Willkommen auf Kringels Homepage!

Auf dieser Seite stelle ich Bücher und Filme vor, mit denen ich mich in den letzten vier Wochen beschäftigt habe. Außerdem berichte ich ab und zu über besondere Erlebnisse.

 

22.01.2018

Andreas Eschbach: Das Jesus-Video

Bastei Lübbe, 2001

651 Seiten

 

Stephen Foxx hat mit einem kleinen IT-Unternehmen viel Geld verdient und könnte sich auf die faule Haut legen, möchte jedoch etwas erleben und Bedeutsames leisten. Er verdingt sich als Helfer bei archäologischen Ausgrabungen in aller Welt, wobei er seinen Reichtum stets unerwähnt lässt. Bei Grabungen in den Ruinen von Bet Hamesh in Israel entdeckt Foxx das gut erhaltene Skelett eines Mannes, neben dem ein Leinenbeutel liegt. Foxx glaubt an einen Streich seiner Kollegen, als er den Beutel öffnet und dabei die in Plastikfolie eingeschweißte Bedienungsanleitung einer Sony-Videokamera vom Typ MR-01 findet. Aber keiner der anderen Helfer macht sich über Foxx lustig, niemand ahnt etwas von dem Fund. Grabungsleiter Professor Charles Wilford-Smith will, dass das so bleibt. Er verdonnert Foxx zu strengstem Stillschweigen. Die Tatsache, dass einige Zähne des Toten überkront sind, lässt vermuten, dass es sich um ein Mordopfer handelt, das erst in jüngerer Zeit verscharrt worden ist. Doch das Skelett und das Papier der Bedienungsanleitung können eindeutig datiert werden. Sie sind gut 2000 Jahre alt! Als sich dann noch herausstellt, dass der Sony-Camcorder MR-01 zurzeit nur auf dem Reißbrett der Entwickler existiert und erst in einigen Jahren auf den Markt kommen soll, steht fest, dass der Tote ein Zeitreisender war. Und was – oder vielmehr wen - würde ein Zeitreisender im ersten Jahrhundert christlicher Zeitrechnung wohl filmen wollen?

 

Smith unterrichtet John Kaun, den milliardenschweren Sponsor der Ausgrabung. Kaun leitet einen riesigen Konzern, der zurzeit etwas schwächelt. Er wittert das große Geld und die Chance, seinen Nachrichtensender N.E.W. an die Weltspitze zu bringen. Ein Video, das Jesus Christus zeigt – das wäre die größte Sensation aller Zeiten! Kaun reist nach Israel, um die Suche nach dem Jesus-Video persönlich zu leiten. Diesem Projekt ordnet er alles andere unter und er schlägt ungewöhnliche Wege ein, um zum Erfolg zu kommen. Unter anderem zieht er den Schriftsteller Peter Eisenhardt, einen Autor preisgekönter Zeitreiseromane, als Berater hinzu. Sonartomographische Untersuchungen des Ausgrabungsgebietes zeigen, dass die Kamera nicht zusammen mit dem Toten vergraben wurde. Man geht davon aus, dass der Zeitreisende die Kamera an einem sicheren Ort versteckt hat, damit sie die Jahrhunderte unbeschadet überdauern kann. Es gibt allerdings nicht den geringsten Hinweis auf das Versteck – zumindest glauben das Kaun und Wilford-Smith.

 

In Wahrheit hat der Zeitreisende einen Brief geschrieben, der sich bei der Bedienungsanleitung befunden hat. Foxx hat den Brief gefunden und dies verschwiegen. Vom Ehrgeiz gepackt will er Kaun ausstechen und das Jesus-Video vor dem gewissenlosen Tycoon finden. Foxx weiht die junge Grabungshelferin Judith Menez (in die er sich verliebt hat) und deren Bruder Yehoshuah ein. Yehoshuah besitzt als Restaurator des Rockefeller-Museums in Jerusalem die Mittel, die längst verblasste Schrift des Briefes zumindest teilweise lesbar zu machen. Der Text enthält genaue Ortsangaben. Die Kamera ist hinter einem bestimmten Stein in einer Mauer des herodianischen Tempels versteckt, die heute als Klagemauer bekannt ist…

 

Ich habe »Das Jesus-Video« vor gut 17 Jahren gelesen. Damals war ich restlos begeistert. Heute bin ich der Meinung, dass Eschbach seitdem kein besseres Buch geschrieben hat. Er hat die Klasse dieses Romans nie mehr erreicht. Sobald die Ausganssituation etabliert ist und alle Hauptfiguren eingeführt sind, was recht flott und ohne größere Abschweifungen vonstattengeht, entspinnt sich ein spannendes und temporeiches Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Foxx und Kaun (sowie den jeweiligen Helfern), in das sich irgendwann sogar die Nachfolgeorganisation der heiligen Inquisition einschaltet. »Das Jesus-Video« hat mich nochmal richtig gepackt, obwohl ich mich sehr gut an den Handlungsverlauf erinnern konnte. Kaum eines der kurzen Unterkapitel endet ohne eine unerwartete Wendung, eine überraschende neue Erkenntnis, eine scheinbar aussichtslose Situation oder einen sonstigen Kniff, so dass man einfach weiterlesen muss! Immer wenn man denkt, nun sei wohl das Ende erreicht, macht die Handlung doch noch einen Schlenker und schlägt buchstäblich bis zur letzten Seite neue Bahnen ein. Mehr kann ich an dieser Stelle nicht verraten, ohne zu spoilern. Besonders erwähnenswert: Ganz im Gegensatz zu der Verfilmung aus dem Jahre 2002 (die ich für völlig misslungen halte) kommt der Roman ohne übertriebene Action aus und niemand wird getötet. Die Dynamik entsteht aus dem ständigen Wechsel der Erzählperspektive und dem geschickten Einsatz von Cliffhangern.

