Willkommen auf Kringels Homepage!

Auf dieser Seite stelle ich Bücher und Filme vor, mit denen ich mich in den letzten vier Wochen beschäftigt habe.

 

17.07.2018

Stephen King: Doctor Sleep

Heyne, 2015

704 Seiten

 

Daniel Torrance hat seit seiner Kindheit das Zweite Gesicht, das so genannte Shining. Er kann zukünftige und vergangene Ereignisse »sehen«, insbesondere wenn er Personen oder Gegenstände berührt. Die Gedanken und Gefühle anderer Menschen sind kein Geheimnis für ihn. Außerdem blickt Dan manchmal ins Jenseits, dann erscheinen ihm die Geister der Verstorbenen. Die entsprechenden Visionen sind für Dan oft verstörend. Es kann sogar vorkommen, dass zornige Geister körperlich werden und Dan bedrohen. Mit der Zeit lernt Dan, seine Gabe – die er eher als Fluch betrachtet – zumindest teilweise zu kontrollieren und sie vor seinen Mitmenschen zu verbergen. Doch seinen inneren Dämonen kann Dan nicht entkommen. Er versucht sich mit Alkohol zu betäuben, wird schließlich abhängig davon und lässt sich treiben. Ziellos durchreist er die USA, nimmt Gelegenheitsjobs an und bleibt nie lange an einem Ort, denn wenn er betrunken ist, lässt er sich durch sein jähzorniges Naturell zu Gewalttaten hinreißen. Der absolute Tiefpunkt ist erreicht, als er nach einem Alkohol- und Drogenexzess neben einer jungen Frau erwacht, mit deren Geld er sich heimlich aus dem Staub macht. Das wäre schon übel genug, aber die Frau hat einen kleinen Sohn, der offensichtlich misshandelt wird. Später erfährt Dan durch eine Vision, dass das Kind erschlagen wurde, woraufhin seine Mutter Selbstmord begangen hat.

 

Dan begreift, dass es so nicht weitergehen kann. Er hat inzwischen eine Aushilfsstelle in der Kleinstadt Frazier angetreten. Sein Arbeitgeber, dem er sich anvertraut, kennt das Problem nur allzu gut; er hat ähnliches durchgemacht. So kommt Dan in Kontakt mit den Anonymen Alkoholikern. In den folgenden Jahren bekommt Dan die Alkoholsucht in den Griff. Er wird in Frazier sesshaft und kann schließlich sogar eine Festanstellung in einem Hospiz antreten. Dort verdient er sich großen Respekt, denn aufgrund seiner besonderen Gaben kann er Sterbenden den Übergang ins Jenseits erleichtern. Dieser Fähigkeit hat er einen neuen Spitznamen zu verdanken. Man nennt ihn jetzt »Doctor Sleep«. Da er keinen Tropfen Alkohol mehr trinkt, wird Dans unterdrücktes Shining wieder stärker. Gelegentlich erhält er mentalen Kontakt mit einem kleinen Mädchen namens Abra Stone. Auch Abra hat das Shining, allerdings übersteigen ihre Kräfte Dans Fähigkeiten um das Vielfache. Ebenso wie Dan leidet sie darunter, dass sie mit niemandem über diese Dinge sprechen kann. Obwohl sich die beiden nie persönlich sehen, entsteht ein enges Band zwischen ihnen. Dan wird im Verlauf der Jahre zum Vertrauten Abras.

 

Eines Tages vernimmt Abra die mentalen Schmerzensschreie eines Jungen, der von Unbekannten bei einem Ritual zu Tode gefoltert wird. Jahre später wird Abra an dieses traumatische Erlebnis erinnert, als sie eine ganzseitige Zeitungsanzeige mit den Fotos verschwundener Kinder sieht. In einem der Vermissten erkennt sie den Jungen aus ihrer Vision– und plötzlich findet sie sich im Kopf einer Frau wieder, die das Ritual durchgeführt hat. Abra erfährt einiges über diese Kreaturen und erkennt, dass sie verantwortlich für den Tod zahlreicher Kinder im ganzen Land sind. Sie werden weiter morden und müssen aufgehalten werden. Da Abra allein nichts ausrichten kann, bittet sie Dan um Hilfe. Dummerweise weiß die Gegenseite jetzt, dass Abra existiert. Es handelt sich um eine Gruppe, die sich selbst als der »Wahre Knoten« bezeichnet und seit Jahrhunderten durch die Lande zieht, immer auf der Suche nach Menschen, die das Shining haben. Die geistige Essenz solcher Menschen (»Steam«) ist ein Lebenselixier für die Mitglieder des Wahren Knotens. Wenn sie Steam konsumieren, bleiben sie ewig jung. Ohne Steam altern und sterben sie. Steam ist besonders rein, wenn er von Opfern stammt, die unter Qualen sterben. In Abra erkennt hat Rose the Hat, die Anführerin des Wahren Knotens, eine besonders ergiebige Steam-Quelle…

 

