Willkommen auf Kringels Homepage!

Auf dieser Seite stelle ich Bücher, Filme und Games vor, mit denen ich mich in den letzten vier Wochen beschäftigt habe. Außerdem berichte ich ab und zu über besondere Erlebnisse.

 

25.07.2016

Philip K. Dick: Der dunkle Schirm

Heyne, 2009

397 Seiten

 

Eine neue, extrem gefährliche Droge ist im Umlauf. Substanz T (für »Tod«) macht sofort süchtig und führt innerhalb kurzer Zeit zu irreversiblen Hirnschäden. Polizei und verdeckte Drogenermittler versuchen seit geraumer Zeit vergeblich, die Herkunft der Droge zu ermitteln. Die zuständigen Behörden tappen im Dunkeln. Man vermutet, es handele sich um einen gezielten Angriff auf die USA. Immer mehr Menschen werden infolge der Einnahme von Substanz T zu psychischen Wracks. Die Süchtigen verlieren ihre Persönlichkeit und sind nicht mehr zu selbstständigem Denken imstande. Viele von ihnen werden in die Rehabilitationszentren einer Organisation namens »Neuer Pfad« eingeliefert, wo sie sich einem radikalen Entzug unterwerfen und verschiedene Arbeiten verrichten müssen. Auf diese Weise werden die Drogenopfer stabilisiert, ein normales Leben können sie aber nie wieder führen.

 

Der Polizist Bob Arctor bewegt sich Undercover in der Drogenszene in Orange County, Kalifornien. Er lebt mit den Junkies Jim Barris und Ernie Luckman zusammen. Um nicht aufzufallen, konsumiert er verschiedene Drogen und nimmt auch Substanz T. Den Stoff erhält er von seiner Freundin Donna Hawthorne, die sich unter anderem als Dealerin betätigt. Arctor ordert immer größere Mengen, denn er hofft, auf diese Weise in der Dealer-Hierarchie aufzusteigen und irgendwann an die Hintermänner heranzukommen. Niemand kennt Arctors wahre Identität, auch nicht seine Vorgesetzten, denn man nimmt an, dass alle Behörden bis in die höchsten Ränge unterwandert wurden. Wenn Arctor in der Behörde Bericht erstattet, trägt er einen »Jedermann-Anzug«, der Gesichtszüge, Erscheinungsbild und Stimme unkenntlich macht, und benutzt den Decknamen »Fred«. Sein Auftraggeber, den er nur unter dem Decknamen »Hank« kennt, trägt ebenfalls einen Jedermann-Anzug.

 

Eines Tages erhält Fred den Auftrag, einen Junkie namens Bob Arctor zu observieren, der die Aufmerksamkeit der Behörde wegen der von ihm georderten großen Mengen von Substanz T geweckt hat. Fred/Arctor soll sich also selbst überwachen! Zu diesem Zweck werden Holokameras überall im Haus installiert. Arctor muss sich regelmäßig aus dem Haus schleichen, um sich in sein Alter Ego zu verwandeln und die Filmaufnahmen in einer Überwachungszentrale auszuwerten. Während Fred das Leben Bob Arctors beobachtet, verliert er allmählich den Bezug zur Realität. Irgendwann weiß er nicht mehr, dass Beobachter und Beobachteter ein und dieselbe Person sind…

 

Das Buch enthält ein Nachwort, in dem Christian Gasser sehr richtig feststellt, dass Philip K. Dick längst als einer der kühnsten und visionärsten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts gelten würde, wenn er nicht als Science Fiction – Autor bekannt geworden wäre, in einem Genre also, das als trivial und für die Gegenwartsliteratur irrelevant betrachtet wird. Schon mit vielen seiner SF-Storys und Romane hat Dick eindrucksvoll unter Beweis gestellt, dass dieses Genre mehr zu bieten hat als Abenteuer auf exotischen Planeten, Raumschlachten und tentakelbewehrte Aliens. Selbst wenn diese Klischees vorkommen, gewinnt Dick ihnen doch immer überraschende neue Aspekte ab wie in »Warte auf das letzte Jahr« oder »Das Labyrinth der Ratten«. Meist geht Dick aber viel weiter und »zertrümmert« die Realität seiner Protagonisten, indem er Zweifel an der Echtheit ihrer Welt und/oder ihres Menschseins sät. Wie definiert man »Realität«, wenn dieselbe von verschiedenen Menschen völlig anders wahrgenommen werden kann? Wodurch wird ein Mensch überhaupt zum Menschen, worin unterscheidet er sich zum Beispiel von einem intelligenten Androiden, der Gefühle perfekt simulieren kann? Was wird aus ihm, wenn er feststellen muss, dass seine Erinnerungen nicht seine Erinnerungen sind, sondern einprogrammierte Daten? Solche und ähnliche Fragen werden in Dicks Romanen immer wieder aufgeworfen.

