Willkommen auf Kringels Homepage!

Auf dieser Seite stelle ich Bücher, Filme und Games vor, mit denen ich mich in den letzten vier Wochen beschäftigt habe. Außerdem berichte ich ab und zu über besondere Erlebnisse.

 

20.07.2017

Ted 2 (Blu-ray)

 

Ted, ein zum Leben erwachter Teddybär, hat geheiratet. Die Ehe droht schon nach einem Jahr zu scheitern. Dem Rat einer Arbeitskollegin folgend schlägt Ted seiner Gattin vor, ein Kind zu machen, um die Beziehung zu retten. Teds Frau Tami-Lynn ist begeistert. Da die entsprechenden körperlichen Voraussetzungen bei dem Plüschtier nicht gegeben sind, wird Teds bester Freund John Bennett als Samenspender herangezogen. Doch John bemüht sich vergeblich, denn Tami-Lynn ist infolge jahrelangen Drogenkonsums unfruchtbar. Also muss ein Kind adoptiert werden. Das geht nur nach gründlicher Durchleuchtung des Hintergrundes der potentiellen Eltern. Bei dieser Gelegenheit wird amtlich festgestellt, dass Ted kein Mensch ist, sondern eine Sache. Die Bürgerrechte werden ihm aberkannt, so dass er Kreditwürdigkeit und Job verliert. Sogar die Ehe wird für ungültig erklärt. Ted zieht vor Gericht. Doch er hat mächtige Gegner, von deren Existenz er nichts ahnt und die ein großes Interesse daran haben, dass er den Prozess verliert…

17.07.2017

Ian McDonald: Cyberabad

Heyne, 2012

799 Seiten

 

Mitte des 21. Jahrhunderts ist Indien in mehrere unabhängige Staaten zerfallen. Aufgrund des seit Jahren ausgebliebenen Monsuns und der daraus resultierenden Wasserknappheit sind die Beziehungen zwischen den nordindischen Teilstaaten Bharat und Awadh angespannt. Ein gigantischer Eisberg wird ins Gangesdelta geschleppt. Man hofft, auf diese Weise das Klima verändern und die Regenzeit künstlich erzeugen zu können. Dennoch droht ein Krieg um das Wasser des heiligen Flusses. Die Lage wird durch die Agitation eines hinduistischen Fundamentalistenführers namens N.K. Jivanjee weiter verschärft. Seine Anhänger bereiten ein gigantisches Prozessionsfest vor, in dessen Vorfeld es zu Ausschreitungen gegen Muslime und andere Minderheiten kommt. Man befürchtet, dass sich die Unruhen zu landesweiten Pogromen ausweiten könnten. Ein Großteil der Bürger interessiert sich nicht für diese Entwicklungen. Millionen Menschen aller Kasten und Bevölkerungsschichten verfolgen Tag für Tag gebannt die Geschehnisse von »Stadt und Land«, einer Fernsehsoap, die in einer nicht von der Realität unterscheidbaren digitalen Kunstwelt spielt und deren Darsteller keine Menschen sind, sondern Avatare künstlicher Intelligenzen. Andere KIs lenken die Informations- und Verkehrsnetze, steuern Roboter und dienen den Menschen als persönliche Assistenten. Hochwertige KIs sind potentiell gefährlich und werden von einer als Krishna Cops bezeichneten Spezialeinheit der Polizei »exkommuniziert« (vernichtet), sofern sie versuchen, sich zu verselbständigen. KIs, die ein bestimmtes Entwicklungslevel überschreiten, gelten aufgrund internationaler Bestimmungen ohnehin als illegal.

 

