene, streng gesicherte Luxusvilla einrichten zu lassen. Erst als die Aufsichtsbehörde veranlasst, dass Luos Frau und ihre gemeinsame Tochter in den Kälteschlaf geschickt werden (viele Menschen nutzen dieses Verfahren, weil sie hoffen, in einer besseren Welt wiedererweckt zu werden), wird Luo aktiv. Er schickt ein durch Sonnenenergie verstärktes Funksignal in die Milchstraße hinaus, bei dem es sich, wie er behauptet, um einen Fluch handelt, der zur Vernichtung eines ganz bestimmten Sterns führen wird.

 

So phantastisch dieses Vorhaben klingen mag – die Trisolarier scheinen es ernst zu nehmen. Verschiedene Mordanschläge werden auf Luo verübt. Er wird mit einem auf ihn zugeschnittenen Krankheitserreger infiziert. Eine Heilung ist unmöglich, zumindest mit den derzeitigen Mitteln. Also wird Luo ebenfalls in Hibernation versetzt. Zweihundert Jahre vergehen, während denen die Trisolaris-Krise ungeahnte Ausmaße annimmt. Der Aufbau der Raumflotte verschlingt so große Mittel, dass die Weltwirtschaft zusammenbricht. Das globale Ökosystem gerät ins Wanken. Unfassbares Leid ist die Folge. Als Luo erweckt wird, nachdem seine Krankheit geheilt werden konnte, hat sich die Weltbevölkerung halbiert. Doch die Menschheit hat das »tiefe Tal« hinter sich gelassen. Die jetzige Generation lebt in großem Wohlstand, Energie steht in unbegrenzter Menge zur Verfügung und auch sonst hat sich vieles verbessert. Eine Flotte aus tausenden Kampfraumschiffen steht bereit, die Trisolarier abzufangen. Die Menschen glauben fest an ihren Sieg (außerdem scheint Luos »Fluch« tatsächlich funktioniert zu haben) und man blickt optimistisch in die Zukunft. Umso größer ist der Schock, als die Trisolarier ihre ganze Macht demonstrieren…

 

Der zweite Band der Trisolaris-Trilogie unterscheidet sich inhaltlich recht deutlich vom ersten und gefällt mir nicht so gut wie dieser, was nicht zuletzt daran liegt, dass dem Roman das Alleinstellungsmerkmal fehlt. Sicher, der Autor schüttet wieder ein Füllhorn voller ungewöhnlicher, gar verblüffender Ideen über dem Leser aus. Meiner Meinung nach ist aber die Handlung, in die die Ideen eingebettet sind, weder besonders originell noch so kohärent, dass sich ein Spannungsbogen entwickeln könnte. Mein Hauptkritikpunkt bei Band 1 besteht darin, dass im Grunde lediglich eine Invasionsgeschichte erzählt wird. Auf eben dieses abgedroschene Klischee konzentriert sich Band 2. Die vielen großen und kleinen Zeitsprünge sowie das Fehlen eines Hauptantagonisten tragen ebenfalls zu einem Gesamtbild bei, das auf mich uneinheitlich, gar zerfahren wirkt. Sehr lange wird auf der Operation Wandschauer verweilt, die letztlich scheitert, so dass ich mich frage, warum der Autor überhaupt so großen Wert auf ihre Ausarbeitung legt. Die Hälfte des Umfangs hätte gereicht. Umso krasser ist nach diesem ziemlich langatmigen Teil der Übergang zur Epoche nach Luos Kryoschlaf, und das Finale ist, wenn ich die ausufernde Vorbereitungsphase berücksichtige, geradezu enttäuschend. Achtung, der folgende Satz enthält einen massiven Spoiler: Mit einer gewagten Aktion rettet Luo die Menschheit, das heißt, eigentlich müsste die Invasion der Trisolarier jetzt abgeblasen werden!