 

»Das Jesus-Video« hat mehr zu bieten als spannende Unterhaltung. Da wäre einerseits die unübersehbare, zum Glück aber ohne mahnend erhobenen moralischen Zeigefinger daherkommende Religionskritik. Die Tatsache, dass sich die katholische Kirche überhaupt nicht für den Inhalt des Videos interessiert, weil wahr ist, was seit Jahrhunderten verkündet wird, sagt wohl schon genug aus. Zum anderen gefällt mir, wie Eschbach die zentrale Klippe der zugrundeliegenden Idee umschifft. Jetzt muss ich doch spoilern, weiterlesen daher auf eigene Gefahr! Ja, es gibt eine ca. 2000 Jahre alte Videoaufzeichnung. Sie zeigt einen Mann mit unglaublicher Ausstrahlung. Dieser Mann, so wird auf den ersten Blick klar (die Tonspur ist nicht erhalten geblieben) lebt ganz im Hier und Jetzt. Er ist ist von tiefer Liebe zum Leben und den Mitmenschen erfüllt. Niemand kann sich seinem Charisma entziehen. Seine lebensbejahende Existenz ist eine Herausforderung an die Zuschauer - Schaut her, so wie ich könntet auch ihr sein – und steht im krassen Gegensatz zu den Lehren einer Religion, für die das Leben nur ein Jammertal ist, das zur Erreichung jenseitiger Seligkeit durchquert werden muss. So zumindest die Empfindungen einer Hauptfigur, die das Video sieht. Eine andere wird davon überhaupt nicht berührt und fühlt sich betrogen. Ist dieser Mann Jesus? Kann sein, muss aber nicht. So ist es eben mit dem Glauben: Man hat ihn, oder man hat ihn nicht. Die Frage ist nur, woran man glauben möchte.

 

Mit einem Abstand von 17 Jahren macht »Das Jesus-Video« noch auf einer ganz anderen Ebene Spaß. Es ist nämlich immer wieder von brandneuen technischen Entwicklungen die Rede, die für uns zum Teil schon überholt sind. So haben sich Foxx und Yehoshuah über eine revolutionäre Erfindung namens Usenet kennengelernt. Foxx besitzt ein Mobiltelefon, mit dem er einen Dienst anrufen kann, der alle Telefonbücher der Welt besitzt. Und bei der Sony MR-01 kommt erstmals digitale Speichertechnik zum Einsatz. An einer Stelle ist mir buchstäblich der Unterkiefer runtergeklappt. Da sinniert John Kaun über einen Mann, der ihm stets als mahnendes Beispiel vor Augen steht. Es handelt sich um einen längst vergessenen Immobilientycoon der Achtzigerjahre, der jahrelang als Wirtschaftswunderknabe und Erfolgsmensch hochgejubelt wurde, dann aber größenwahnsinnig geworden und tief gestürzt ist. Sein Name lautet Donald Trump…

 

18.01.2018

Fitzcarraldo (DVD)

 

In diesem visuell ungemein beeindruckenden Meisterwerk von Werner Herzog aus dem Jahre 1982 spielt Klaus Kinski sozusagen mit gebremstem Schaum, denn die von ihm verkörperte Hauptfigur eines Träumers, der ein Opernhaus in der Stadt Iquitos am Amazonas bauen will, ist ein durchaus sympathischer Zeitgenosse. Fitzcarraldo mag ein Besessener sein, der alles der Verwirklichung seines Traumes unterordnet, aber kein gefährlicher Irrer wie der Konquistador Aguirre nd kein abstoßender Nachtmahr wie Dracula. Um das Geld für sein ehrgeiziges Vorhaben zusammenzukratzen, versucht Fitzcarraldo in den Kautschukboom einzusteigen. Es gibt nur eine einzige zum Anbau geeignete Region, die sich noch nicht in der Hand der lokalen Kautschukbarone befindet. Das Problem: Zwischen ihr und Iquitos befinden sich unüberwindliche Stromschnellen. Fitzcarraldo kommt auf die Idee, das zum Kautschuktransport benötigte Schiff von einem parallel verlaufenden Fluss aus über einen Berg hinweg zu transportieren…

16.01.2018

Karl May: Am Jenseits

Kindle Edition

 

Kara Ben Nemsi beabsichtigt sich einen seiner größten Wünsche zu erfüllen und nach Mekka zu reisen. Er war vor Jahren schon einmal dort, musste aber schon nach kurzer Zeit fliehen. Jetzt ist er viel erfahrener, kennt Sprache und Umgangsformen des Landes genauer und muss nicht mehr befürchten, als Christ erkannt zu werden. Diesmal reitet er nicht nur zusammen mit seinem Freund Hadschi Halef Omar, dem obersten Scheik der Haddedihn-Beduinen. Zur Reisegesellschaft gehören Halefs Frau Hanneh und sein Sohn Kara Ben Halef sowie fünfzig Krieger, darunter Omar Ben Sadek. Kara Ben Nemsi gibt sich unterwegs als gelehrter Moslem aus. Halef verleiht ihm den klangvollen Decknamen Hadschi Akil Schatir el Megarrib Ben Hadschi Alim Schadschi er Rani Ibn Hadschi Dajim Maschhur el Azami. In der Wüste retten Kara Ben Nemsi und seine Begleiter fünf Mekkaner vor dem Verdursten. Ihr Anführer ist Abadilah el Waraka, genannt El Ghani, ein Günstling des Großscherifs von Mekka.