Im August 2047 findet der Krishna Cop Mr. Nandha Hinweise auf die Existenz einer KI der Stufe drei. Ein derartiges Maschinenwesen ist weit intelligenter als seine Schöpfer und stellt eine Bedrohung unschätzbaren Ausmaßes dar. Mr. Nandha widmet sich diesem wichtigsten Fall seiner Karriere mit voller Hingabe und setzt seine Ehe aufs Spiel. Shaheen Badoor Khan, der muslimische Privatsekretär der Premierministerin Bharats, fällt einer von N.K. Jivanjee inszenierten Intrige zum Opfer, die den Staat in ihren Grundfesten erschüttert. Vishram Ray tritt die Nachfolge seines Vaters an der Spitze des Familienunternehmens Ray Power an. Er interessiert sich besonders für ein Projekt zur Gewinnung von Energie aus anderen Universen. Vishram verhindert den Verkauf von Ray Power an ausländische Konkurrenten, indem er ein großzügiges Finanzierungsangebot des global agierenden Investors Odeco akzeptiert. Professor Thomas Lull, ein unübertroffenes Genie auf dem Gebiet virtueller Realitäten und künstlicher Intelligenz, hat sich nach Südindien zurückgezogen. Dort begegnet er einer faszinierenden jungen Frau namens Kij. Er hilft ihr bei der Suche nach ihren Eltern und kommt dabei einem ebenso ehrgeizigen wie unmenschlichen Forschungsprojekt auf die Spur. Lisa Durnau, ehemalige Kollegin und Geliebte Lulls, wird von der US-Regierung ins All geschickt. Im Inneren eines Asteroiden, der älter ist als das Sonnensystem, wurde ein außerirdisches Artefakt entdeckt. Das Objekt sendet eine aus drei Bildern bestehende Botschaft. Zu sehen sind die Gesichter Lulls, Durnaus und einer unbekannten jungen Frau…

 

Ein ausschließlich in Indien spielender Science-Fiction-Roman? Das ist ungewöhnlich. Zumindest kenne ich keinen anderen. Ian McDonald benutzt den Schauplatz nicht nur als Bühne für beliebige SF-Szenarien. Stattdessen lässt er dieses zukünftige Indien, in dem uralte Traditionen sowie verschiedene Religionen mit technischen und gesellschaftlichen Neuerungen zusammenprallen, für den Leser lebendig werden. Dreh- und Angelpunkt ist die pulsierende Multimillionenstadt Varanasi, deren von Alkospritmotoren, Garküchen, Leichenverbrennungen usw. verpestete Luft man fast selbst zu riechen glaubt, wenn man die detailreiche Darstellung des unüberschaubaren bunten Gewimmels liest. Hightech und Primitivität existieren nebeneinander. In den Slums leben die Menschen auf engstem Raum in einfachen Verhältnissen, aber alle haben einen Fernseher, auf dem ununterbrochen »Stadt und Land« läuft. Wohlhabende Bürger wie Mr. Nandha legen Dachgärten hoch über dem lärmenden Chaos an. Die Damen der noblen Gesellschaft vergnügen sich in der Cricketarena. Wunderschöne Neuts (Menschen, die durch chirurgische und gentechnische Eingriffe in perfekte Neutren umgewandelt wurden) ziehen in den Clubs alle Blicke auf sich. Religionsfanatiker und heilige Kühe legen den Verkehr lahm. Nackte Sadhus praktizieren ihr asketisches Leben am Straßenrand, unbeeindruckt vom Großstadttrubel und dem einen oder anderen vorbeistapfenden Kampfroboter... Der Autor extrapoliert aktuelle Entwicklungen, wobei er den Boden der Glaubwürdigkeit bzw. des technisch Machbaren nur selten verlässt. Der besondere Clou: Alles ist untrennbar mit der indischen Kultur verknüpft. Tatsächlich habe ich mehr über Indien gelernt, als ich je wissen wollte – will sagen: Manchmal übertreibt es der Autor mit der Verwendung indischer Begriffe. Es ist ein Glossar vorhanden, aber wenn ich ständig etwas nachschlagen muss, werde ich aus dem Lesefluss herausgerissen. Das hätte in diesem Ausmaß nicht sein müssen.

 

Das beinahe 800 Seiten umfassende Epos besteht aus einer Vielzahl von verschachtelten Handlungssträngen. Im zweiten Absatz des obigen Teasers habe ich die wichtigsten angerissen, mehrere weitere kommen hinzu. Sie werden aus dem Blickwinkel der namentlich genannten und aus ganz verschiedenen Milieus stammenden Protagonisten erzählt (was sich auch auf den Stil auswirkt) und scheinen zunächst keine Berührungspunkte zu haben. Zunächst kreuzen sich die Wege verschiedener Hauptpersonen mehr oder weniger zufällig. In welcher Beziehung sie zueinander stehen, wird erst ganz allmählich deutlich. Was es mit alldem auf sich hat, ist für den kundigen SF-Fan allerdings irgendwann klar, und so konnte mich die Auflösung nicht mehr überraschen. Achtung, hier folgt ein Spoiler – wer diese Information ignorieren will, möge beim nächsten Absatz weiterlesen. Das im Asteroiden gefundene Artefakt ist keineswegs außerirdischer Natur. Stattdessen wurde es von Menschen und KIs gemeinsam erschaffen, im Fall der Menschen allerdings unfreiwillig durch die Erforschung der Nullpunktenergie bei Ray Power. Es handelt sich um ein eigenes, abgekapseltes Universum, in das sich die letzten Stufe-3-KIs geflüchtet haben. Darin wurde der Zeitpfeil umgedreht, das heißt, das Mini-Universum entwickelt sich praktisch in die Vergangenheit hinein!