 

Das alles findet sich auch in »Der dunkle Schirm«. Dabei ist eine Handlung im eigentlichen Sinne über weite Strecken hinweg gar nicht erkennbar. Die verschiedensten Wahnvorstellungen und Phantasien der Junkies werden ausführlich beschrieben. Dann wieder geht es um Arctors Paranoia. Irgendjemand (Barris? Er selbst? Oder niemand?) sabotiert seine Besitztümer und scheint ihn fertigmachen zu wollen. Arctor und seine permanent zugedröhnten Freunde sitzen oft nur im Haus herum und führen sinnlose Dialoge, anschließend betrachtet Fred dasselbe in der Überwachungszentrale. Ich muss gestehen, dass sich hier manchmal Langeweile eingeschlichen hat. Hauptthema ist natürlich die schleichende Zersetzung von Arctors Persönlichkeit. Ärzte, die ihn (bzw. Fred) testen, erklären, dass die Einnahme von Substanz T zur Separierung der Gehirnhälften führt, das heißt, die Hirnhälften funktionieren unabhängig voneinander, so dass Arctor und Fred tatsächlich zwei verschiedene Persönlichkeiten sind. Am Ende werden sie durch eine dritte Persönlichkeit ersetzt, die im Grunde eine Nicht-Persönlichkeit ist, denn Happy Ends gibt es bei Dick selten, und so landet Arctor/Fred als leere Hülle in einem Neuer Pfad-Rehazentrum. Was der Leser dann erfährt, gibt dem an sich schon bedrückenden Roman eine noch bösere Note. Dick soll lt. Klappentext gesagt haben, die komischsten Stellen in »Der dunkle Schirm« seien die komischsten, die er je geschrieben habe und die traurigen seien die traurigsten. Das kann ich unterschreiben! Der Roman ist lt. Nachbemerkung des Autors zumindest teilweise autobiografisch, was diesen Satz in einem besonderen Licht erscheinen lässt.

 

In »Der dunkle Schirm«, erstmals erschienen im Jahre 1977, gibt es durchaus SF-Elemente. Da ist natürlich zunächst einmal Substanz T. Der Jedermann-Anzug, die Holokameras und andere Gerätschaften fallen ebenfalls in diese Kategorie. Außerdem möchte Donna gern alle zehn (!) Filme aus der Reihe »Planet der Affen« sehen. Dieser Elemente hätte es im Grunde nicht bedurft. Die Geschichte hätte auch ohne sie erzählt werden können, aber sie sollte im SF-Segment verkauft werden. Doch selbst wenn Dick auf die SF-Bestandteile hätte verzichten können, wäre er sicher nicht in einem Atemzug mit William S. Burroughs oder Jack Kerouac genannt worden, wie er es nach diesem Roman verdient hätte. Er war ja »nur« SF-Autor.

 

23.07.2016

Affenhitze

 

Was für eine Hitze! Da beibt man doch lieber im Schatten und bewegt sich so wenig wie nur irgend möglich.

Orang-Utan im Zoo Münster

Früher habe ich immer gesagt: Lieber zu warm als zu kalt. Aber je älter ich werde, desto weniger verkrafte ich die Hitze, vor allem in Deutschland, wo es nur selten richtig schön hochsommerlich ist. Kaum steigen hier die Temperaturen, schon gibt’s wieder Gewitter und das Land verwandelt sich in ein Treibhaus. Hochdruckwetterlage mit trockener Hitze macht mir wenig aus. In Griechenland, wo zudem fast immer eine Brise für leichte Abkühlung sorgt, ertrage ich das meist problemlos. Aber diese Schwüle hierzulande! Die macht mich fertig. Ich möchte dann wirklich nur noch faul herumliegen und gar nichts mehr tun. Außerdem stelle ich seit ein paar Jahren fest, dass ich immer mehr schwitze. Mir fließt die Suppe nur so über das Gesicht, wenn es richtig heiß ist. Der ganze Köper ist dann schon bald in Schweiß gebadet. Am liebsten würde ich immer ein Handtuch mitnehmen. Es ist ganz schön peinlich, mit durchschwitztem Hemd herumlaufen zu müssen oder eine Pfütze zu hinterlassen, wenn man sich irgendwo hinsetzt...

 

20.07.2016

Blu-ray: Jurassic World

 

In dieser aus meiner Sicht ziemlich enttäuschenden Fortsetzung der »Jurassic Park«-Reihe, die im Grunde nichts anderes ist als eine leicht modifizierte Neuauflage des 1. Films mit besseren Spezialeffekten und schlechteren Schauspielern, ziehen die geklonten Attraktionen der Erlebniswelt Jurassic World Jahr für Jahr tausende Besucher an. Damit es denen nicht langweilig wird, müssen ständig neue, größere, spektakulärere Dinosaurier gezüchtet werden. Der hierfür zur Verfügung stehende Genpool ist jedoch begrenzt. Deshalb wird eines Tages ein völlig neues Exemplar aus der DNS eines Tyrannosaurus Rex und verschiedener moderner Tierarten erschaffen - Indominus Rex. Der ehemalige Navy-Soldat und Tiertrainer Owen Grady, dem es gelungen ist, eine besondere Beziehung mit Raptoren einzugehen, soll die Sicherheit des I-Rex-Geheges überprüfen. Schon kurz nach der Ankunft muss er feststellen, dass Indominus ungeahnte Fähigkeiten besitzt. Der Gigant bricht aus und bedroht nun über 20.000 Menschen, die vorerst auf der Insel festsitzen…

18.07.2016

Karl May: Im Lande des Mahdi III

Kindle Edition

 

Seit geraumer Zeit unterstützt Kara Ben Nemsi den Reis Effendina, einen Beauftragten des Vizekönigs von Ägypten, bei der Zerschlagung eines Sklavenhändlerringes im Sudan. Nicht nur seine Fortschritte im Kampf gegen den gefürchteten Sklavenjäger Ibn Asl sowie dessen Spießgesellen Abd el Barak und den Muza'bir hat der Reis Effendina hauptsächlich dem listenreichen Deutschen zu verdanken. Kara Ben Nemsi hat darüber hinaus sein eigenes Leben aufs Spiel gesetzt, um einen Mordanschlag auf den Reis Effendina zu vereiteln. Mit der Zeit hat sich eine Freundschaft zwischen Kara Ben Nemsi und dem Reis Effendina entwickelt, doch diese hat keinen langen Bestand. Die Milde des Christen ist dem mit unnachgiebiger Härte vorgehenden Reis Effendina ein Dorn im Auge, außerdem wecken Kara Ben Nemsis Erfolge den Neid des hochrangigen Beamten.