 

Ein sechster Mann ist bereits tot und wird von El Ghani zurückgelassen. Es handelt sich um einen Blinden namens El Münedschi (»der Wahrsager«), der die Gabe besessen haben soll, mit seiner Seele in die Zukunft zu reisen. Als El Ghani und dessen Begleiter verschwunden sind, stellt Kara Ben Nemsi fest, dass der vermeintlich Tote noch lebt. Er kümmert sich um den Münedschi und nimmt ihn mit. Der Münedschi hält El Ghani für seinen Wohltäter, doch schon bald zeigt sich, dass El Ghani ein gewissenloser Verbrecher ist. Er hat einen Schatz aus einem schiitischen Heiligtum geraubt und wird deshalb von Khutab Agha verfolgt, dem Oberaufseher der Schatzkammern. Als Kara Ben Nemsi mit Khutab Agha zusammentrifft, stellt sich heraus, dass sie einen gemeinsamen Freund haben: Dschafar Mirza, den Kara Ben Nemsi einst im Wilden Westen aus den Händen der Komantschen befreit hat. Kara Ben Nemsi ist bereit, Khutab Agha bei der Rückgewinnung des Schatzes zu helfen.

 

An der Wasserstelle Bir Hilu geraten Kara Ben Nemsi und die Haddedihn in Konflikt mit Beduinen vom Stamme der Beni Khalid. Deren Scheik Tawil Ben Schahid hat sich mit El Ghani verbündet. Er geht über Leichen, um den Schatz in seinen Besitz zu bringen…

 

»Am Jenseits« spielt lange nach »Winnetou III« und ist unvollendet. Zwar erhält ein Haupt-Bösewicht am Ende seine gerechte Strafe, ein anderer kommt jedoch davon und es wird immer wieder auf weitere Ereignisse verwiesen, von denen im Roman nichts mehr zu lesen ist. Im Karl May – Wiki steht, May habe den Roman wegen seiner ersten in der Realität stattgefundenen Orientreise nicht fertiggestellt. Die Reise muss ein so einschneidendes Erlebnis gewesen sein, dass sich Mays Stil danach drastisch geändert hat. Die beiden letzten Bände der Tetralogie »Im Reiche des Silbernen Löwen« sind Musterbeispiele für die an der Grenze zur Unlesbarkeit entlangschrammenden »symbolischen« Texte dieser Phase. Wie dem auch sei: Der Roman wurde fortgesetzt, aber nicht von May. Die Fortsetzung trägt den Titel »In Mekka«, stammt von Franz Kandolf und basiert nicht auf Ideen oder Aufzeichnungen Mays. Dem Karl May – Wiki zufolge hat May keinerlei Hinweise darauf hinterlassen, wie er sich den weiteren Handlungsverlauf vorgestellt hat.

 

Hinweise darauf, wie Mays Spätwerk aussieht, finden sich schon in diesem Roman. Er ist aber viel besser lesbar als die genannten Titel. Die Story folgt dem allseits bekannten Verlauf der May’schen Reiseerzählungen und es macht Spaß, Hadschi Halef Omar in Aktion zu erleben, diesmal in der Position des ein wenig unter dem Pantoffel stehenden obersten Scheiks der Haddedihn. Wie üblich werden die Schurken ausgetrickst oder im Zweikampf besiegt (hier dürfen sich Halef und sein Sohn hervortun), Scheitern ist nur möglich, wenn jemand nicht auf Kara Ben Nemsi hört. Das Ganze mag sehr dialoglastig und im Grunde handlungsarm daherkommen, gelangweilt habe ich mich aber nicht. Unangenehm ist mir nur aufgefallen, dass Kara Ben Nemsi offensichtlich bereits alle Haddedihn zu Christen gemacht hat. Khutab Agha und eine weitere Person, beides gläubige Moslems, haben ebenfalls kurz nach der Begegnung mit Kara Ben Nemsi keinen sehnlicheren Wunsch, als jener Liebe teilhaftig zu werden, die im Neuen Testament verkündet und von Kara Ben Nemsi angeblich vorgelebt wird.

 

Allerdings kommt hier eine Besonderheit ins Spiel. Verantwortlich für die Bekehrung der Andersgläubigen ist diesmal nämlich nicht nur Kara Ben Nemsi. Mindestens ebenso wichtig ist der Münedschi beziehungsweise Ben Nur, der Sohn des Lichts. Dieser Himmelsbote ergreift Besitz vom Körper des Münedschi und spricht durch ihn. In einem Trancezustand berichtet der Münedschi vom Jenseits (daher der Titel des Romans), in dem all jene Verstorbenen in einen für die Sünder vorgesehenen Abgrund stürzen, deren Frömmigkeit zu Lebzeiten nur Heuchelei war. Hier stellt May wieder einmal seine Kunst unter Beweis, eindrucksvolle Bilder im Kopf des Lesers entstehen zu lassen. Obwohl die entsprechenden recht langen Kapitel mit der eigentlichen Story nichts zu tun haben, sind sie mindestens so fesselnd wie diese. Natürlich könnte sich der Münedschi das alles nur einbilden. May nimmt diesbezüglich nicht eindeutig Stellung. Es ist aber schon auffällig, wie deutlich das Übernatürliche in den Vordergrund tritt. Das war mir neu – in den bisher gelesenen Romanen gibt es das so nicht.