 

Mit seinem sprachlich und inhaltlich recht anspruchsvollen Roman zeichnet Ian McDonald ein sehr plastisches, greifbares Bild, erzeugt aber nur selten echte Spannung. Vielleicht hat er einfach zu viel gewollt und sich deshalb allzu sehr in Details verzettelt, die durchaus zu Stimmung und Atmosphäre beitragen, aber eben nicht zur Story. Die kommt lange nicht so recht in Gang und hat mir einiges an Geduld abverlangt. Trotzdem habe ich die Lektüre als lohnend empfunden. Der exotische Schauplatz und die vielen faszinierenden Ideen haben’s rausgerissen.

 

16.07.2017

Zypern (22.06.2017 bis 06.07.2017)

 

Aufmerksame Leser meiner Homepage werden bemerkt haben, dass meine bessere Hälfte und ich seit langer Zeit einmal jährlich Urlaub in Griechenland machen. Im Jahre 2017 sind wir unserem bevorzugten Urlaubsland ausnahmsweise untreu geworden – oder doch nicht? Jedenfalls wird meine Antwort »Zypern« auf die Frage nach unserem diesjährigen Urlaubsziel von fast jedem mit »also schon wieder Griechenland« kommentiert. Oder es wird die ebenso falsche Frage »im griechischen Teil?« gestellt, die ich der Einfachheit halber immer mit »Ja« beantworte. Zypern ist bekanntlich seit 1974 zweigeteilt. Es gibt die hauptsächlich von griechischstämmigen Zyprioten bewohnte, nicht zu Griechenland gehörende Republik Zypern und den türkisch besetzten Nordteil, der von keinem Staat außer der Türkei völkerrechtlich anerkannt wird. Das ist die erste und größte Besonderheit dieser Insel. Außerdem hat Zypern jahrzehntelang unter britischer Herrschaft gestanden. Diese Einflüsse sind heute noch deutlich spürbar. So herrscht in beiden Teilen Linksverkehr. Englisch ist die zweite Verkehrssprache im südlichen Teil. Und der Löwenanteil der Touristen kommt aus Großbritannien, was sich natürlich stark auf die entsprechenden Angebote auswirkt. An zweiter Stelle kommen übrigens die Russen. Endlich konnte ich mich als Deutscher mal einer Minderheit zugehörig fühlen! Auch sehr zahlreich auf der Insel vertreten: Katzen. Das kam mir, dem Katzennarren, natürlich sehr gelegen.

Eine von vielen sehr gepflegten Katzen, denen ich auf Zypern begegnet bin

Zugegeben: Der südliche Teil Zyperns fühlt sich durchaus wie Griechenland an. Schließlich wird dort griechisch gesprochen. Fast alle Zyprioten gehören zur griechisch-orthodoxen Glaubensgemeinschaft. Kultur, Traditionen, Lebensgefühl und nicht zuletzt die Küche sind mit einzelnen Ausnahmen genauso, wie man es aus Griechenland kennt. Von meinen Griechenland-Urlauben bin ich ja Hitze gewöhnt, aber auf Zypern war’s denn doch noch ein paar Grad heißer. Jedenfalls gab es während unseres Urlaubs eine Hitzewelle, bei der an einzelnen Tagen auch noch hohe Luftfeuchtigkeit hinzukam. An einem der heftigsten Tage wurden schon um 10 Uhr vormittags 38 Grad Celsius bei einer Luftfeuchtigkeit von über 70 Prozent erreicht. Ich glaube, ich habe noch nie zuvor so geschwitzt wie in diesem Urlaub! Zypern ist etwas größer als Kreta, die größte griechische Insel, und an Kreta habe ich mich aufgrund des Abwechslungsreichtums der Landschaft Zyperns immer wieder erinnert gefühlt. Hier wie dort gibt es große Gebirgszüge und tiefe Schluchten, fruchtbare Ebenen und karge Macchia, lange Strände und kleine Buchten, ausgedehnte Wälder, Olivenhaine und Weinberge.