 

So gelingt es Kara Ben Nemsi, ein von Abd el Barak und dem Muza’bir vorbereitetes Lager am Ufer des Nils, welches für eine große Sklavenjagd Ibn Asls verwendet werden sollte, im Handstreich einzunehmen. Wie üblich würde Kara Ben Nemsi seine Gefangenen gern schonen, doch der Reis Effendina handelt wieder einmal nach dem Grundsatz »Wehe dem, der wehes tut«. Die beiden Übeltäter werden gehängt. Die Bewohner eines Dorfes, die von den Sklavenjägern zur Mitarbeit gezwungen wurden, schließen sich der Truppe des Reis Effendina an. Gemeinsam ziehen die Soldaten und die Krieger vom Stamme der Bor nach Wagunda. Dort will Ibn Asl demnächst zuschlagen, und dort soll sich sein Schicksal erfüllen. Zu seinem größten Missvergnügen stellt der Reis Effendina fest, dass Kara Ben Nemsi bei den Soldaten beliebter ist als er selbst und dass sich die Bor dem Befehl des Deutschen unterstellen wollen. Es kommt zum Streit, woraufhin Kara Ben Nemsi den Reis Effendina verlässt. Er nimmt nur seinen treuen Gefährten Ben Nil und den tölpelhaften Selim mit, der sich nicht abschütteln lässt. Letzterem hat Kara Ben Nemsi die erneute Gefangennahme durch Ibn Asl zu verdanken.

 

Diesmal landet Kara Ben Nemsi selbst im Sklavenjoch. Er kann nichts tun, als Ibn Asl das Dorf Foguda überfällt, alle Kinder und Greise niedermetzelt und die Überlebenden als Sklaven davonschleppt. Als es ihm zu guter Letzt doch noch gelingt, Ibn Asl seiner gerechten Strafe zuzuführen, kommt es ausgerechnet dadurch zum endgültigen Bruch mit dem Reis Effendina. Die einstigen Freunde werden zu Feinden…

 

Der dritte und letzte Teil der »Mahdi«-Trilogie enthält zusätzliche Kapitel, die von Karl May nachträglich zur Veröffentlichung der Buchausgabe geschrieben worden sind. Darin wird endgültig geklärt, dass der Ich-Erzähler mit Kara Ben Nemsi identisch ist. In den Kapiteln wird rückblickend erzählt, wie Kara Ben Nemsi und Hadschi Halef Omar in eine Blutrache zwischen zwei Kurdenstämmen hineingezogen werden. Im Verlauf dieser Ereignisse wird Kara Ben Nemsis Pferd Rih gestohlen und muss natürlich wiederbeschafft werden. Vor allem aber gelingt es dem Deutschen, einen glühenden Anhänger des Mahdi zum Christentum zu bekehren - Karl May kann’s halt einfach nicht lassen. Diese Episode wird gegen Ende des Romans wieder aufgegriffen, wirkt aber ziemlich aufgesetzt. Überhaupt ist der ganze Mahdi-Subplot, dem die Trilogie immerhin den Namen verdankt, im Grunde vollkommen verzichtbar. Er dient dem Autor nur dazu, wieder einmal mit größter Penetranz die Überlegenheit des Christentums herauszustellen. Das ist ebenso nervtötend wie die Darstellung der »primitiven Neger«, mit denen es Kara Ben Nemsi im Sudan zu tun hat. Leider geht der größte Teil des Humors auf ihre Kosten.

 

Ansonsten muss ich mich wiederholen: Die Handlung ist durchaus unterhaltsam, verläuft aber größtenteils nach dem altbekannten Schema. Kara Ben Nemsi belauscht seine Feinde und erfährt auf diese Weise, welche Pläne sie verfolgen, oder er horcht sie in einem Gespräch geschickt aus. Dann nimmt er die Schurken gefangen und legt in wortreichen Gesprächen dar, wie ihm das gelungen ist, das heißt, er beweist ihnen, wie doof sie im Vergleich mit ihm sind. Alternativ erörtert er zunächst mit seinen meist ziemlich begriffsstutzigen Gefährten, wie er vorgehen wird. Sobald das Vorhaben verwirklicht wurde, erläutert er den verdutzten Bösewichten, warum sie zwangsläufig unterliegen mussten. Alles in allem wird sehr viel geredet, das eigentliche Geschehen wird dagegen in ein paar Sätzen abgehandelt. Zwischendurch wird Kara Ben Nemsi mehrmals gefangen genommen, entkommt aber natürlich sehr schnell wieder. Dasselbe habe ich schon im Kommentar zu Band 2 geschrieben. Wenn die Handlung mal ein wenig von diesem Schema abweicht, zum Beispiel bei einer Nilpferdjagd zu Beginn des Romans, gelingen dem Autor aber doch wieder fesselnde und einprägsame Momente.

 

13.07.2016

Stephen King: Joyland

Heyne, 2015

352 Seiten

 

Im Sommer 1973 jobbt Devin Jones im Freizeitpark Joyland in Heaven’s Bay, North Carolina. Er wurde von seiner Freundin Wendy verlassen und dadurch in tiefen Liebeskummer gestürzt, aber in Joyland findet er in den Aushilfskräften Tom Kennedy und Erin Cook neue Freunde, die ihm ein wenig über den Verlust hinweghelfen. Der erfahrene Jahrmarktsmitarbeiter Lane Hardy nimmt Devin unter seine Fittiche, weist ihn in die verschiedenen Tätigkeitsbereiche ein und bringt ihm den eigentümlichen Jargon bei, den alle Beschäftigten von Joyland verwenden. Tag für Tag geht Devin zu Fuß am Strand entlang von seiner kleinen Mietwohnung zum Park und zurück. Stets kommt er an einer Villa vorbei, in der Mike Ross, ein an den Rollstuhl gefesselter Junge, mit seiner Mutter Annie lebt. Annie ist zunächst äußerst reserviert, doch als es Devin gelingt, ihrem todkranken Sohn ein paar glückliche Tage zu bereiten, kommen sich der 21-jährige Student und die zehn Jahre ältere Frau allmählich näher. So erfährt Devin, dass Mike das Zweite Gesicht hat.