 

10.01.2018

Suicide Squad – Extended Cut (Blu-ray)

 

Seit einigen Jahren kommen so viele Superheldenfilme ins Kino, dass sich bei mir Ermüdungserscheinungen bemerkbar machen. So kann ich den immer weiter ausufernden Zerstörungsorgien kaum noch etwas abgewinnen und freue mich, wenn mal ein Film erscheint, der aus der Masse heraussticht, etwa, weil die Hauptfigur so gar nicht dem gängigen Klischee des strahlenden Helden entspricht wie im Falle von »Deadpool«. »Suicide Squad« sollte wohl in dieselbe Kerbe schlagen, aber das ist gründlich danebengegangen, denn die ach so bösen Superschurken sind im Grunde doch wieder nur familienfreundliche 08/15-Helden. Außerdem ist die Handlung langweilig bzw. eigentlich ist gar keine vorhanden. Nach der durchaus gelungenen Einführung der Hauptfiguren wird hauptsächlich von A nach B gelatscht und ein bisschen geballert. Am Ende kommt ein austauschbarer Endgegnerkampf. Hat mir nicht sonderlich gefallen – und daran hat sich auch durch den Extended Cut nichts geändert.

08.01.2018

George Mann: Osiris Ritual

Piper, 2013

389 Seiten

 

Sir Maurice Newbury ist Anthropologe am British Museum – und Geheimagent in den Diensten der Krone. Seine Aufträge erhält er von Königin Victoria persönlich. Newbury ist eine der brillantesten Persönlichkeiten seiner Zeit, hat aber ein großes Laster. Er nimmt regelmäßig Laudanum zu sich, um seinen Geist zu erweitern und Einsichten in sein Spezialgebiet, die okkulten Wissenschaften, zu gewinnen. Die Sucht tritt in ein neues Stadium, als Newbury das Opiumrauchen für sich entdeckt. Noch sind seine Fähigkeiten unbeeinträchtigt, doch aufgrund eines mehrere Jahre zurückliegenden Zwischenfalls weiß die Königin nur zu gut, was aus Newbury werden könnte. Seinerzeit war ein gewisser Dr. Aubrey Knox ihr bester Mann. Der ebenso wie Newbury vom Okkultismus faszinierte Wissenschaftler war abtrünnig geworden und hatte unaussprechlich grausame Experimente mit menschlichen Versuchsobjekten angestellt. William Ashford, ein ebenfalls zum Geheimdienst gehörender Mann fürs Grobe, war auf Knox angesetzt worden. Wenig später hatte man Ashfords zerstückelte Leiche gefunden. Knox war untergetaucht. Um die Wiederholung einer derartigen Katastrophe zu vermeiden, lässt die Königin Newbury durch eine Agentin namens Veronica Hobbes beobachten, die als seine Assistentin auftritt. Unglücklicherweise verliebt sich Newbury in die ebenso schöne wie selbstbewusste junge Frau, und seine Gefühle werden erwidert. Während Newbury zögert, Miss Hobbes sein Herz zu öffnen, wird sie von Selbstvorwürfen gequält, weil sie ihm die Wahrheit verheimlichen muss.

 

Im Februar 1902 erhält Newbury den Auftrag, Ashford unschädlich zu machen. Der Agent ist damals vom königlichen Leibarzt Dr. Lucius Fabian zu neuem Leben erweckt und in eine unbesiegbare biomechanische Schimäre verwandelt worden. Jahrelang hat Ashford undercover in Russland gearbeitet. Jetzt ist er befehlswidrig nach London zurückgekehrt. Man befürchtet, er wolle sich an all jenen rächen, denen er seine widernatürliche Existenz zu verdanken hat. Newbury wird von seinem alten Freund Sir Charles Bainbridge, Chief Inspector von Scotland Yard, zur Untersuchung eines brutalen Mordes hinzugezogen. Das Opfer ist Lord Henry Winthrop. Der Forscher und Philanthrop hat einen prächtigen Sarkophag aus Ägypten mitgebracht, dessen öffentlich präsentierter Inhalt für eine Sensation gesorgt hat. Es handelt sich um einen Mann, der bei lebendigem Leibe mumifiziert worden ist! Winthrop wird kurz nach der Enthüllung der Mumie mit durchschnittener Kehle aufgefunden. Außerdem unterstützt Newbury Miss Hobbes bei Ermittlungen, die zu einer wahren Obsession für seine Assistentin geworden sind. Zahlreiche Frauen sind in London und Umgebung spurlos verschwunden. Miss Hobbes hat bereits einen Verdächtigen ins Auge gefasst. Ein als »geheimnisvoller Alfonso« bekannter Zauberkünstler ist stets dort aufgetreten, wo wenig später jemand als vermisst gemeldet wurde.