Wanderung auf der Akamas-Halbinsel

Die Insel bietet dem unternehmungslustigen Touristen viele Möglichkeiten. Man muss aber mobil sein, denn je nach Urlaubsort sind beträchtliche Entfernungen zurückzulegen. Das Straßennetz ist zum Glück sehr gut ausgebaut und wenn man keine Lust hat, sich ins höllische Doppelpack aus Linksverkehr und südländischer Raserei zu stürzen, kann man ja organisierte Fahrten mitmachen. Mit dem öffentlichen Bus kann man das nicht alles schaffen. Eines der wichtigsten Ziele dürfte Nikosia sein, die letzte geteilte Hauptstadt der Welt. Damit wird allen Ernstes Werbung gemacht! Ich war vor genau 20 Jahren schon einmal im südlichen Teil Zyperns. Mit einer Wiedervereinigung beider Landesteile ist weiterhin nicht zu rechnen, ein bisschen was hat sich aber doch geändert. 1997 war es ein Ding der Unmöglichkeit, den Nordteil zu besuchen. Das ist heute kein Problem mehr. Es gibt mehrere Checkpoints, die man unter Vorlage des Personalausweises auch als Fußgänger in beide Richtungen ohne weitere Formalitäten passieren kann. Es lohnt sich, denn beide Hälften Nikosias haben ihren eigenen Charakter. Sehenswert neben verschiedenen Museen sind z.B. die mit prächtigen Vergoldungen und unzähligen Ikonen geschmückte Kathedrale Agios Ioannis im Süden sowie die Karawanserei Büyük Han und die zur Moschee umgebaute Sophienkathedrale im Norden.

Die Sophienkathedrale hat zwei Minarette erhalten und heißt Selimiye-Moschee

Ich will jetzt nicht alle empfehlenswerten Ausflugsziele im Süd- und Nordteil Zyperns aufzählen – es gibt wirklich viele beeindruckende Sehenswürdigkeiten, Klöster, Ausgrabungsstätten, malerische Dörfer usw.; man kann sie in jedem Reiseführer nachschlagen. Erwähnen möchte ich nur noch, dass man auf Zypern sehr schön wandern kann (sofern es nicht derart heiß ist, dass man nur am Strand vor sich hin dösen möchte), entweder mit Anbietern vor Ort oder auf eigene Faust. Letzteres ist kein Problem, denn die Wanderwege sind gut ausgeschildert. Es gibt auch einfache Wege, die für untrainierte Couchpotatoes wie mich geeignet sind, etwa im Nationalpark Troodos-Gebirge und auf der Akamas-Halbinsel im Nordwesten. Ausgangspunkt ist dort das idyllisch gelegene »Bad der Aphrodite«, in der die Schöne vom Olymp dereinst ein Schäferstündchen mit Adonis verbracht haben soll. Die altgriechische Liebesgöttin ist auf Zypern auch heute noch ein großes Thema, zumindest für den Tourismus. Der so genannte Aphroditefelsen ist sicher eines der meistfotografiertesten Motive der Insel (ich war diesmal nicht dort); er kennzeichnet angeblich die Stelle, an der Aphrodite einst dem Meer entstiegen ist. Im Ort Kouklia gibt es noch Überreste eines großen Heiligtums, welches der Aphrodite geweiht war.

Warum dieser Stein in der Antike im Heiligtum von Kouklia verehrt wurde? Keine Ahnung…

Als Domizil haben wir uns die Stadt Paphos an der Westküste ausgesucht. Paphos besteht aus dem vollkommen touristisch geprägten Stadtteil Kato Paphos am Hafen und der ruhigeren Oberstadt Ktima. In Kato Paphos befinden sich alle großen Hotels, hier herrscht während der Saison immer viel Betrieb. Am Hafen reihen sich die üblichen Restaurants, Bars, Cafés, Souvenirläden, Juweliere etc. aneinander. Ursprünglichkeit ist hier nicht zu finden, das ist purer Massentourismus. Erträglich wird es durch die eine oder andere Perle unter den ansonsten nicht besonders empfehlenswerten Restaurants und durch die schöne Aussicht auf das gut erhaltene mittelalterliche Kastell am Hafen. Übrigens wimmeln nicht nur Touristen an der Uferpromenade herum. Auch die einheimische Jugend scheint hier gern zu feiern. Wir haben uns aus verschiedenen Gründen für diese Stadt entschieden. Zunächst einmal ist Paphos gemeinsam mit Aarhus in Dänemark europäische Kulturhauptstadt 2017. Zypriotische und internationale Musiker treten dort auf, hinzu kommen teils sehr aufwändig gestaltete abendliche Events und es gibt verschiedene Dauer-Kunstausstellungen. Das alles konnten wir täglich live genießen. Das Ganze hatte allerdings auch einen Nachteil. In Paphos wurde nämlich noch überall gebaut, das heißt, offensichtlich wollte man sich durch umfangreiche Modernisierungen als Kulturhauptstadt präsentieren, ist damit aber nicht rechtzeitig fertig geworden. Deshalb hat es in Ktima im Sommer 2017 leider vielerorts ausgesehen wie auf dem folgenden Bild.