Das Wort »Shining« kommt im obigen Teaser vor, und wer den im Jahre 1977 erschienenen gleichnamigen Roman von Stephen King oder dessen Verfilmung von Stanley Kubrick aus dem Jahre 1980 kennt, wird wissen, wer Daniel Torrance ist. Tatsächlich wird »Doctor Sleep« als Fortsetzung des Romans vermarktet. Zugegeben, Hauptfiguren aus »Shining« sind vertreten, die Geister aus dem Overlook-Hotel spielen eine Rolle und man erfährt, wie es Daniel nach dem Tod seines Vaters ergangen ist. Die Handlung beginnt drei Jahre nach dem Ende von »Shining«. Danny wird wieder von Mrs. Massey (der Frau aus Zimmer 217) und Horace Derwent heimgesucht. Dick Hallorann bringt dem Jungen bei, wie man die körperlich gewordenen Geister mit der Kraft des Shinings in mentale Schließfächer sperren kann. Diesem Detail kommt im Showdown ausschlaggebende Bedeutung zu, außerdem hat Jack Torrance, obwohl seit Jahrzehnten tot, noch ein Wörtchen mitzureden. Verbindungen zwischen den beiden Romanen bestehen also durchaus. Sie werden nur eigentlich nicht gebraucht, oder anders gesagt: »Doctor Sleep« hätte als eigenständige Geschichte ohne die meiner Meinung nach etwas bemüht wirkenden Bezugnahmen vielleicht besser funktioniert. Schrieb ich gerade »etwas«? Nun, gegen Ende des Romans gleitet das Ganze unnötigerweise auf Soap-Opera-Niveau ab. Es folgen Spoiler, bitte ggf. erst beim nächsten Absatz weiterlesen! Dan und Abras Mutter sind Halbgeschwister, Abra ist Dans Nichte. Jack Torrance hatte, als er schon mit Dans Mutter verheiratet war, eine flüchtige Affäre mit Abras Großmutter. Das ist mir denn doch eine Spur zu banal.

 

Die Figurenexposition geht noch weiter. Sehr großes Augenmerk wird auf Dans Abgleiten in die Alkoholsucht und den schwierigen Rückweg zur Normalität gelegt, parallel wird Abras Lebensgeschichte erzählt. Erst ganz allmählich kristallisiert sich der Konflikt mit dem Wahren Knoten heraus und es wird eine Bedrohungssituation etabliert. King ist ein viel zu guter Erzähler, als dass dieser Teil des Romans langweilig sein könnte. Ganz im Gegenteil! Ich habe Abra sofort ins Herz geschlossen und auch Dan ist mir nicht gleichgültig geblieben. Rose the Hat und ihre Spießgesellen scheinen zunächst würdige Gegenspieler zu sein, mächtig und absolut skrupellos auf der einen Seite, gleichzeitig aber nicht ausschließlich hassenswert. Zumindest ist ihre Motivation verständlich. Soweit ist für mich alles gut; genau so mag ich meinen King. Manche Rezensenten kritisieren, dass die Expositionsphase zu breiten Raum einnimmt und dass King zu oft abschweift. Ich finde, dass genau hier Kings Stärken liegen. Die Vorbereitung, die liebevolle Ausarbeitung von Charakteren, die eindringliche Schilderung von Situationen und Lebensverhältnissen – das ist es, worauf es bei seinen Romanen ankommt.

 

Der Abschluss, die Auflösung, der finale Kampf usw. ist dagegen ist oft schwach. »Doctor Sleep« bildet da keine Ausnahme. Viel zu früh zeichnet sich ab, dass der Wahre Knoten ein Haufen von Versagern ist. Zu keinem Zeitpunkt gerät irgendeine Hauptfigur wirklich in Gefahr, viel zu leicht lässt sich Rose the Hat austricksen. Ich will nicht zuviel verraten, lasst es mich daher so sagen: Mrs. Massey hat in den verwesenden Überresten ihres kleinen Fingers mehr Gruselpotential als der ganze Wahre Knoten zusammengenommen!

 

Leider hat der Text eine große Schwäche, durch die ich immer wieder aus dem Lesefluss herausgerissen wurde. Schuld ist der Übersetzer. Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod!

 

16.07.2018

Skiathos (25.06. bis 06.07.2018)

 

Wenn ich in diesem Jahr nach meinem Urlaubsziel gefragt wurde, dann ist der Dialog fast immer genau wie folgt abgelaufen:

 

Neugieriger Zeitgenosse: »Na, geht’s wieder nach Griechenland?«

Ich so: »Klar!«

»Wohin denn genau?«

»Insel Skiathos.«

»Nie gehört!«

»Gehört zu den Nördlichen Sporaden.«

Daraufhin konnte man sehen, wie ein riesiges Fragezeichen über dem Kopf des Gesprächspartners erschien.

Ich: »Kennst du den Film Mamma Mia? Den mit der ABBA-Musik?«

»Logisch, den kennt doch jeder.«

»Der wurde dort und auf der Nachbarinsel Skopelos gedreht.«

»Aha, alles klar!«

 

Danach wusste der Fragende bestimmt immer noch nicht, wo die Nördlichen Sporaden liegen, konnte sich aber anhand des Films ungefähr vorstellen, wie es auf Skiathos aussieht: Üppig grüne Wälder und Traumstrände. Das sind die Hauptattraktionen, das heißt, Skiathos ist das perfekte Ziel für Bade- und Wanderurlaub. Antike Stätten sind praktisch nicht vorhanden und auch sonst findet man nur wenige Sehenswürdigkeiten auf der lediglich knapp 50 Quadratkilometer großen Insel. Das heißt aber nicht, dass es dort nichts zu sehen gibt. So habe ich in diesem Urlaub so viele Fotos gemacht wie nie zuvor, denn egal wohin man kommt, überall bieten sich schöne Ausblicke.