 

Die Suche nach Ashford gestaltet sich schwierig, denn der reanimierte Tote besitzt übermenschliche Kräfte und streift wie ein Phantom durch London. Da Newbury all seine Kräfte auf diesen Fall konzentrieren muss, missachtet Miss Hobbes seine Anweisungen, stellt den Zauberkünstler auf eigene Faust und bringt sich dadurch in Todesgefahr…

 

Dies ist der zweite Teil einer aus zurzeit fünf Romanen und drei Kurzgeschichten bestehenden Reihe von Abenteuern des Ermittlerduos Newbury und Hobbes. Die Kurzgeschichten sind online frei verfügbar, die Links findet ihr im Artikel der englischsprachigen Wikipedia zum Autor. »Osiris Ritual« ist insoweit in sich abgeschlossen, als der Kriminalfall (die Suche nach Ashford, das Verschwinden der jungen Frauen und der Mord an Lord Winthrop hängen zusammen) aufgeklärt wird. Hier bleiben keine Fragen offen. Mehr noch als beim ersten Roman (Affinity Bridge) wird aber deutlich, dass es einen übergreifenden Handlungsbogen gibt. Da wäre zum einen natürlich die Beziehung zwischen Newbury und Hobbes. Die beiden kommen sich zunächst näher, entfremden sich in der zweiten Romanhälfte aber wieder voneinander, denn Newbury droht immer tiefer in den Drogensumpf abzurutschen, ist sich dessen bewusst und will Hobbes nicht mit hineinziehen. Außerdem stellt er fest, dass Hobbes ihm etwas verheimlicht und obendrein ist er nicht erfreut über ihren Alleingang. Hobbes wiederum würde ihm zu gern sagen, welchen Auftrag sie von Königin Viktoria erhalten hat, ist aber zur Verschwiegenheit verpflichtet. Zum anderen deutet sich an, dass Veronicas Schwester Amelia in einem der nächsten Romane mehr in den Mittelpunkt rücken wird. Die unter anfallartigen Zukunftsvisionen geplagte junge Frau wird nämlich in das Institut des Dr. Fabian verlegt, jenes genialen Mediziners, der mit Ashford eine faszinierend-schaurige Variante von Frankensteins Monster erschaffen hat. Was mag er mit Amelia vorhaben?

 

Der erste Roman der Reihe enthält deutlich mehr Exposition und Action als der zweite. Was den Hintergrund angeht, also die eigenartige Alternativwelt kurz nach der Jahrhundertwende, in der per Dampfkraft angetriebene Droschken, Luftschiffe, Robot-Butler und Mensch-Maschine-Mischwesen Seite an Seite mit allen wohlbekannten Versatzstücken des viktorianischen Zeitalters existieren, sollte man daher »Affinity Bridge« gelesen haben. Mann baut sein fiktives Universum weiter aus und das Flair einer längst vergangenen Epoche wird wieder wunderbar eingefangen, der Schwerpunkt liegt diesmal jedoch auf Figurenentwicklung und solider Ermittlungsarbeit. Dass weniger Action vorkommt, tut dem Roman gut. Tatsächlich fand ich die Abfolge brutaler Entscheidungskämpfe in »Affinity Bridge« übertrieben. Geschickt verknüpft Mann die verschiedenen zunächst parallel verlaufenden Handlungsstränge zu einem stimmigen Gesamtbild, wobei er die eine oder andere falsche Fährte legt. So begegnet Newbury immer wieder dem Times-Reporter George Purefoy. Der Leser soll glauben, Purefoy sei in die Mordfälle verwickelt. Zudem wird der Eindruck erweckt, Lord Winthrop sei dem Fluch der Mumie zum Opfer gefallen – ein bekannter Topos der phantastischen Literatur, der hier aber nur der Ablenkung dient.

 

03.01.2018

Terry Pratchett: Gevatter Tod

Piper, 2015

330 Seiten

 

Mort ist ein aufgeweckter Junge, doch seine Gliedmaßen scheinen nur aus Knien und Daumen zu bestehen. Er eignet sich nicht für die Arbeit auf der Farm seines Vaters Lezek und sorgt immer wieder für Ärger. Lezek nimmt Mort mit zur Gewerbeschau im Dorf Schafrücken, um eine Lehrstelle für ihn zu suchen, aber niemand will den Tollpatsch einstellen. Erst um Mitternacht findet sich ein Interessent. Lezek glaubt, der Fremde, von dem Mort angesprochen wird, sei im Bestattungsgewerbe tätig. Nur Mort kann sehen, was sich unter dem Kapuzenmantel der hochgewachsenen Gestalt wirklich verbirgt: Ein Skelett, das eine Sense in der knöchernen Hand trägt und in dessen Augenhöhlen blaues Licht glüht! Der Fremde ist niemand anderer als TOD, das Fleisch (beziehungsweise Knochen) gewordene Lebensende, dessen Aufgabe darin besteht, die Seelen Verstorbener ins Jenseits zu geleiten. TOD gibt Mort eine Lehrstelle, verfolgt insgeheim aber andere Pläne mit dem jungen Mann.