 

Joyland ist kein großer Park und in nicht allzu ferner Zukunft wird er vor der übermächtigen Konkurrenz kapitulieren müssen, aber noch lockt er tausende Besucher an. Verschiedene Achterbahnen, ein Riesenrad, diverse Shows, Schießbuden, Snackbars und die Geisterbahn Horror House, in der es angeblich wirklich spukt, liefern das, was der Name des Parks verspricht: Viel Spaß! Die Hauptattraktion von Joyland, vor allem für die Allerkleinsten, ist Howie, der glückliche Hund. Die meisten männlichen Aushilfskräfte müssen irgendwann einmal ins Kunstfell dieses Maskottchens schlüpfen und in der Sommerhitze schwitzen. Als sich herausstellt, dass Devin eine besondere Begabung dafür hat, die Kinder im Howie-Fell zu bespaßen, fällt ihm diese Aufgabe hauptamtlich zu. Devin wird sogar zum gefeierten Helden und verschafft dem Park gute Publicity. Er rettet einem kleinen Mädchen das Leben, das fast an einem Hot-Dog erstickt wäre. Für Devin wird der Sommer in Joyland zur glücklichsten Zeit seines Lebens. Er unterbricht das Studium, um auch während der Nachsaison im Park arbeiten zu können.

 

Doch es liegt ein Schatten auf Joyland. Im Horror House wurde vor vier Jahren eine junge Frau namens Linda Gray ermordet. Der Täter wurde nie gefunden. Der Geist seines Opfers geht der Legende nach im Horror House um. Devin sammelt Informationen über den Fall. Er würde den Geist gern sehen, doch das wird nicht ihm zuteil, sondern ausgerechnet dem Skeptiker Tom, dessen Weltbild daraufhin ins Wanken gerät. Erin, die mit Tom zusammen ist, beginnt zu recherchieren. Sie findet unter anderem heraus, dass Linda Gray das jüngste Opfer eines Serienmörders war, der immer dann zugeschlagen hat, wenn ein Jahrmarkt in der Gegend war. Erins Erkenntnisse sind die letzten Puzzleteilchen, die Devin braucht, um die Identität des Serienmörders zu enträtseln. Der Killer befindet sich immer noch in Joyland – und er ist darüber im Bilde, dass Devin ihm auf die Schliche gekommen ist…

 

Bei manchen Schriftstellern weckt allein der Name eine bestimmte Erwartungshaltung, was für Irritation oder gar Enttäuschung sorgen kann, wenn sich der Autor mal außerhalb des gewohnten Genres bewegt und die Erwartungen durch einen irreführenden Klappentext auch noch angeheizt werden. Im Falle von »Joyland« ist der der Werbetext vergleichsweise zurückhaltend ausgefallen. Zum Glück! Denn wer das Buch liest und dabei Horror-Klassiker wie »Shining«, »Friedhof der Kuscheltiere« oder »ES« im Hinterkopf hat, wird sicherlich enttäuscht sein, und das wäre schade. »Joyland« ist natürlich in vielerlei Hinsicht ein typischer King, aber obwohl ein Geist vorkommt (genau genommen sind es sogar zwei) sowie ein Junge mit dem Zweiten Gesicht, so gehört das Buch doch ebenso wenig ins Horrorgenre wie »Der Anschlag«. Vielmehr handelt es sich um eine rückblickend vom alt gewordenen Devin erzählte und somit nostalgisch verbrämte Geschichte übers Erwachsenwerden, über Verluste und verpasste Gelegenheiten, bei der die Krimihandlung und erst recht die übernatürlichen Elemente nicht im Mittelpunkt stehen. Tatsächlich wirken letztere für meinen Geschmack zu aufgesetzt. Sie werden im Grunde gar nicht benötigt.

 

Ich würde nicht so weit gehen zu behaupten, dass der Plot rund um Linda Greys Geist nur eine untergeordnete Rolle spielt, aber es dauert sehr lang, bis der Geist überhaupt auftaucht. Vorher ist natürlich schon öfters die Rede vom Mord im Horror House, aber zunächst könnte man »Joyland« als ganz normale Gegenwartsprosa bezeichnen. Devin erzählt ausführlich von seiner unglücklichen Liebe und noch ausführlicher von der Arbeit in Joyland sowie von den Personen, denen er dort begegnet. Mit knapp 350 Seiten ist der Roman für King’sche Verhältnisse relativ kurz. Dennoch entfaltet der Autor alle Stärken, für die er bekannt ist: lebendige Figurenzeichnung und die Erschaffung einer ganz besonderen Atmosphäre. Man wird in die Handlung hineingezogen und hat fast das Gefühl, als könne man die Hitze jenes goldenen Sommers in den Siebzigerjahren spüren, den Duft von Zuckerwatte und Hot-Dogs im Vergnügungspark riechen. Wer sich auf diese Ausführlichkeit (böse Zungen könnten von Geschwätzigkeit reden, ich sehe das anders) einlässt und keinen von einem grausigen Höhepunkt zum nächsten führenden Gruselthriller erwartet, den erwartet eine meisterhaft erzählte Geschichte. Zugegeben, am Ende habe ich mich gefragt, was King mir mit dieser Geschichte eigentlich sagen wollte. Gefesselt war ich trotzdem.