Unterwegs auf Skiathos

Skiathos ist eine gute »Anfängerinsel«, denn sie ist sehr touristisch geprägt und aufgrund der geringen Entfernungen kommt man problemlos überallhin. Das ist grundsätzlich mit öffentlichen Bussen möglich, allerdings haben meine bessere Hälfte und ich gesehen, dass die Busse meist total überfüllt waren. Für uns war das kein Problem, denn wir hatten vorab einen Mietwagen für die ganze Dauer des Aufenthalts gebucht und haben das nicht bereut. Man sollte auch wissen, dass die Busse nur entlang der gut ausgebauten Südküstenstraße fahren. Es gibt einige schmale (und oft schlecht asphaltierte) Pisten, die Richtung Norden führen, dort verkehren die Busse aber nicht. Es empfiehlt sich also, eigenständig mobil zu sein, wenn man sich auch ein bisschen abseits der Hauptroute umsehen will. Empfehlenswert sind Ausflüge zum Kloster Evangelistria und zum Kloster Panagia Kounistria. Im ersteren leben immer noch Mönche, letzteres wird von einer alten Frau instandgehalten. Beide Anlagen sind wirklich sehenswert und idyllisch gelegen. Im Kloster Evangelistria wurde während des Freiheitskampfes das erste Exemplar der Griechischen Nationalflagge hergestellt. Ein kleines Museum kann besichtigt werden.

Im Kloster Evangelistria

Die Auswahl an Unterkünften jeglicher Preisklassen ist groß. Wir haben uns für das Hotel Aegaean Suites entschieden. Es besteht aus mehreren kleinen an einem Hang gruppierten Gebäuden. Wir hatten eine aus zwei großen Zimmern plus Bad und Balkon bestehende Suite im oberen Bereich, so dass wir mehrmals am Tag einige Treppenstufen erklimmen mussten. Das nahmen wir gern in Kauf! Das Aegaean Suites bietet nämlich abgesehen vom Komfort eines Fünfsternehotels und dem netten, aufmerksamen Personal gleich mehrere Vorteile. Zunächst einmal ist es nur für Personen ab 16 Jahren buchbar, was zusammen mit der lockeren Verteilung der Gebäude für herrliche Ruhe sorgt. Außerdem befindet sich die Anlage direkt am Rand von Skiathos-Stadt. Bis zur dortigen Hafenpromenade ist es ein Spaziergang von 15 Minuten. Der kleine Strand Megali Ammos liegt praktisch direkt vor der Haustür, dort gibt es schon einige gute Tavernen. Einkaufsmöglichkeiten liegen ebenfalls in der Nachbarschaft. Zu guter Letzt gehört das wenige Kilometer entfernt am Strand von Agia Paraskevi gelegene große Hotel Skiathos Princess Resort zur selben Gruppe. Man darf alle dortigen Einrichtungen gratis mitbenutzen, Liegen und Sonnenschirme am Strand kosten also nichts. Es gibt sogar einen Shuttleservice zwischen den beiden Häusern, aber wir hatten ja ein eigenes Auto. Wir haben das Angebot ausgiebig genutzt, denn der Strand von Agia Paraskevi ist wunderbar: Nicht so überlaufen, flach ins Meer abfallend, feinkörniger goldgelber Sand, kristallklares Wasser…

Eingang zum Hotel Aegaean Suites

Skiathos-Stadt, der Hauptort der Insel, erstreckt sich über zwei Hügel und bietet mit den roten Schindeldächern einen pittoresken Anblick. Besonders abends kann man in Skiathos-Stadt schön flanieren. In der zum Hafen führenden Papadiamantis-Straße, der Haupteinkaufsstraße (nominell eine Fußgängerzone, Mopeds knattern aber auch hier immer wieder durch) reihen sich die Boutiquen, Schmuckgeschäfte, Souvenirläden, Bars, Restaurants, Schnellimbisse, Cafés usw. aneinander, außerdem gibt es dort ein Open-Air-Kino, in dem alle zwei Tage der Film »Mamma Mia« gezeigt wird. Hier findet man wirklich alles, was das Herz begehrt, für jeden Geldbeutel ist etwas dabei. Es ist immer was los, aber man muss nur in ein Seitengässchen abbiegen, um schon wieder mehr Ruhe zu haben. Das ursprüngliche Griechenland wird man in Skiathos-Stadt sicher nicht finden, dennoch besteht kein Mangel an urigen Tavernen. Der Blick von den Hügeln und von der Halbinsel Bourtzi, wo sich die Reste eines venezianischen Kastells aus dem 13. Jahrhundert (heute mit Café und kleinem Theater) erheben, ist sehr schön. Am alten und neuen Hafen ankern Ausflugsboote, bei denen man Touren buchen kann. Wir haben zwei mitgemacht und sie sind durchaus empfehlenswert. Eine führt rund um die Insel mit Stopps unter anderem bei den hoch auf einer Klippe gelegenen Ruinen der alten Hauptstadt Kastro sowie beim nur per Boot erreichbaren Lalaria-Strand, der ganz aus hellen Kieselsteinen besteht, wodurch das Wasser eine herrliche Türkisfärbung erhält. Die andere Tour führt zu den Nachbarinseln Skopelos und Alonnisos, außerdem wird eine längere Essenspause auf dem Festland (Pilion) eingelegt.