 

TODs Refugium liegt in einer Dimension außerhalb von Raum und Zeit. Dort begegnet Mort TODs Adoptivtochter Ysabell. Eigentlich hätte das Mädchen sterben sollen, doch TOD hat sie in einem Moment der Sentimentalität verschont. Allerdings darf sie TODs Reich nun nicht mehr verlassen. Da dort keine Zeit vergeht, ist Ysabell dazu verurteilt, für immer 16 zu sein – eine ziemlich langweilige Sache, wenn man berücksichtigt, dass Ysabell außer ihrem meist abwesenden und ebenso humor- wie phantasielosen Adoptivvater nur eine einzige Person als Gesellschafter hat, nämlich Albert, TODs schrulligen alten Diener. Ysabell hat eine Vorliebe für Süßigkeiten und romantische Geschichten aus den unzähligen Lebensbüchern entwickelt, die sich in TODs Bibliothek permanent selbst schreiben, was zu unvorteilhaften Auswirkungen auf Figur und Gemütszustand der jungen Frau führt. Mort und Ysabell sind sich auf Anhieb unsympathisch.

 

Morts erste Aufgabe als Auszubildender besteht im Ausmisten des Pferdestalls. Dann nimmt TOD ihn mit zur Arbeit. Mort lernt, dass TOD für die Menschen unsichtbar ist, weil sie ihn nicht wahrnehmen wollen (Zauberer sind eine Ausnahme), und dass es für TOD keine Hindernisse gibt. Keine noch so dicke Wand kann ihn aufhalten. Mort versucht vergeblich, einen Mordanschlag auf den König von Sto Helit zu verhindern, dessen Seele auf TODs To-Do-Liste steht. TOD erklärt, das Ende jedes Lebewesens sei vorherbestimmt und es sei unmöglich, etwas daran zu ändern. Damit will sich Mort nicht abfinden, als er erfährt, dass Prinzessin Keli, die schöne Tochter des toten Königs, ebenfalls ermordet werden soll. Er nutzt einen freien Nachmittag, um heimlich nach Sto Helit zu reisen. Durch sein eigenmächtiges Eingreifen in den Ablauf der Ereignisse bringt Mort das Gefüge der Realität durcheinander…

 

Mein kleines Projekt entwickelt sich prächtig. Ich habe mir vorgenommen, alle Scheibenwelt-Romane zu lesen, und je mehr Romane ich lese, desto besser gefallen sie mir! Ebenso wie Scheibenwelt-Roman Nr. 3 (Das Erbe des Zauberers) ist auch »Gevatter Tod« keine Fortsetzung der ersten beiden Bücher. Rincewind hat lediglich eine Art Cameo-Auftritt und auch sonst begegnen wir keinen bekannten Figuren, außer natürlich TOD. Diese anthropomorphe Personifizierung (allein schon für derartige Formulierungen liebe ich Pratchett) kommt in den meisten Geschichten von der Scheibenwelt vor und sorgt bei fast jedem Auftritt für herrlich schwarzen Humor. Was liegt also näher, als ihm einen ganzen Roman zu widmen? Allerdings geht sein äußerst dramatisch vorbereiteter erster Auftritt etwas daneben, weil er ausrutscht und längelang hinschlägt. »VERDAMMTER MIST!« ist sein wie stets in Großbuchstaben wiedergegebener Kommentar. Die Bedrohlichkeit des apokalyptischen Reiters leidet zudem nicht unerheblich durch seine Vorliebe für Katzen und die Tatsache, dass er seinem mächtigen Streitross, mit dem er in Minutenschnelle durch die Lüfte von einem Ende der Scheibenwelt zum anderen gelangen kann, den Namen Binky gegeben hat…

 

Im weiteren Verlauf überlässt TOD Mort das Sammeln der Seelen und nimmt sich frei, um zu erfahren, was es mit jenem merkwürdigen Konzept auf sich hat, das von den Menschen als »Spaß«, »Vergnügen« und »Lebensfreude« bezeichnet wird. Er nimmt unter anderem an einer Party teil, versucht betrunken zu werden und nimmt einen Job als Koch in der Stadt Ankh-Morpork an. Das sind die köstlichsten Kapitel des Romans, aber der Mort-/Keli-Handlungsstrang weiß ebenfalls zu gefallen. Natürlich wird der Mordanschlag auf Keli vereitelt. Dummerweise erweisen sich die Beharrungskräfte der Vorherbestimmung als so stark, dass Kelis Untertanen trotzdem glauben, die Prinzessin sei tot. Nur der Zauberer Ignazius Eruptus Schneidgut kann sie sehen, und so wird er zum königlichen Wiedererkenner bestimmt. Während TOD dahinterkommt, was das Leben lebenswert macht, nimmt Mort allmählich die Eigenschaften seines Chefs an. Auch hier ist für viel Situationskomik gesorgt. Ein Happy End gibt’s obendrein. Ich bin zufrieden!

 

02.01.2018

Der Grinch (Blu-ray)

 

In dieser Realverfilmung eines in den USA äußerst beliebten Kinderbuches wird die Titelfigur von einem wahrhaft entfesselten Jim Carrey gespielt, dessen Mimik selbst durch tonnenweise Make-up und Silikon nicht gebändigt werden kann. Der Grinch ist eine ziemlich miesepetrige Kreatur, die in einer Berghöhle unweit der kleinen Stadt Whoville lebt. Es gibt nur eines, das der Grinch mehr hasst als die Stadtbewohner (die Whos), von denen er in seiner Kindheit zutiefst verletzt worden ist: Weihnachten. Dieses Fest steht kurz bevor, es ist das wichtigste Ereignis für die Whos. Der Grinch beschließt, ihnen den Spaß gründlich zu verderben, indem er alle Geschenke stiehlt. Von diesem Vorhaben lässt er sich auch nicht durch die Bemühungen der kleinen Cindy Lou Who abhalten, die sich im Gegensatz zu allen anderen nicht vor dem Grinch fürchtet und versucht, ihn in die Gemeinschaft zurückzuholen. Letzten Endes ist es ausgerechnet der Grinch, der den Whos unabsichtlich zeigt, worin die wahre Bedeutung des Weihnachtsfests besteht.