 

11.07.2016

Urlaub 2016: Kreta (22.06.2016 bis 06.07.2016)

 

Aufmerksamen Lesern meiner kleinen Reiseberichte wird vielleicht auffallen, dass ich jetzt nach 2013 und 2014 schon zum dritten Mal innerhalb von vier Jahren Urlaub auf Kreta gemacht habe, und zwar immer im Westteil der Insel. Der Bericht fällt deshalb kürzer aus als sonst, aber das heißt nicht, dass wir in diesem Jahr nur am Strand herumgelegen oder dasselbe gemacht hätten wie bei unseren vorherigen Besuchen auf dieser schönen Insel. Ganz im Gegenteil! Abgesehen von einem kurzen Besuch beim (inzwischen leider völlig überlaufenen) Traumstrand Elafonisi haben wir nur neue Touren unternommen. Kreta ist so groß, dass man immer wieder Neues entdecken kann – sofern man mobil ist. Aus diesem Grund haben wir einen Mietwagen für zwei Wochen im voraus gebucht. Auf Kreta gibt es natürlich ein gut ausgebautes Busnetz, aber ohne eigenen fahrbaren Untersatz ist man doch ein bisschen aufgeschmissen, wenn man entlegenere Gegenden nach eigenem Gutdünken erkunden möchte.

 

Die erste unserer beiden Urlaubswochen haben wir in Chania an der Nordküste verbracht. Chania, nach Heraklion die zweitgrößte Gemeinde Kretas, ist meiner Meinung nach die schönste Stadt der Insel. Praktischerweise hat Chania einen eigenen Flughafen, der von Deutschland aus direkt angeflogen wird, außerdem gibt es in der Nähe der Altstadt einen kostenfreien Parkplatz, der vom Flughafen aus bequem erreichbar ist. Einfach immer auf der Hauptstraße (E. Venizelou) bleiben und in der Nähe des Stadions rechts auf die Dodekanisou abbiegen. Der Parkplatz gehört zu einem Freilufttheater und ist nie voll, sofern dort keine Veranstaltungen stattfinden. In den engen Gassen der von venezianischen und türkischen Einflüssen geprägten Altstadt pulsiert während der Saison bis spät in die Nacht das Leben, und zwar nicht nur das touristische. Viele Griechen aus anderen Regionen des Landes machen hier ebenfalls Urlaub. Ruhige Gässchen gibt es hier natürlich auch, und in einem solchen befindet sich unser Urlaubsdomizil, das Boutique-Hotel Ionas.

 

Das Hotel Ionas, ein restauriertes historisches Gebäude aus dem 16. Jahrhundert

Man kann drinnen frühstücken, viel angenehmer ist es aber draußen in einem kleinen Innenhof. Dort ist man jedoch immer unter Beobachtung. Während unseres Aufenthalts sind dort stets mindestens vier (sehr gepflegte) Katzen herumgeschlichen, wenn sie nicht gerade gepflegt Siesta hielten.

 

Eine Katze aus unserer »Viererbande«

Die Tiere waren stets präsent, aber nicht aufdringlich. Sie werden ja auch von den Hotelbesitzern gefüttert.

 

Das Hotel ist wirklich sehr ruhig gelegen, aber biegt man einmal um die Ecke, ist man schon wieder mitten im Trubel und bis zur Hafenpromenade mit unzähligen Restaurants, Shops und Museen sind es nur ein paar Gehminuten. Chania eignet sich bestens zur Erkundung der Halbinsel Akrotiri. Vom Grab des Nationalhelden Eleftherios Venizelos aus hat man einen prima Blick über die ganze Bucht, weitere lohnenswerte Ausflugsziele auf der Halbinsel sind der Ort Stavros, in dem einige Szenen des Films »Alexis Zorbas« gedreht wurden, und verschiedene Klöster.

 

Kloster Agia Triada

Baden ist am Stadtstrand von Chania zwar möglich, viel schönere Strände erreicht man aber mit dem eigenen Auto oder dem öffentlichen Bus völlig problemlos innerhalb weniger Minuten. Westlich der Stadt erstreckt sich ein kilometerlanger feinsandiger Strand entlang der Ortschaften Agia Marina, Platanias und Gerani. Da wir uns in Platanias seit unserem vorletzten Kreta-Urlaub gut auskennen, sind wir dorthin gefahren.

 

Sehr empfehlenswert ist ein Ausflug nach Argiroupolis beziehungsweise zu den etwas unterhalb dieses Bergdorfes gelegenen Wasserfällen. Selbst im Hochsommer rauschen hier Gebirgsbäche zu Tal und versorgen die Stadt Rethymnon mit Trinkwasser. Findige Gastronomen haben Tavernen rund um die kleinen Wasserfälle herum gebaut, und so kann man hier auch bei größter Hitze gemütlich im Schatten der dichten Bäume sitzen. In großen Bassins schwimmen Forellen. Wer möchte, kann sein eigenes Mittagessen per Kescher fangen! Kreta ist bekanntlich ein Paradies für Wanderfreunde. Wer sich die ganztägige Wanderung durch die berühmte Samaria-Schlucht nicht zutraut, kann von Chania aus zum Ort Imbros fahren und die gleichnamige Schlucht durchwandern.

 

Die zweite Urlaubswoche verbrachten wir wie vor zwei Jahren im Hotel »Libyan Princess« im Städtchen Paleochora an der Südküste. An meiner positiven Hotelbewertung von damals hat sich nichts geändert!