Skopelos-Stadt

Viele Touristen kommen nur zum Baden nach Skiathos; die Strände sind wirklich erstklassig. Die Insel wird in Reiseführern immer als »griechische Karibik« bezeichnet. Keine Ahnung, ob der Vergleich passt, ich war noch nie in der Karibik. Der Koukounaries-Strand soll einer der schönsten Europas sein, entsprechend beliebt und vollgestopft ist er aber auch. Wir fanden die nahe gelegene, unter Naturschutz stehende Lagune mit Pinienwäldchen ansprechender. Man kann auf Skiathos nicht nur besonders gut Badeurlaub machen – auch zum Wandern ist die Insel bestens geeignet, und zwar einerseits wegen den bereits erwähnten dichten Wäldern, vor allem aber auch aufgrund der einfachen Tatsache, dass die Wanderwege hier besser angelegt und gepflegt sind, als ich es von anderen griechischen Inseln kenne. Zu verdanken ist das Herrn Ortwin Widmann, einem Deutschen, der seit zwanzig Jahren auf Skiathos lebt. Mit deutschem Fleiß und schwäbischer Gründlichkeit hat er bis heute über 20 Routen verschiedener Schwierigkeitsgrade erschlossen, markiert und ausgebaut. Er bietet zudem geführte Wanderungen an. Wir haben zwei je ca. 11 Kilometer lange Wanderungen mit ihm unternommen und das waren tolle Erlebnisse.

Wanderung im »Zauberwald«

Selbst für mich, der ich ein absolut unsportlicher Faulpelz bin, waren die Wanderungen gut zu schaffen; ich muss aber ehrlicherweise zugeben, dass ich bei manchen Anstiegen zum Amüsement meiner gut trainierten besseren Hälfte ganz schön gekeucht habe… Wer lieber auf eigene Faust wandern möchte, kann das aufgrund der lückenlosen Beschilderung bedenkenlos in Angriff nehmen.

 

Eins muss ich noch erwähnen: Auf Skiathos sind wie überall in Griechenland unzählige streunende Katzen unterwegs. Hier und da versucht man seit einigen Jahren, der Situation durch Kastrationsaktionen Herr zu werden. Das geschieht auch auf Skiathos, dort scheint das Ganze besonders gut organisiert zu sein. Fast alle Streuner, die ich gesehen habe, wurden irgendwann behandelt (man erkennt das daran, dass sie eine Kerbe im Ohr haben) und all diese Tiere haben einen gesunden Eindruck gemacht. Hunger müssen die Katzen nicht leiden, zumindest nicht in Skiathos-Stadt. Dort gibt es mehrere Futterstellen, die von der Skiathos Cat Welfare Association betrieben werden. So etwas habe ich in Griechenland noch nie zuvor gesehen. Vorbildlich!

Skiathos: Ein Paradies - nicht nur für Katzen

11.07.2018

Tom Rob Smith: Kolyma

Goldmann, 2010

477 Seiten

 

Zur Vorgeschichte siehe »Kind 44«.

 

Bis vor drei Jahren, in der Stalin-Ära, war Leo Demidow überzeugter, absolut linientreuer Kommunist und hat als hochrangiger Geheimdienstoffizier zahlreiche Menschen verhaftet, egal ob er von ihrer Schuld überzeugt war oder nicht. Viele Unschuldige sind somit in die Mühlen des Ministeriums für Staatssicherheit (MGB) geraten, wurden durch Folter zur Unterzeichnung vorgefertigter Geständnisse gezwungen und anschließend entweder hingerichtet oder in Arbeitslager deportiert, wo sie unter unmenschlichen Bedingungen bis zum Tod schuften mussten. Leo hat sich grundlegend gewandelt. Er bereut seine früheren Taten zutiefst und versucht sie auf seine Weise wiedergutzumachen. Gemeinsam mit seinem Freund und Mitarbeiter Timur Nesterow hat Leo das erste Morddezernat der Sowjetunion gegründet. Da es in der vom Kommunismus angestrebten perfekten Gesellschaft keine Kriminalität geben kann, werden Leo und Timur mehr oder weniger inoffiziell tätig und müssen sich Behinderungen ihrer Arbeit gefallen lassen. Doch Leo lässt sich nicht beirren und verhaftet nur Personen, denen er ein Verbrechen nachweisen kann. Zudem haben Leo und seine Frau Raisa die Geschwister Soja und Elena adoptiert, um sie aus dem Elend des Waisenhauses herauszuholen. Ein Kollege Leos hatte die Eltern der Mädchen ermordet. Leo hofft, aus dieser Konstellation könne eine normale Familie werden, doch die vierzehnjährige Soja hasst ihn und will ihn tot sehen.

 

Im Jahre 1956 wird die Abschrift einer Rede Nikita Chruschtschows an alle Behörden des Landes verteilt. Darin spricht der Chef der KPdSU von schweren Fehlern, die unter Stalins Herrschaft gemacht worden seien. Er kritisiert den Kult um Stalins Person mit scharfen Worten und prangert Verbrechen an, die in seinem Namen begangen worden sind, so auch vom MGB, das inzwischen in den KGB übergegangen ist. Die Rede schlägt wie eine Bombe ein. Bislang für undenkbar gehaltene politische und gesellschaftliche Umwälzungen zeichnen sich ab. Viele unschuldig Inhaftierte werden auf freien Fuß gesetzt, zu Unrecht Denunzierte werden rehabilitiert – und die alten privilegierten Kader finden sich plötzlich in einer nicht mehr so angenehmen Lage wieder. Tatsächlich werden die einstigen Jäger zu Gejagten. Allerdings werden sie nicht vom Staat für ihre Taten zur Rechenschaft gezogen, sondern von einer im Untergrund Moskaus agierenden Bande, der es gelingt, zwei ehemalige Geheimpolizisten in den Selbstmord zu treiben. Außerdem wird der Patriarch der Orthodoxen Kirche ermordet, ein Kollaborateur, der seinerzeit zahlreiche systemkritische Priester ans Messer geliefert hat. Leo ermittelt in diesen Fällen und ihm wird schnell klar, dass er selbst zum Kreis der gefährdeten Personen gehört.