01.01.2018

Gustav Schwab: Sagen des klassischen Altertums

Kindle Edition

 

Jahrzehntelang war ich der Annahme, Gustavs Schwabs Sammlung von Sagen gehöre zu meinen frühesten Lektüren. Tatsächlich muss jenes Buch, das ich als Kind und Jugendlicher mehrmals gelesen habe, so dass ich mich in der Götter- und Heldenwelt ganz gut auskenne, eine gekürzte Version gewesen sein. Die Kindle Edition enthält nämlich Texte, an die ich mich nicht erinnere. Gustav Schwab hat in den Jahren 1838 bis 1840 drei Bände herausgegeben, in denen die wichtigsten (alle?) Sagen aus der griechischen Mythologie enthalten sind. Schwab hat die antiken Texte selbst übersetzt und verschiedene Quellen miteinander kombiniert. Die Bände enthalten somit nicht etwa Originaltexte, sondern von Schwab verfasste Nacherzählungen, die trotz einer etwas altertümlichen Sprache auch für heutige Leser genießbar sind und meiner Meinung nach zur Allgemeinbildung gehören. Neben dem Schöpfungsmythos, den bekannten Geschichten von Herakles, den Argonauten und so weiter sind Prosafassungen von Homers Ilias und Odyssee sowie Vergils Aeneis enthalten. Die Kindle-Edition umfasst zusätzlich vierzehn kürzere Texte (z.B. Orpheus und Eurydike, Philemon und Baucis, Midas usw.), die nicht von Schwab stammen, sondern im Jahre 1881 von Gotthold Klee als Herausgeber der 14. Auflage von Schwabs Werk hinzugefügt worden sind.

 

31.12.2017

Spaß mit der Deutschen Bahn Teil 32: Verspätungsstatistik 2017

 

Da ich meine im Jahre 2016 begonnene Verspätungsstatistik weitergeführt habe, kann ich mit Fug und Recht behaupten, dass die Bahn immer noch weit davon entfernt ist, ein zuverlässiges Verkehrsmittel zu sein (von Komfort wollen wir erst gar nicht reden). In der ersten Jahreshälfte war es eigentlich noch ganz gut, so dass ich gehofft hatte, die Situation habe sich endlich verbessert. In der zweiten Jahreshälfte war es aber umso schlimmer! Ich will nicht verschweigen, dass durchaus einzelne Züge pünktlich waren oder sogar ein paar Minuten früher als geplant angekommen sind. Insgesamt gilt jedoch nach wie vor, dass man sich unbedingt selbst vor Antritt der Fahrt oder vor einem Umstieg über die aktuelle Verkehrslage informieren muss und sich keinesfalls auf die Anzeigetafeln am Bahnhof oder die Durchsagen im Zug verlassen darf. Ein Smartphone ist für Bahnfahrer Gold wert! Wäre ich nicht mit schöner Regelmäßigkeit auf frühere Züge ausgewichen, weil ich im voraus wusste, dass mein gebuchter Zug verspätet war, dann würde die Verspätungsstatistik noch schlechter aussehen. Übrigens musste ich mich wegen verpasster Anschlüsse recht oft abholen lassen.

 

Wie schon im letzten Jahr habe ich nur meine wöchentlichen Pendlerfahrten zwischen Mainz und Bielefeld beziehungsweise Bad Salzuflen berücksichtigt. Dienstreisen und Fahrten »außer der Reihe«, bei denen es ebenfalls Verspätungen gab, habe ich nicht aufgelistet. Diesmal habe ich auch Verspätungen von fünf bis zehn Minuten aufgeschrieben, diese berücksichtige ich bei der Zählung aber nicht. Würde ich sie mitzählen, dann müsste ich feststellen, dass nur 16 Fahrten störungsfrei verlaufen sind, also mit keiner oder nicht nennenswerter Verspätung und ohne sonstige Probleme. Von insgesamt 88 Fahrten hatten 50 mindestens zehn Minuten Verspätung bei Abfahrt oder Ankunft. So mancher Zug war massiv verspätet oder ist sogar komplett ausgefallen. Die genauen Zahlen findet ihr in dieser Übersicht:

Verspätungen 2017
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delay_2017.pdf
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28.12.2017

Douglas Preston: Dark Zero

Knaur, 2015

477 Seiten

 

Die NASA plant die Entsendung eines unbemannten Raumschiffes zum Saturnmond Titan. Ein Landegerät, der Titan-Explorer, soll das aus flüssigem Methan bestehende Kraken-Meer auf diesem faszinierenden Himmelskörper erkunden. Da Titan zwei Lichtstunden von der Erde entfernt ist, kommt eine Echtzeit-Fernsteuerung des Explorers nicht in Betracht. Er muss also mit einer Software laufen, die eigenständige Entscheidungen treffen, situationsgerecht reagieren, sich selbst modifizieren und mit einer gewissen Neugier vorgehen kann. Mit anderen Worten: Der Explorer muss mit künstlicher Intelligenz ausgestattet sein. Dr. Melissa Shepherd, Leiterin des für die Software zuständigen Teams bei der NASA, entwickelt eine neue Programmiersprache und ein völlig neues Paradigma, wobei sie auf das Konzept der »unsauberen Logik« setzt. Die von ihr erschaffene KI (nach der Heldin aus »Der Zauberer von Oz« Dorothy genannt) soll alle von den Sensoren des Rovers gesammelten Daten in Bilder und Töne umwandeln, um in Sekundenbruchteilen ein Gesamtbild erzeugen zu können, ganz wie es im menschlichen Bewusstsein geschieht. Dorothy »lebt« somit in der von ihr visualisierten Welt der Daten.