So sieht es zurzeit stellenweise in der europäischen Kulturhauptstadt 2017 aus!

Außerdem befinden sich einige der wichtigsten archäologischen Funde in Paphos, nämlich wertvolle Bodenmosaike in den Ruinen einer römischen Stadt und die so genannten Königsgräber, eine ausgedehnte Nekropole aus vorchristlicher Zeit, die zum UNESCO-Welterbe gehört. Unmittelbar vor Ort findet man leider keine Strände, aber es gibt okaye Strände im nahe gelegenen Nachbarort Geroskipou (ein paar Minuten Fahrt mit dem öffentlichen Bus) und in der weiter entfernten Coral Bay. Und schließlich steht in Paphos unser Wunschhotel, das Almyra. Das heutige absolut empfehlenswerte Fünfsternehaus scheint schon etwas älter zu sein, wurde aber vor einiger Zeit modernisiert. Wir haben uns dort sehr wohl gefühlt, nicht zuletzt, weil wir Zimmer in einem Flügel gebucht hatten, zu dem Personen unter 16 Jahren keinen Zutritt haben. Ich würde jederzeit wieder Urlaub auf Zypern machen, aber lieber während einer kühleren Jahreszeit – und wenn die Bauarbeiten abgeschlossen sind…

 

12.07.2017

Stephen King: Mr. Mercedes

Heyne, 2015

591 Seiten

 

Im Jahre 2009 stiehlt ein Unbekannter die Mercedes-Limousine einer reichen Frau namens Olivia Trelawney und rast mit dem zwei Tonnen schweren Luxuswagen in eine Menschenmenge. Viele Unschuldige sterben oder werden schwer verletzt. Der Täter bleibt unerkannt, denn er hat eine Clownsmaske getragen, die er im Tatfahrzeug zurücklässt, zuvor aber mit Bleichmittel übergießt, so dass keine DNS-Spuren gefunden werden können. Der hochdekorierte Detective K. William Hodges und dessen Partner Pete Huntley ermitteln ergebnislos. Olivia Trelawney begeht einige Zeit später Selbstmord. Für Polizei und Presse ist dies ein Schuldeingeständnis. Es wird angenommen, die Frau habe den Mercedes mit steckendem Schlüssel geparkt und das Massaker damit erst ermöglicht. Sie hat das stets abgestritten. Hodges beendet seine vierzigjährige Dienstzeit, ohne den Fall des Mercedes-Killers aufgeklärt zu haben. Der Ruhestand bekommt dem Arbeitstier nicht. Seine Ehe ist schon vor geraumer Zeit in die Brüche gegangen, seine Tochter meldet sich immer seltener und er selbst betrachtet seine Existenz als sinnlos. Hodges verbringt einen öden Tag nach dem anderen mit Bier und Junkfood vor dem Fernseher, setzt Fett an und beginnt an Selbstmord zu denken.

 