 

Tatsächlich steht Leo im Zentrum des Racheplans einer Frau namens Anisja, die er im Jahre 1949 denunziert hat. Dies war Leos erster Auftrag. Zielperson war eigentlich der Priester Lasar. Beide sind nach Sibirien deportiert worden. Anisja, die sich jetzt Frajera nennt und sich erbarmungslos an die Spitze einer Verbrecherbande gekämpft hat, wurde nach einiger Zeit freigelassen. Lasar befindet sich noch immer in einem der schlimmsten Gulags in der Region Kolyma. Frajera entführt Soja, um Leo zu zwingen, Lasar aus dem Gulag zu befreien. Leo schleust sich mit Hilfe seines Vorgesetzten Frol Panin inkognito in das Lager ein, doch er fliegt schon bei der Ankunft auf und wird nun von seinen Mithäftlingen genauso gefoltert, wie sie es einst erdulden mussten. Währenddessen versucht Frajera, Soja auf ihre Seite zu ziehen. Das Mädchen ist nicht abgeneigt…

 

»Kolyma« ist ebenso wie der Vorgängerroman »Kind 44« in sich abgeschlossen, es schadet aber nicht, den ersten Roman der Demidow-Trilogie gelesen zu haben. Thema von »Kolyma« ist schließlich die Frage, was mit einem Menschen geschieht, wenn sein Weltbild durcheinandergerät, wenn aus Gut plötzlich Böse wird und wenn man erkennen muss, dass alle Rechtfertigungen, die man für das eigene Tun anführen konnte, nicht mehr gelten. So ergeht es der Hauptfigur Leo Demidow. Im Gegensatz zu einigen Ex-Kollegen akzeptiert er seine Schuld. Aber kann er Wiedergutmachung leisten und gar Vergebung finden? Oder ist Verdrängung der einzig mögliche Weg? Damit der Leser weiß, was für ein Mensch Leo früher war, beginnt der Roman mit einem Rückblick ins Jahr 1949. Was das angeht, ist damit eigentlich alles gesagt. Leos Wandlung wird aber nur richtig verständlich, wenn man seine Erlebnisse in »Kind 44« kennt.

 

Erneut ist Leo Kristallisationspunkt realer geschichtlicher Geschehnisse. Diesmal erlebt er am eigenen Leib, was seine Opfer durchmachen mussten. Tom Rob Smith beschreibt die damaligen Gräuel sowie die Folgen für die Betroffenen äußerst eindrucksvoll und, wie man in der Wikipedia nachlesen kann, ohne Übertreibungen. Abermillionen Menschen haben in den verschiedenen Straf- und Arbeitslagern auf unvorstellbare Weise gelitten, Millionen sind dort gestorben. Diesmal geht der Autor allerdings noch einen Schritt weiter, und prompt gerät das Ganze aus den Fugen. Bekanntlich ist es infolge des Entstalinisierungsprozesses unter anderem in Ungarn zu einem Volksaufstand gekommen, der schließlich niedergeschlagen wurde. Soweit die wahre Geschichte. Smiths Erfindung (Vorsicht Spoiler): Sowohl Frajera als auch Frol Panin spielen dabei wichtige Rollen. Panin schickt Frajera nach Ungarn. Sie soll dafür sorgen, dass aus den friedlichen Demonstrationen blutige Kämpfe werden, die er mit massivem Militäreinsatz beenden kann. Auf diese Weise will er der von Chruschtschow angestrebten Abrüstung der konventionellen Streitkräfte entgegenwirken. Frajera wiederum lässt sich absichtlich benutzen, um der ganzen Welt vor Augen zu führen, wie brutal die Sowjetunion ist. Leo, seine Frau Raisa und Soja geraten mitten in diesen Aufstand hinein. Auf diesen effekthascherischen Teil des Romans hätte ich gut verzichten können.

 

Abgesehen davon bietet »Kolyma« gute Thrillerkost zum Mitfiebern, die außerdem zum Nachdenken und zur Beschäftigung mit einem sehr dunklen Kapitel der Menschheitsgeschichte anregt. Nicht so gut wie »Kind 44«, aber das war auch nicht zu erwarten.

 

08.07.2018

Douglas Preston / Lincoln Child: Labyrinth – Elixier des Todes

Knaur, 2017

521 Seiten

 