 

Paleochora

Von hier aus kann man einen netten Schiffsausflug nach Sougia und zu den dortigen Ausgrabungen (Lissos) machen. Lissos lässt sich von Sougia aus auch erwandern, ich fand das letzte Stück des Weges (bergauf, bergab über Stock und Stein) aber ganz schön beschwerlich. Ich werde wohl langsam alt… Lohnend ist auch eine kleine Wanderung zum ca. fünf Kilometer von Paleochora entfernten Dörfchen Anidri. In der Nachmittagshitze kann der Fußmarsch ganz schön schweißtreibend sein, zumal es stetig bergauf geht, aber am Ziel wartet das sehr empfehlenswerte, von jungen Leuten betriebene Kafenion »Sto Scolio«.

 

Auch in unserem Stammlokal in Paleochora wurden wir wieder permanent von Katzen beobachtet. Die sind schon ein bisschen energischer aufgetreten als ihre Pendants in Chania.

 

Wer könnte hier widerstehen?

Ich kann mich nur wiederholen: Kreta ist die perfekte Insel für mobile Griechenland-Freunde. Neben touristischer Infrastruktur findet man immer noch das »alte« Griechenland. Moderne und Tradition existieren Seite an Seite. Die abwechslungsreiche Landschaft, die wunderschönen Strände und die weltberühmten archäologischen Stätten locken Jahr für Jahr mehr Touristen an, dennoch ist die Insel bestens für Individualurlauber geeignet. Wer gern eine irgendwo im Nirgendwo hingeklotzte All-Inclusive-Luxus-Hotelanlage buchen und diese höchstens verlassen möchte, um an den Strand zu gehen oder eine organisierte Inselrundfahrt mit »griechischem Abend« mitzumachen, der findet auf Kreta natürlich entsprechende Angebote. Wer sich darauf beschränkt, macht aber definitiv was falsch.

 

10.07.2016

Volker Klüpfel / Michael Kobr: Erntedank

Kindle Edition

 

Wasserrohrbruch bei Kluftingers! Als Klufti und seine Frau Erika vom Einkaufen zurückkommen, steht das ganze Badezimmer unter Wasser. Eigentlich keine besonders große Tragödie, aber die Reparaturarbeiten schlagen zum Missvergnügen des knickrigen Kriminalkommissars besonders teuer zu Buche, weil sie so schnell wie möglich erledigt sein müssen, denn Kluftingers Sohn, der Psychologiestudent Markus, hat einen seiner seltenen Besuche angekündigt. Kluftinger und seine Frau müssen bei Langhammers logieren, solange der Klempner bei ihnen zu Hause zugange ist – das ist für Klufti die eigentliche Katastrophe, denn sein Intimfeind, der besserwisserische und stets betont weltmännisch auftretende Dr. Langhammer lässt keine Gelegenheit aus, um Kluftinger mit allem zu piesacken, was dieser hasst: Spieleabende (natürlich »Trivial Pursuit«), Vollwert-Körnermüsli (für Klufti ist das Vogelfutter) zum Frühstück, Besuch eines Erlebnisbades mit gemeinschaftlichem Saunagang…

 

Da kommt die Fahrt zur Arbeit fast schon einer Flucht gleich. Tatsächlich muss sich Kluftinger intensiv auf seinen aktuellen, besonders spektakulären Fall konzentrieren. Zwei Menschen, einem Mann und einer Frau, wurden mit einer Sense Marke »Erntedank« die Kehlen durchgeschnitten. Die bizarre Art und Weise, in der beide Leichen arrangiert waren und die Tatsache, dass rätselhafte Botschaften an den Tatorten zurückgelassen wurden, lässt nur einen Schluss zu: Im Allgäu geht ein Serienmörder um! Kluftinger und seine Kollegen suchen nach Gemeinsamkeiten der Opfer und nach einem Motiv, tappen aber zunächst im Dunkeln. Hier kann Markus helfen, der, wie Kluftinger jetzt erst erfährt, Profiler werden will. Kluftinger ist gar nicht damit einverstanden, dass sich sein Sohn mit, wie er sagt, abartigen Verbrechern beschäftigen will, aber Markus kann ein Täterprofil für den Sensenmörder liefern und somit entscheidende Hinweise geben.

 

So wird klar, dass der Mörder seine Opfer für Taten bestrafen wollte, wegen denen sie vor Gericht nicht belangt werden konnten. Die erste Tote, eine gewisse Dr. Heiligenfeld, hat in den Achtzigerjahren illegale Abtreibungen vorgenommen. Das zweite Opfer, Gernot Sutter, hat Kaffeefahrten veranstaltet und mehrere alte Leute um viel Geld betrogen. Ein Teilnehmer hat danach sogar Selbstmord begangen. Der »Sensenmann« hat einen bestimmten Modus Operandi. Vorbilder für seine bisherigen Taten waren die Allgäuer Sagen vom Ritter Kuno von Wappenscheuchen und von den Zwölf Knaben. Kluftinger vertieft sich in die Sagenwelt seiner Heimat, denn ihm ist klar, dass der »Sensenmann« bald wieder zuschlagen wird. Dabei kommt er dem Täter näher, als er zunächst ahnt…

 

Kluftingers zweiter Fall ist durchaus spannend und vor allem wegen der Verknüpfung mit der Allgäuer Sagenwelt interessant. Man erfährt so einiges über alte Legenden und Märchen. Wer hätte gedacht, dass sich die Menschen in früheren Zeiten erstaunlich oft vor dämonischen Pudeln geängstigt haben? Zudem werden überraschende Wendungen geboten und am Ende gibt’s sogar etwas handfeste Action!