Ein Jahr nach dem Massaker erhält Hodges einen Brief, dessen Verfasser behauptet, der Mercedes-Killer zu sein. Hodges wird verspottet und aufgefordert, sich in einem anonymen Internet-Chatroom mit »Mr. Mercedes« zu treffen. Der Verfasser nennt Details, die nur der wahre Täter kennen kann. Hodges erkennt, dass es Mr. Mercedes darum geht, ihn in den Selbstmord zu treiben. Doch das genaue Gegenteil geschieht. Der Brief ist die erste Spur im Fall des Mercedes-Killers, und der Autor hat mehr über sich preisgegeben als beabsichtigt. Hodges wird von neuem Tatendrang beseelt. Er beschließt, die Polizei nicht zu informieren und der Sache auf eigene Faust nachzugehen. Mr. Mercedes behauptet in dem Brief, er verspüre nicht den Drang, weitere Morde zu begehen. Hodges geht zu Recht davon aus, dass das eine Lüge ist. Er nutzt seine Beziehungen, um Informationen über den Stand der Ermittlungen einzuholen und nimmt Kontakt mit Janey Patterson auf, Olivia Trelawneys Alleinerbin. Janey möchte wissen, ob ihre Schwester wirklich eine Mitschuld an dem Massaker trägt und engagiert Hodges als Privatdetektiv. Sie zeigt ihm einen Brief, den Olivia seinerzeit von Mr. Mercedes erhalten hat. Der Inhalt ähnelt dem an Hodges gerichteten Schreiben. Mr. Mercedes hat mit Olivia das gleiche perfide Spiel getrieben wie mit Hodges, in ihrem Fall aber mit Erfolg. In der folgenden Zeit werden Hodges und Janey ein Paar.

 

Um Mr. Mercedes aus der Reserve zu locken, postet Hodges im Chatroom eine provozierende Nachricht. Er bezeichnet den Briefeschreiber als Trittbrettfahrer und begründet dies mit (nicht existierenden) Beweisen, die man damals zurückgehalten habe. Damit bringt Hodges sich selbst und seine Freunde in Lebensgefahr, denn Mr. Mercedes ist wahrhaft wahnsinnig und will sich für diese Schmach rächen. Hodges ahnt nicht, dass Mr. Mercedes ihn seit geraumer Zeit beobachtet und über all seine Schritte im Bilde ist…

 

Ich muss gestehen, dass ich während der Lektüre zunächst gedacht habe, der Mercedes-Killer sei ein böser Geist in der Tradition des Clowns Pennywise aus Kings Roman »Es«. Das hat sich schnell als Irrtum herausgestellt, denn die Erzählperspektive wechselt immer wieder zwischen Hodges und einem jungen Mann namens Brady Hartsfield, einem schwer gestörten jungen Mann, der bei seiner alkoholabhängigen Mutter wohnt und eine… hm… »bewegte« Vergangenheit hat. Dieser Typ, das wird schon in einem der ersten Kapitel klar, ist Mr. Mercedes. Nun, dachte ich, er könnte ja vom Bösen besessen sein oder so. Aber nein – King kommt in diesem Roman wirklich und wahrhaftig ohne übernatürliche Elemente aus! »Mr. Mercedes« ist ein ganz normaler Kriminalroman, und meiner Meinung nach beherrscht King dieses Genre ebenso gut wie sein Stammfach. Die Identität des Killers wird wie gesagt früh enthüllt, aber das schadet der Spannung nicht. Sie entsteht durch den Schlagabtausch zwischen Hodges und Hartsfield, bei dem man nie so genau weiß, wer denn nun wem um eine Nasenlänge voraus ist, zumal sich immer wieder unerwartete Wendungen ergeben. Im Gegensatz zu Hartsfield kennt Hodges die Identität seines Gegners bis kurz vor Schluss nicht, doch trotz dieses Nachteils gelingt es dem pensionierten Detective immer wieder, dem Killer ein Schnippchen zu schlagen. Wenigstens einmal trickst sich Hartsfield sogar selbst aus, worunter seine Bedrohlichkeit ein bisschen leidet.

 

Wie üblich wäre es bestimmt möglich gewesen, dieselbe Geschichte auf der Hälfte der von King verwendeten Seiten zu erzählen. Und wie immer halte ich das, was manche Kritiker als »Geschwätzigkeit« bezeichnen, nicht für einen Mangel. Zumindest gelingt es King wieder einmal, glaubwürdige Figuren zu erschaffen, die man lieben und hassen kann. Das gilt nicht nur für die bodenständige Hauptperson Hodges und natürlich für dessen irren Gegenspieler Hartsfield, sondern auch für Nebenfiguren wie Holly Gibney, die spleenige (um eine diplomatische Formulierung zu verwenden) Cousine Janeys. Die Figurenzeichnung ist eben Kings Stärke, und er mag wortreich formulieren, erschafft dadurch aber stets eine ganz bestimmte, unverwechselbare Atmosphäre. Ich würde »Mr. Mercedes« allerdings nicht als nervenzerfetzenden Thriller bezeichnen, dazu ist das Tempo zu behäbig. Der Roman ist in sich abgeschlossen, aber einige Haupt- und Nebenfiguren, zum Beispiel Hodges, wirken in den Folgeromanen »Finderlohn« und »Mind Control« mit.