Vor noch nicht einmal zwei Jahren hat FBI-Agent Aloysius Pendergast erfahren, dass er zwei erwachsene Söhne hat. Der ältere, Alban, ist aufgrund einer Kombination aus beinahe übermenschlichen Kräften und absoluter Gefühllosigkeit zu einer perfekten Tötungsmaschine mit einer Vorliebe für sadistische Spielchen geworden. Als Pendergast ihn zuletzt gesehen hat, ist Alban im Dschungel Brasiliens verschwunden. 18 Monate später taucht Alban wieder auf – als Leiche, die von Unbekannten auf der Türschwelle von Pendergasts Stadthaus in New York abgelegt wurde. Das ist eine eindeutig an Pendergast gerichtete Botschaft, aber was hat sie zu bedeuten und wer ist der Absender? Wer auch immer dahintersteckt, muss über große Ressourcen und höchst ungewöhnliche Fähigkeiten verfügen, denn es ist seinerzeit selbst Pendergast nicht gelungen, seinen Sohn dingfest zu machen. Es wurden keinerlei Spuren hinterlassen und Pendergast hat keinen Ansatzpunkt. Das gilt auch für Lieutenant Peter Angler vom New York Police Department, der den Fall untersucht und sich Pendergasts ständige Einmischung gefallen lassen muss. Für Angler ist Pendergast der Hauptverdächtige in dieser Angelegenheit. Bei der Autopsie wird ein Türkis in Albans Magen gefunden. Pendergast lässt nicht locker, bis Angler ihm den ungewöhnlich gefärbten Stein für eine Herkunftsanalyse überlässt.

 

Um sich abzulenken und den Kopf frei zu bekommen, unterstützt Pendergast in der Zwischenzeit seinen alten Freund Vincent D’Agosta bei den Ermittlungen in einem anderen Mordfall. Der gerade erst aus den Flitterwochen mit seiner Angetrauten Laura Hayward zurückgekehrte Lieutenant soll klären, wer Victor Marsala erschlagen hat, einen Techniker des New York Museum of Natural History. Zunächst geht D’Agosta von einem Raubmord aus, doch schon bald zeigt sich, dass als Täter nur ein Gastforscher in Betracht kommt, der sich für das im Jahre 1889 in die Museumssammlung aufgenommene Skelett eines männlichen Hottentotten interessiert hat. D’Agosta freut sich über die Hilfe seines alten Freundes, nur um gleich wieder allein dazustehen, denn Pendergast erhält die Information, dass der Türkis nur aus einer ganz bestimmten aufgegebenen Mine am Rande des Saltonsees in Kalifornien stammen kann. Also zieht D’Agosta eine andere alte Bekannte zu Rate: Die Anthropologin Dr. Margo Green. Sie stellt fest, dass dem bewussten Skelett ein Oberschenkelknochen fehlt, obwohl es in den dazu gehörenden Unterlagen als vollständig bezeichnet wird, und dass es sich um die Überreste einer ungefähr sechzigjährigen Amerikanerin handelt.

 

Währenddessen erkundet Pendergast die Umgebung der Türkismine. Da er annimmt, dass er in eine Falle gelockt werden soll, sucht er nach einem Hintereingang. Es gibt tatsächlich einen, er befindet sich in einem verlassenen Luxushotel. Dort wird Pendergast von einem Killer angegriffen. Es gelingt ihm, den Mann zu überwältigen, doch ganz offensichtlich ist dieser nur ein Handlanger oder vielmehr ein Köder. Trotz Pendergasts Vorsicht schnappt die Falle zu. Beide Männer werden mit Gas betäubt. Nachdem Pendergast wieder zu sich gekommen ist, sorgt er dafür, dass der Killer ins Gefängnis wandert. Der Mann schweigt hartnäckig, beginnt aber nach einiger Zeit, vom Gestank vermoderter Blumen zu faseln und zu toben. Schließlich begeht er auf äußerst bizarre Weise Selbstmord. Pendergast, dem allmählich klar wird, dass sowohl Alban als auch er selbst für die schrecklichen Taten eines ihrer Vorfahren büßen sollen, nimmt eines Tages den nur für ihn vorhandenen unangenehmen Geruch welkender Lilien wahr…

 

Im 14. Pendergast-Roman ist der Titelheld nach den traumatischen Erlebnissen, die zu Helens Tod und Albans Entdeckung geführt haben (siehe Fear-Grab des Schreckens), zunächst wieder obenauf und im Vollbesitz seiner Kräfte, nur um nach der Hälfte des Romans tiefer zu stürzen als je zuvor. Berücksichtigt man die Tatsache, dass seitdem schon zwei weitere Pendergast-Romane erschienen sind, spoilere ich jetzt wohl nicht zu sehr, wenn ich verrate, dass er sogar stirbt. Es bedarf des selbstlosen Einsatzes zweier wichtiger Nebenfiguren der Pendergast-Reihe (Margo Green und Constance Greene), damit es nicht dabei bleibt. Tatsächlich haben Margo und Constance sehr wichtige Rollen in diesem Roman, genauer gesagt sind sie die Heldinnen eines Dutzende Seiten umfassenden, heillos übertriebenen Showdowns, der an zwei Schauplätzen stattfindet (New York Museum of Natural History / Botanischer Garten Brooklyn) und den Kampf gegen Nazis in einem ausbrechenden Vulkan – wieder »Fear« – zwar nicht toppt, aber nahe daran ist. Da werden tumbe Söldner mit einer Supersäure in blutigen Brei verwandelt, Walfischaugäpfel werden als Waffen eingesetzt und ein toter Tyrannosaurus Rex beißt ein letztes Mal herzhaft zu! Mir war das eindeutig »too much«, wie Guido Maria Kretschmer sagen würde.