 

Der Fall tritt jedoch über weite Strecken des Romans komplett in den Hintergrund. In diesem speziellen Fall empfinde ich das aber nicht als Schwäche, sondern als Stärke des Romans. Mehr noch als in »Milchgeld«, dem Erstlingswerk des Autorenduos Klüpfel und Kobr, ist der grantige Kriminalkommissar Kluftinger das größte Pfund, mit dem die Autoren wuchern können. Wie ich im Kommentar zum vorherigen Roman schon geschrieben habe, ist der Mann eine so lebensnahe Figur, dass ich erneut sagen kann: Ich kenne Leute, die genau so sind wie er, tatsächlich habe ich selbst einige seiner Charaktereigenschaften. Die Mischung aus Lokalkolorit, Humor und Spannung funktioniert jedenfalls wieder prächtig. Einige Kapitel mögen rein gar nichts mit Kluftis Fall zu tun haben, aber sie dienen der Figurenzeichnung. Und die ist einfach hervorragend gelungen.

 

Teilweise übertreiben Klüpfel/Kobr es vielleicht jedoch ein wenig. So manches Missgeschick des von dem Fluch, kein Fettnäpfchen auszulassen, und der Tücke des Objekts geplagten Kommissars artet in puren Slapstick aus. Die Kollegen im Präsidium tragen auch wieder einiges zum typischen Klufti-Humor bei, ihnen wird etwas mehr Aufmerksamkeit gewidmet als bisher. Mit Markus Kluftinger kommt eine interessante neue Nebenfigur hinzu.

 

08.07.2016

Douglas Preston / Lincoln Child: Attack – Unsichtbarer Feind

Knaur, 2015

476 Seiten

 

Corrie Swanson hat ihre problematische Vergangenheit hinter sich gelassen. Sie will auf eigenen Beinen stehen, vor allem will sie nicht mehr auf die Hilfe des exzentrischen FBI-Agenten Aloysius Pendergast angewiesen sein, der sie unter seine Fittiche genommen hat. Sie studiert am John Jay College of Criminal Justice, einer angesehenen, aber auch ziemlich konservativen Institution. Ihr akademischer Betreuer ist jedoch der Meinung, dass sie immer noch nicht erwachsen geworden ist. Nachdem er zwei Vorschläge für Forschungsprojekte abgelehnt hat, mit denen Corrie den renommierten, mit 20.000 Dollar dotierten Rosewell-Preis für die beste Semesterarbeit zu gewinnen hofft, sucht sie im College-Archiv nach neuen Themen. Zu ihrem Glück hat der mit Corrie befreundete Archivar kürzlich eine Kopie von Arthur Conan Doyles Tagebuch gelesen und darin eine interessante Information entdeckt. Der Schöpfer des berühmten Detektivs Sherlock Holmes hat sich im Jahre 1889 mit Oscar Wilde getroffen. Dieser hat ihm eine entsetzliche Geschichte über einen menschenfressenden Grizzly im Bergarbeiterlager Roaring Fork in Colorado erzählt, die ihm während einer Lesereise in Amerika zu Ohren gekommen ist. Elf Menschen sind dem Bären damals zum Opfer gefallen. Eine Untersuchung der Skelette könnte von einigem Interesse für die Forensik sein.

 

Kurz entschlossen macht sich Corrie auf den Weg nach Roaring Fork. Es gibt nur ein Problem. Die ehemalige Silbermine hat sich zu einem exklusiven Wintersportrevier für die Superreichen gemausert. Der alte Friedhof, auf dem auch die Opfer des Bären geruht haben, musste einem Bauprojekt weichen. Dort sollen neue Luxushäuser entstehen, eine Erweiterung der für Multimillionäre gedachten Wohnanlage »The Heights«. Die Särge werden in einem Lagerschuppen für Pistengerätschaften aufbewahrt. Davon lässt sich Corrie nicht abschrecken und nach einem Gespräch mit Polizeichef Stanley Morris darf sie sogar die Gebeine des Bergarbeiters Emmett Bowdree in Augenschein nehmen. Dabei fallen ihr Kratzspuren an den Knochen auf, die nicht zu einem Bärenangriff passen. Auch sonst verläuft Corries Aufenthalt in Roaring Fork vielversprechend; sie verliebt sich in den jungen Bibliothekar Ted Roman. Doch schon bald wendet sich das Blatt. Betty Brown Kermode, die Besitzerin der örtlichen Immobilienfirma, verbietet weitere Recherchen. Nachdem Corrie bei Kermode abgeblitzt ist, bricht sie in den Lagerschuppen ein, um ihre Theorie zu verifizieren. Sie geht inzwischen davon aus, dass die Bergarbeiter von Menschen getötet wurden. Doch sie fliegt auf und landet im Gefängnis.

 

Corrie ist verzweifelt, denn der Vorfall ist gleichbedeutend mit dem Ende ihrer Karriere. In dieser Situation schaltet sich Pendergast ein. Er hat lange gebraucht, um über den Verlust seiner Frau Helen sowie über die Erkenntnis hinwegzukommen, dass er zwei Söhne hat, von denen einer ein wahnsinniger Mörder ist. Jetzt rafft er sich auf und steht Corrie bei. Er kontaktiert eine Nachfahrin des – wie Pendergast beweisen kann – unrechtmäßig in der Totenruhe gestörten Bergarbeiters und sorgt mit ihrer Hilfe dafür, dass Corrie straffrei ausgeht. Pendergast interessiert sich für Corries Theorie und sieht Parallelen zum Sherlock-Holmes-Roman »Der Hund der Baskervilles«. Doyle hat die von Wilde gehörte Geschichte darin zumindest teilweise verarbeitet. Dann steht plötzlich eine Luxusvilla in The Heights in Flammen. Es handelt sich um Brandstiftung und der Täter hat dafür gesorgt, dass alle Bewohner bei lebendigem Leib verbrennen.