 

09.07.2017

Tom Rob Smith: Kind 44

Goldmann, 2015

509 Seiten

 

Anfang der Fünfzigerjahre ist Josef Stalin Alleinherrscher der Sowjetunion. Millionen Menschen sind bei den von ihm veranlassten »Säuberungswellen« bereits ermordet worden. Wer in den Verdacht gerät, politisch unzuverlässig zu sein oder gar mit dem nichtkommunistischen Ausland zu kollaborieren, dessen Leben ist verwirkt. Viele Menschen sind nur zu gern bereit, ihre Mitbürger zu denunzieren, oft aus reiner Missgunst. Alle »Verräter« werden hingerichtet oder in Arbeitslager deportiert, wo sie infolge der dort herrschenden unmenschlichen Bedingungen nach kurzer Zeit sterben. Nicht selten werden die Delinquenten zuvor grausam gefoltert. Mit Hilfe der so entstandenen Geständnisse werden weitere Dissidenten identifiziert. Ob die Anschuldigungen wahr oder frei erfunden sind, ist irrelevant. Für den Kriegshelden, überzeugten Kommunisten und hochrangigen Geheimdienstoffizier Leo Demidow gilt der Grundsatz, dass jeder Verdächtige solange als schuldig gilt, bis seine Unschuld bewiesen ist. Er hat schon viele echte oder vermeintliche Staatsfeinde dingfest gemacht und der Folter oder dem Henker überantwortet. Vor sich selbst rechtfertigt Leo das mit dem Streben nach einem höheren Ziel. In der perfekten Gesellschaft, die seiner Meinung nach nur durch den Kommunismus möglich ist, wird es all diese Auswüchse nicht mehr geben. Bis es soweit ist, müssen eben Opfer erbracht werden. Da Leo seine Arbeit für ungemein wichtig hält, ist er nicht besonders erfreut, als er wegen eines Spezialauftrages von der Suche nach einem Mann namens Anatoli Brodsky abgezogen wird, der mit ausländischen Geheimdiensten zusammenarbeiten soll.

 

In Moskau wurde die verstümmelte Leiche eines vierjährigen Jungen gefunden. Ein tragischer Unfall durch Unachtsamkeit des Opfers, so lautet die offizielle Version. Arkadi Andrejew, der Vater des Kindes, ist dagegen fest davon überzeugt, dass sein Sohn ermordet wurde. Doch im Kommunismus kann es bekanntlich keine Kriminalität geben, und somit kommt Andrejews Mordtheorie einem Angriff auf die Staatsideologie gleich. Die Sache ist besonders heikel, denn Andrejew ist einer von Leos Untergebenen beim Staatssicherheitsdienst MGB. Es bleibt Leo nichts anderes übrig, als seinen Kollegen so sehr einzuschüchtern, dass er die Sache auf sich beruhen lässt. Danach kann Leo endlich Brodskys Spur aufnehmen und den Mann in einem abgelegenen Dorf verhaften. Dort hat sich der angebliche Spion bei einem Freund versteckt. Bei dieser Aktion gerät Leo wieder einmal mit seinem Stellvertreter Wassili Nikitin in Konflikt. Nikitin beneidet Leo und lässt keine Gelegenheit aus, ihm eins auszuwischen. Er erschießt Brodskys Freund und tötet danach noch dessen Frau. Die Töchter des Ehepaares kommen nur mit dem Leben davon, weil Leo eingreift und seinen Stellvertreter niederschlägt. Mit dieser Tat hat sich Leo einen Todfeind gemacht. Die Kinder kommen in eines der berüchtigten Waisenhäuser, deren Bewohner sich selbst überlassen werden und völlig verwahrlosen.