 

Bis dahin ist der Roman aber durchaus gelungen. So gut gelungen, dass ich während der Lektüre dachte, ich könnte in ihn in dieser Review als einen der besten der Reihe bezeichnen. Geschickt wird Spannung aufgebaut, werden falsche Spuren gelegt und faszinierende Schauplätze wie der Saltonsee beschrieben, von dessen Existenz ich bis dato keine Ahnung hatte. Es verschlägt Pendergast sogar in eine Favela in Rio de Janeiro, wo er erfährt, was aus Alban nach dem Verschwinden im Dschungel geworden ist. Pendergasts Sohn hatte einen erstaunlichen, aber nicht unglaubwürdigen Sinneswandel. Es macht Spaß, gemeinsam mit Pendergast und D’Agosta nach der Wahrheit zu suchen (natürlich hängen Albans Tod und der Mord im Museum zusammen), der Ausflug in die schaurige Vergangenheit von Pendergasts Familie ist interessant, zumal er dazu führt, dass Pendergast am Ende einige Altlasten abschüttelt. Bis es soweit ist, macht Pendergast eine Wandlung durch, die für all jene, die diese Figur seit Jahren kennen und ins Herz geschlossen haben, geradezu schockierend sein dürfte. Mir und meiner besseren Hälfte ist es jedenfalls so ergangen.

 

Leider hat besagter Showdown mir einen Strich durch die Rechnung gemacht, wobei ich noch lobend erwähnen sollte, dass auf übernatürliche Phänomene vollständig verzichtet wurde. Ich habe nur eine Frage: Wie kam der Türkis in Albans Magen?

 

22.06.2018

Blu-ray: Wonder Woman

 

Die anbetungswürdige Gal Gadot, meiner bescheidenen Meinung nach die perfekte Besetzung für die erste Superheldin, macht diesen von der Story her nicht so wahnsinnig aufregenden Film zum Besten, was das DC-Universum bisher hervorgebracht hat. Wonder Woman - oder besser: Diana - ist die Tochter der Amazonenkönigin Hippolyta. Jahrtausendelang haben die Amazonen auf der paradiesischen Insel Themyscira ein ruhiges Leben fernab der Wirren der Menschenwelt geführt. Nach dem Ende der olympischen Götter hat Zeus diese Insel mit dem letzten Rest seiner Kraft eigens für sie erschaffen. Die Ruhe ist trügerisch, denn der Kriegsgott Ares lebt noch immer und es ist die Aufgabe der Amazonen, ihm Einhalt zu gebieten. Ares vergiftet die Herzen der Menschen mit Eifersucht und Neid, um sie zu schrecklichen Kriegen anzustacheln. Der Krieg findet eines Tages auch den Weg nach Themyscira...

20.06.2018

Robert Charles Wilson: Vortex

Heyne, 2016

289 Seiten

 

Zur Vorgeschichte siehe »Spin« und »Axis«.

 

In den Wirren der Spin-Jahre ist die Kriminalitätsrate so stark angestiegen, dass die Gefängnisse entlastet werden mussten. In Texas wurde deshalb die State Care als Auffangbecken für minder schwere Fälle gegründet. Seit sich die Verhältnisse wieder beruhigt haben, ist die State Care zu einer Fürsorgeeinrichtung für Menschen geworden, die nicht vom sozialen Netz aufgefangen werden. Sachverständige wie Dr. Sandra Cole haben über die Aufnahme neuer Kandidaten zu entscheiden. Eines Tages wird Sandra ein junger Herumtreiber namens Orrin Mather vorgestellt. Er wurde von Jefferson Bose eingeliefert, einem Officer der Houston Police. Orrin ist scheint verwirrt zu sein, ist aber nicht aggressiv und hat kein Verbrechen begangen. Es spricht also nichts dagegen, ihn in die Obhut seiner Schwester zu übergeben, die bereits von Bose benachrichtigt wurde. Doch dann wird Sandra von ihrem Vorgesetzten von dem Fall abgezogen. Orrin hat angeblich einen Pfleger angegriffen und soll für unzurechnungsfähig erklärt werden. Von Bose, der sich sehr für Orrin interessiert, erfährt Sandra, welchen Hintergrund die Geschichte hat. Orrin war Nachtwächter in einem Lagerhaus, das Boses Erkenntnissen zufolge als Umschlagplatz für verschiedene Chemikalien genutzt wird. Die Chemikalien werden zur Herstellung einer illegalen Variante der marsianischen Lebensverlängerungstherapie benötigt. Wahrscheinlich hat Orrin zu viel gesehen und soll mundtot gemacht werden. Sandra und Bose (die sich ineinander verlieben) machen gemeinsame Sache, um Orrin die Flucht zu ermöglichen und die Schmuggler zu überführen. Dabei begeben sie sich selbst in größte Gefahr.

 

Orrin hat einige Hefte mit Text gefüllt, der so gar nicht zu dem etwas zurückgebliebenen jungen Mann passen will. Außerdem werden Namen und Fakten erwähnt, die Orrin nicht bekannt sein dürften. Es handelt sich um die in Ich-Form verfassten Berichte eines Mannes namens Turk Findley und einer Frau namens Allison Pearl. Am Ende übernimmt ein gewisser Isaac Dvali die Berichterstattung. Die drei Personen erzählen eine phantastische Geschichte aus einer weit entfernten Zukunft: Auf der durch massive globale Erwärmung unbewohnbar gewordenen Erde existiert kein Leben mehr. Die Menschheit hat sich über die anderen Planeten des Weltenrings ausgebreitet. Neue Formen des Zusammenlebens wurden entwickelt. Die Bewohner der künstlichen Insel Vox sind durch limbische Implantate miteinander sowie mit den Prozessoren ihres gigantischen Habitats vernetzt und haben eine Art gemeinsames Über-Ich entwickelt, welches sie als Coryphaeus bezeichnen. Sie sind besessen von der Idee, sich mit ihren Göttern - den »Hypothetischen« - zu vereinigen. Zu diesem Zweck wollen sie von Äquatoria zur Erde reisen. Doch der Torbogen, der Erde und Äquatoria miteinander verbindet, hat seine Funktion schon vor Jahrhunderten eingestellt. Eine Durchquerung, so wird angenommen, ist nur möglich, wenn sich jemand auf Vox aufhält, den etwas mit den »Hypothetischen« verbindet. Es ist bekannt, dass Personen, die von den »Hypothetischen« absorbiert wurden, alle 9875 Jahre neu erschaffen werden. Und so warten die Bewohner von Vox mit geradezu religiöser Inbrunst auf die Wiederkehr der ersten Menschen, die ins Gedächtnis der »Hypothetischen« aufgenommen worden sind – darunter Turk Findley und Isaac Dvali…