 

Während Corrie ihre Untersuchungen fortsetzt, was den Mächtigen in Roaring Fork ganz und gar nicht gefällt, so dass sie zu extremen Gegenmaßnahmen greifen, macht sich Pendergast auf die Suche nach dem Manuskript einer verschollenen Geschichte Doyles, die seinerzeit nicht veröffentlicht wurde, weil man der Meinung war, sie sei gar zu schrecklich und nicht für das Publikum geeignet. Pendergast nimmt an, dass in diesem Text Hinweise auf die wahren Vorfälle in Roaring Fork verborgen sind. Pendergast und Corrie ahnen nicht, dass das finstere Erbe der Vergangenheit noch immer höchst lebendig ist – ein Erbe, das zum Untergang der ganzen Stadt führen könnte…

 

Das Autorenduo Preston & Child hat zahlreiche Romane veröffentlicht, die inzwischen einen regelrechten Zyklus rund um den FBI-Agenten Pendergast bilden. »Attack« ist bereits der dreizehnte. Die Qualität dieser Romane schwankt meiner bescheidenen Meinung nach stark. Manchmal konzentrieren sich die Autoren zu sehr auf mysteriöse Vorkommnisse aus Pendergasts Vergangenheit, verrennen sich in sinnlosen Nebenhandlungen oder konstruieren völlig unglaubwürdige Szenarien. Die letzten beiden Bücher (»Revenge« und »Fear«) konnten mich überhaupt nicht mehr überzeugen. Nazis, die seit dem Zweiten Weltkrieg an der Erschaffung des Übermenschen arbeiten, eine Geheimbasis über einem Vulkan mitten Dschungel errichtet haben und die Weltherrschaft an sich reißen wollen?!? Wenn das nicht nach einer abgedroschenen James Bond – Storyline klingt, dann weiß ich’s auch nicht. Das war mir einfach alles zu viel, zu abgedreht, viel zu weit hergeholt.

 

Ich hatte gehofft, Preston & Child würden bald zu alten Stärken zurückfinden. Den x-ten Pendergast-Roman nach demselben Strickmuster, womöglich mit weiter gesteigerten Comic-Elementen, hätte ich nicht lesen wollen. Und was soll ich sagen? Meine Wünsche wurden erfüllt! Tatsächlich halte ich »Attack« sogar für einen der besten Pendergast-Romane überhaupt. Dabei steht der Agent gar nicht im Mittelpunkt, zumindest nicht in der ersten Hälfte. Stattdessen folgen wir Corrie Swanson, einer der zahlreichen Haupt-Nebenfiguren aus dem Pendergast-Universum, und meiner Meinung nach der interessantesten. Sie hat das alte Emo-Punkerinnen-Outfit gegen »vernünftige« Klamotten eingetauscht, aber ihr loses Mundwerk hat sie nicht abgelegt. Damit und mit ihrer etwas leichtsinnigen Art bringt sie sich immer wieder in Schwierigkeiten! Etwas zu oft vielleicht, insbesondere deshalb, weil die Story ohne Corries Patzer nicht so recht vorankommen würde. Aber gerade durch ihre ruppig-charmanten Eigenschaften wird Corrie so richtig sympathisch.

 

Doch dann löst sich Pendergast aus den Grüblereien, in die er nach den in »Fear« geschilderten Geschehnissen gestürzt ist, und hat schon bald einen unverwechselbaren Auftritt zur Rettung Corries. Seine besonderen Fähigkeiten hat er natürlich nicht eingebüßt, er wurde von den Autoren aber doch ein bisschen zurechtgestutzt. Das tut ihm sehr gut, zuletzt war er ja fast so etwas wie eine 007-Batman-Schimäre! Pendergast und Corrie lösen den neuen Kriminalfall diesmal nicht mit Feuergefechten, wilden Verfolgungsjagden und dergleichen, sondern durch solide Ermittlungsarbeit. In diesem Zusammenhang wird sogar eine komplette Sherlock-Holmes-Story eingebunden, die zwar nicht aus Sir Arthur Conan Doyles Feder stammt, aber dessen Stil treu bleibt. In Roaring Fork geht es einerseits um handfeste wirtschaftliche Interessen, Betrug und Vertuschung, andererseits fließt mit dem Rätsel um die vermeintlichen Bärenangriffe jenes besondere »Mystery«-Element ein, das für Preston/Child-Romane typisch ist. Durch geschickt ausgelegte Hinweise und falsche Spuren wird der Leser in die Irre geführt, aber die Auflösung ist absolut glaubwürdig und hat nichts mit übernatürlichen Phänomenen zu tun.

 

»Attack« ist endlich wieder ein bodenständiger, geradliniger Thriller, bei dem die Alleinstellungsmerkmale des Pendergast-Zyklus nicht ignoriert, aber auch nicht übertrieben werden. Es wird eine neue Nebenfigur eingeführt, von der wir vielleicht in einem späteren Roman noch etwas hören werden (ich fänd’s gut): Captain Stacy Bowdree, eine junge Ex-Armeeangehörige, die von ihren eigenen Dämonen verfolgt wird. Die Spannung bleibt stets auf hohem Niveau und die Verknüpfung mit Leben & Werk Sir Arthur Conan Doyles ist das Sahnehäubchen. Ich war ja schon immer der Meinung, dass Pendergast und Holmes Brüder im Geiste sind. Sehr schön! So kann’s denn doch weitergehen mit Agent Pendergast.

 

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