 

Brodsky wird verhört. Leo gegenüber beteuert er seine Unschuld, legt dann aber ein Geständnis ab. Im entsprechenden Dokument werden weitere Spione genannt, darunter Leos Frau Raisa. Leo geht zu Recht davon aus, dass Nikitin dahinter steckt, muss jedoch gehorchen, als er von seinem Vorgesetzten aufgefordert wird, seine eigene Frau zu observieren. Obwohl es Anzeichen dafür gibt, dass Raisa etwas verbirgt, erklärt Leo sie für unschuldig, denn er hat von ihr erfahren, dass sie schwanger ist. Daraufhin wird er degradiert und zusammen mit Raisa in die Industriestadt Wualsk verbannt. Er wird der dortigen Miliz unter General Nesterow zugeteilt. In Wualsk wurde gerade erst ein Mädchen ermordet. Als Leo erfährt, dass die Umstände ihres Todes dieselben sind wie im Fall des vierjährigen Jungen in Moskau, wird er hellhörig. Es stellt sich heraus, dass Leo es mit einem Serienmörder zu tun hat. Arkadi Andrejews Sohn war bereits dessen vierundvierzigstes Opfer. Leo ermittelt weiter, wodurch er in größte Gefahr gerät, weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Zudem ist er selbst viel tiefer in die Sache verwickelt, als er ahnt…

 

»Kind 44« ist in sich abgeschlossen, bildet aber den Auftakt eine Trilogie mit der Hauptfigur Leo Demidow. Wenn man den Roman als Expositionsphase dieser Trilogie betrachtet, so ist es völlig in Ordnung, dass der Kriminalfall über weite Strecken hinweg überhaupt keine Rolle spielt. Der Autor verwendet weit über die Hälfte des Romans zur Einführung der Trilogie-Hauptfiguren Leo und Raisa sowie zur Skizzierung der Verhältnisse in der Sowjetunion der Stalinzeit. Ich wusste natürlich in groben Zügen, welche Gräueltaten schon vor und während des Zweiten Weltkrieges, aber auch in den Jahren nach Kriegsende bis zu Stalins Tod verübt worden sind. Bei der Lektüre des Romans musste ich denn doch immer wieder in der Wikipedia nachschlagen, um mich zu vergewissern, dass der Autor nicht übertreibt. Und das muss er gar nicht. Die Unmenschlichkeit eines Systems, in dem die Not leidenden Menschen durch Terror von oben dazu gebracht werden, ihre Freunde und Angehörigen ans Messer zu liefern, in dem ein Menschenleben nichts gilt und jeder jeden bespitzelt, wird von Tom Rob Smith äußerst eindringlich beschrieben. Das ist ein ganz großer Pluspunkt des Romans.

 

Leo ist quasi der Kristallisationspunkt dieser Verhältnisse. Der absolut linientreue Agent verschließt die Augen so lange vor der Wahrheit, bis er selbst ins Räderwerk des mörderischen Staatsapparats gerät. Seine Welt wird auf den Kopf gestellt (auch im privaten Bereich), er wird gebrochen und ausgespuckt. Als er ganz unten angekommen zu sein scheint, beginnt er umzudenken. Er bereut seine Mitwirkung bei der Vertuschung des Mordes an Andrejews Sohn und versucht Frieden zu finden, indem er nicht mehr lockerlässt. Er setzt sogar sein Leben aufs Spiel, um den Mörder aufzuhalten, weil niemand sonst das tun würde. Leos packend geschilderte Wandlung ist der zweite große Pluspunkt. Durch diese Wandlung gewinnt er sogar das Herz einer Frau, die ihn nie wirklich geliebt hat. Die Weigerung der Behörden, eine Mordserie auch nur in Betracht zu ziehen, ist übrigens nicht frei erfunden. Tom Rob Smith wurde durch den Fall des Serienmörders Andrei Tschikatilo inspiriert, der von 1978 bis 1990 über 50 Menschen getötet haben soll. Man hat die Todesfälle aus ganz ähnlichen Gründen wie im Roman nicht miteinander in Verbindung gebracht. Erst in der von Gorbatschow in Gang gesetzten Ära der Umgestaltung wurde das möglich.

 

In der zweiten Romanhälfte, also nach Leos tiefem Sturz, wird der Kriminalfall wirklich relevant. Er ist durchaus spannend, vor allem weil Leo und Raisa (die beiden arbeiten zusammen) nicht offen ermitteln können und gegen Ende sogar gejagt werden. Hier kann man so richtig mitfiebern und mit Action wird nicht gegeizt. Die Auflösung ist in sich schlüssig, ich halte sie aber für überkonstruiert. Die in den letzten Kapiteln enthüllten Zusammenhänge sind verblüffend, hätten jedoch eigentlich nicht sein müssen. Egal: »Kind 44« ist ein fesselndes, sehr düsteres Werk, durch das mein Interesse am geschichtlichen Kontext neu geweckt wurde.

 

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