 

Nachdem ich nun alle Romane der »Spin«-Trilogie gelesen habe, kann ich nur feststellen, dass eine Trilogie nicht nötig gewesen wäre. Wilson hätte es beim titelgebenden Band belassen sollen! Nach dem sehr enttäuschenden mittleren Band gefällt mir der letzte wieder besser, aber auch »Vortex« kann sich nicht mit dem ersten Roman messen. Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn Wilson nicht versucht hätte, die in »Spin« offen gebliebenen Fragen zu beantworten, sofern denn überhaupt Fragen offengeblieben sind. Auf den allerletzten Seiten von »Vortex« erlebt Isaac Dvali eine Apotheose (erinnert sehr an den Film »2001 – Odyssee im Weltraum«) und erschafft praktisch das gesamte Universum neu, indem er eine alternative (bessere?) Zeitlinie eröffnet. Hier wird deutlich gesagt, was man sich bei der Lektüre von »Spin« schon zusammenreimen konnte. Die »Hypothetischen« sind keineswegs mächtige Außerirdische oder Götter. Man könnte sie eher als automatisch ablaufenden Prozess verstehen. Im Grunde handelt es sich um Maschinen, die einfach nur einer Programmierung folgen, dabei aber unfassbare Macht erlangt haben. Was sie mit den Menschen tun, ist nicht Ausdruck einer wohlwollenden göttlichen Absicht. Die Menschen sind lediglich für eine gewisse Zeit Nutznießer der Programmierung. Dieses letzte Kapitel wird weder für den vorliegenden Roman noch für das Verständnis von »Spin« wirklich gebraucht. Es gefällt mir sowieso nicht, wenn wichtige Informationen in derart gedrängter Form in einen Roman hineingequetscht werden.

 

Handlungsgegenwart, Vergangenheit und weit entfernte Zukunft beeinflussen sich gegenseitig. Turk Findley, den wir aus »Axis« kennen, wird 10.000 Jahre nach seinem Tod neu erschaffen. Er schreibt seine Erlebnisse auf. Die Aufzeichnungen werden von Isaac Dvali ins Bewusstsein des nur wenige Jahre nach der Auflösung der Spinmembran lebenden Orrin Mather transferiert. Dadurch verändert sich Orrins Schicksal grundlegend – und somit auch der Lebensweg Turk Findleys zu einem Zeitpunkt vor den Geschehnissen von »Axis«! Der Zirkelschluss ist ein netter Kunstgriff, außerdem werden dadurch zwei Handlungsebenen eröffnet, die auf ihre Weise durchaus interessant und manchmal sogar spannend sind. Vor allem funktioniert die menschliche Ebene viel besser als in »Axis«, die Figuren und ihre Beziehungen zueinander sind interessanter.

 

Im Kommentar zu »Axis« habe ich moniert, dass Wilson seinem Universum kaum etwas Neues hinzuzufügen hat. Zumindest was den Zukunfts-Handlungsstrang angeht, gilt dieser Kritikpunkt diesmal nicht. So finde ich die vernetzte Gesellschaft von Vox faszinierend. Das Verhalten aller Bewohner der Insel wird durch ein kollektives Gewissen normiert. Was auf den ersten Blick gar nicht so schlecht aussieht, erweist sich schon bald als Tyrannei der anderen Art. Damit sich Turk, ein Relikt aus einer völlig anderen Zeit, in dieser Welt zurechtfindet, wird ihm eine Frau namens Treya als »Dolmetscherin« zur Seite gestellt. Ihr Kopf wird mit Tagebuchaufzeichnungen einer Zeitgenossin Turks (Allison Pearl) vollgestopft. Als Treyas Implantat zerstört wird, so dass sie nicht mehr der Kontrolle durch Coryphaeus unterliegt, erwacht Allison sozusagen zum Leben und verdrängt die Treya-Persönlichkeit…

 

»Vortex« ist sicher kein schlechter Roman. Ich kann nur nicht umhin, ihn mit dem genialen ersten Band zu vergleichen – und das Ergebnis fällt nicht günstig aus für den Abschluss der Trilogie. Wer »Spin« nicht kennt, hat wirklich etwas verpasst. Für »Axis« und »Vortex« gilt das leider nicht.

 

18.06.2018

Dexter: Die siebte Season (DVD)

 

In meinem Archiv findet ihr einen ausführlichen kommentierten Episodenführer zur siebten Staffel der Fernsehserie »Dexter« mit ein paar Screenshots. Wie immer gilt: Spoileralarm! Lesen auf eigene Gefahr!

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