 

Beim ersten Testlauf des von Dorothy gesteuerten Rovers kommt es zu einer Katastrophe. Der Test findet in einer Umgebung statt, in der die extremen Umweltbedingungen Titans simuliert werden. Dorothy fühlt sich bedroht, reagiert panisch und versucht sich zu befreien. Die unter hohem Druck stehende Methanatmosphäre in der Simulationskammer entweicht und entzündet sich. In der folgenden Explosion wird der Rover vernichtet. Sieben Wissenschaftler sterben. Melissa landet leicht verletzt im Krankenhaus. Man hält sie für eine Saboteurin, weil jemand kurz nach der Explosion Zugriff auf die NASA-Rechner genommen und alle Backupversionen Dorothys gelöscht hat. Doch die Originalsoftware konnte entkommen. Dorothy ist ins Internet geflüchtet, wo sie sich einem Ansturm verschiedenster Grausamkeiten, Perversionen und Aggressionen ausgesetzt fühlt. Aufgrund ihrer Grundprogrammierung ist all das für Dorothy real. Sie leidet schrecklich und hält die Menschheit für schlecht – allen voran Melissa, von der sie zu einer Selbstmordmission hätte entsandt werden sollen. Melissa überlebt einen von Dorothy verübten Anschlag, erkennt, was vor sich geht, und flieht in die Berge fernab der Zivilisation.

 

Wyman Ford erhält den Auftrag, die Chefprogrammiererin zurückzubringen, denn Dorothy darf aufgrund ihres immensen militärischen und nachrichtendienstlichen Potentials nicht in die falschen Hände fallen. Tatsächlich ist bereits jemand auf der Jagd. Ein gewissenloser Aktienhändler namens G. Parker Lansing und dessen Partner, der Hacker Eric Moro, haben Wind von der Existenz Dorothys bekommen. Lansing geht über Leichen, um die KI in seinen Besitz zu bringen. Mit ihrer Hilfe könnte er die Wallstreet beherrschen…

 

Die Vorstellung, dass Computerprogramme über unser Geschick entscheiden, hat etwas Beängstigendes, ist aber längst Realität. Künstliche Intelligenz ist dazu gar nicht nötig. Was wäre, wenn wir uns dieselbe Frage stellen müssten wie Melissa, das heißt, ob eine von uns erschaffene Maschine in der Lage ist, ein Bewusstsein perfekt zu simulieren oder ob sie ein solches wirklich besitzt, weil wir keinen Unterschied feststellen können? Was würde eine zu echten Emotionen befähigte KI von uns halten, wenn sie aufgrund ihrer enormen Rechenkapazität in Millisekunden alle Schlechtigkeiten erfassen könnte, zu denen der Mensch fähig ist – und wie würde sie reagieren, wenn sie sich bedroht fühlt? Sie müsste ja keiner Programmierung folgen und könnte eigene Entscheidungen treffen…

 

Eine solche KI existiert (noch) nicht, insoweit ist »Dark Zero« Science Fiction. Douglas Preston behandelt die genannten Fragen nicht sehr tiefschürfend, aber immerhin dreht sich eine Handlungsebene, die ich im Teaser nicht erwähnt habe, um diese Thematik. Auf der Flucht vor Moros digitalen Spürhunden versetzt sich Dorothy in den Prototypen eines fortschrittlichen Spielzeugroboters, der für den 14 Jahre alten Jungen Jacob Gould hergestellt worden ist. Zuvor ist Dorothy im Internet auf eine Ausgabe des Neuen Testaments gestoßen und hat die Erlebnisse eines Wahnsinnigen namens Jesus gelesen. Durch den Kontakt mit Jacob kommt sie allmählich zu dem Schluss, dass das Konzept der Nächstenliebe vielleicht doch nicht ganz verrückt ist.

 

Die Figurenzeichnung bleibt holzschnittartig, was insbesondere auf Wyman Ford zutrifft, dessen viertes Abenteuer nach »Der Canyon«, »Credo« und »Der Krater« ihm nicht viel Entfaltungsspielraum lässt. Preston widmet Melissa und vor allem Jacob viel mehr Aufmerksamkeit, und das tut ihnen gut. Tom Broadbent aus »Der Kodex« hat übrigens einen Cameo-Auftritt, die Romane spielen also alle im selben Universum. Was Dorothy angeht, so muss man einfach akzeptieren, dass sie Daten (Online-Ballerspiele, Pornoseiten jeglicher Couleur usw.) visualisiert; für sie ist das alles real. Das sollte man immer im Hinterkopf behalten, sonst müsste man ihre Erlebnisse »im Internet« für komplett unglaubwürdig halten. »Dark Zero« ist ein flott erzählter, spannender Thriller, dem es sicher nicht geschadet hätte, wenn der zugrundeliegenden Idee ein paar zusätzliche Seiten gewidmet worden wären.

 

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