 

Obendrein bleibt manches Handlungselement bloße Behauptung. Beiläufig wird erwähnt bzw. es wird als selbstverständlich vorausgesetzt, dass die gesamte Weltbevölkerung zuerst akzeptiert, dass vier Typen mit unvorstellbarer Machtfülle installiert werden, deren Entscheidungen ohne jegliche Rückfrage umgesetzt werden müssen, und im weiteren Verlauf unfassbare Einschränkungen mehr oder weniger klaglos hinnimmt. Mir persönlich wäre es ziemlich wurscht, wenn jemand behaupten würde, dass die Erde in 400 Jahren vernichtet wird! Das Wiedererstarken der Menschheit nach der Überwindung des »tiefen Tals« muss man ebenso als gegeben hinnehmen wie das sang- und klanglose Verschwinden der ETO. Erklärungen werden durchaus geliefert, aber wie gesagt: Es sind Behauptungen. »Erlebbar« wird nur wenig. Aber zurück zum Alleinstellungsmerkmal! An »Die drei Sonnen« hat mir der Abwechslungsreichtum besonders gut gefallen. Es gibt drei Handlungsebenen, von denen zwei wirklich stark sind, nämlich Ye Wenjies Leidensweg während der Kulturrevolution in China bis hin zu ihrer Arbeit in der Militärbasis »Rotes Ufer« und die phantastischen Geschehnisse in der virtuellen Welt des Online-Computerspiels »Three Body«. Die dritte Ebene, also die reale Welt, in der allmählich klar wird, wie die beiden anderen Ebenen miteinander verknüpft sind, hat mich am wenigsten gefesselt – und in »Der dunkle Wald« existiert nur diese minder interessante Ebene.

 

Der Ideenreichtum reißt es zumindest teilweise heraus. Zum Beispiel die Operation Wandschauer. Auf sowas muss man erstmal kommen! Die Absurdität der Situation kommt gut rüber. So versucht Luo mit beinahe kafkaesker Verzweiflung, seinen Mitarbeitern klarzumachen, dass er sich überhaupt nicht für diese Tätigkeit eignet. »Schon klar«, sagen sie und lächeln wissend, denn sie glauben, Luos Behauptung gehöre zum großen, undurchschaubaren und supergeheimen Weltrettungsplan… Außerdem liefert Luo eine einleuchtende Erklärung für das Fermi-Paradoxon, in dem es grob gesagt darum geht, dass das Universum voller intelligenter Lebensformen sein müsste, so dass wir längst Kontakt mit ihnen gehabt haben müssten. Auch hier wieder massive Spoiler, die mit dem obigen Spoiler zusammenhängen: Die fremden Zivilisationen existieren tatsächlich, aber sie verhalten sich wie Jäger in einem dunklen Wald (daher der Romantitel). Sie wollen nicht auffallen, weil sie nicht wissen können, ob sich die anderen Zivilisationen im Falle eines Kontakts friedlich oder feindlich verhalten würden und ob sie technisch über- oder unterlegen sind. Nach Cixin Lius Argumentationskette muss das zwangsläufig dazu führen, dass jede Zivilisation, die sich zu erkennen gibt, sofort von einer anderen vernichtet wird.

 

20.03.2019

Blu-ray: Leptirica

 

Dieser Film, Anfang der Siebzigerjahre für das jugoslawische Fernsehen produziert, greift einen alten Mythos auf, in dem es um einen Vampir geht, der sich seine Opfer ausgerechnet in der einzigen Mühle eines kleinen Dorfes sucht. Ohne Müller kein Brot, daher suchen die Ratsmitglieder händeringend einen Dummen, dem sie den Job anhängen können. »Leptirica« ist meiner Meinung nach aber kein Horrorfilm. Zu sehr wird er von humoristischen Elementen dominiert, was zu Lasten der Atmosphäre geht. Auf der Habenseite ist die schöne Darstellung des ländlichen Lebens in Osteuropa zu verbuchen.

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