Willkommen auf Kringels Homepage!

Auf dieser Seite stelle ich Bücher und Filme vor, mit denen ich mich in den letzten vier Wochen beschäftigt habe.

 

13.08.2018

Daniel Suarez: Bios

rororo, 2017

542 Seiten

 

Im Jahre 2045 hat sich die Arbeitswelt durch neue Technologien, eine umfassende Automation und den Wegfall einzelner Stufen der Wertschöpfungskette grundlegend gewandelt. Zu den größten wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umwälzungen ist es durch die Verbreitung der synthetischen Biologie gekommen. Durch Genom-Editing – die gezielte Veränderung des Erbguts von Tieren und Pflanzen - können alle möglichen Produkte, die früher industriell hergestellt worden sind, von maßgeschneiderten Organismen auf nachhaltige Weise produziert werden. Zellkultur-Produktion hat die Massentierhaltung abgelöst, tierleidfreies Zuchtfleisch ist vom »Original« nicht zu unterscheiden. Völlig neue Werkstoffe wurden entwickelt und aus E-Coli-Bakterien wird sauberer Biokraftstoff gewonnen. Auch Menschen können geneditiert werden. In den meisten Ländern unterliegt dies strengster Reglementierung. Nur die Eliminierung von Erbkrankheiten und anderen Gendefekten bei Ungeborenen ist erlaubt. Natürlich ist viel mehr möglich, denn das menschliche Genom ist längst entschlüsselt. In illegalen Einrichtungen können werdende Eltern aus einem ganzen Katalog von Eigenschaften für den genetisch aufgerüsteten Nachwuchs wählen. Zentrum des milliardenschweren Schwarzmarktes für Designerbabys ist Singapur, die neue Technologiehauptstadt der Welt.

 

Interpol leistet wertvolle Beiträge zur Bekämpfung illegaler Labors. Kenneth Durand hat einen Algorithmus zur Auswertung der bei den zuständigen Behörden eingehenden Datenflut entwickelt, mit dessen Hilfe innerhalb weniger Monate zahlreiche Embryofabriken in Singapur identifiziert werden konnten. Jetzt erhält er einen neuen Auftrag. Von Detective Inspector Aiyana Marcotte, Leiterin einer für den Menschenhandel zuständigen Interpol-Taskforce, wird er auf Markus Wyckes angesetzt, das Oberhaupt des Kartells Huli jing. Diese Organisation stellt den Embryofabriken die zur Berechnung von Erbgutmanipulationen benötigte Rechenzeit zur Verfügung und ist dabei, eine riesige Gendatenbank aufzubauen. Hierfür wird genetisches Material von Migranten genutzt. Flüchtlinge oder vielmehr deren Kinder werden zum Test der Tauglichkeit errechneter Genedits missbraucht. Wyckes ist die treibende Kraft hinter der Huli jing. Ohne ihn, so glaubt Marcotte, würde die Organisation zerfallen. Doch Wyckes ist ein Phantom. Niemand kennt seinen Aufenthaltsort. Durand soll seinen Algorithmus einsetzen, um den Syndikatsboss aufzuspüren.

 

Durand ist wegen seiner Erfolge bereits zur Zielscheibe der Huli jing geworden. Auf dem Nachhauseweg wird er von einem Unbekannten überfallen, der ihm eine Injektion gibt. Durand wähnt sich dem Tode nahe und verliert das Bewusstsein. Wochen später kommt er in der Intensivstation eines Krankenhauses wieder zu sich. Da der Unbekannte Durands Papiere gestohlen hat, war seine Identität bisher nicht bekannt. Jetzt können seine Kollegen verständigt werden. Durand versteht nicht, warum sie ihn verhaften, bis er sein Spiegelbild sieht. Er wurde in jenen Mann verwandelt, den er dingfest machen sollte! Durand flieht und wird nun nicht nur von der Polizei gejagt, sondern auch von den Killern des echten Wyckes. Durand muss sterben, damit die Welt Wyckes für tot hält…

 

Nach »Daemon / Darknet«, »Kill Decision« und »Control« legt Daniel Suarez mit »BIOS« wieder einen Roman vor, dessen Stärke in der konsequenten Extrapolation zeitgenössischer Entwicklungen besteht. Die von ihm ersonnene Welt der nahen Zukunft wirkt vollkommen plausibel, denn alles, was hier geschieht, ist in der realen Welt bereits vorhanden oder möglich – zumindest in Ansätzen. Seien es Daten- bzw. VR-Brillen, autonome E-Autos und Drohnen, Ausbeutung von Flüchtlingen bis hin zu modernem Sklavenhaltertum, wissenschafts-/technikfeindliche Tendenzen z.B. in den USA, die im Roman dazu führen, dass Singapur den alten High-Tech-Zentren den Rang abläuft… Das alles kommt uns irgendwie bekannt vor, nicht wahr? Suarez spinnt derartige Tendenzen weiter, ohne den Boden der Glaubwürdigkeit jemals zu verlassen. Gleiches gilt für das zentrale Thema des Romans: Genom-Editing. Gentechnisch veränderte Mikroorganismen und Pflanzen sind längst keine Science Fiction mehr. Künstlich erschaffene Enzyme werden schon seit Jahren zur Beeinflussung des Erbgutes eingesetzt. Die im Roman mehrfach erwähnte CRISPR-Methode zum gezielten Ausschneiden und Verändern von DNS-Bestandteilen ist keine Erfindung von Suarez, sondern Realität.

 

Noch ist nicht klar, ob es in der realen Welt zu der von Suarez postulierten »vierten industriellen Revolution« infolge der synthetischen Biologie kommen wird. Ich bezweifle es nicht. Alles, was machbar ist, wird irgendwann von irgendwem gemacht werden, egal welche moralischen Bedenken oder gesetzlichen Einschränkungen es geben mag. Suarez zeigt auf, wohin das Herumpfuschen am menschlichen Erbgut letzten Endes führen kann. Designerbabys, deren Eigenschaften man in der Welt von »BIOS« tatsächlich im Katalog aussuchen kann – je nach Budget der Eltern ist so gut wie alles möglich – und die wie in einer Horrorversion von Kinder-Schönheitswettbewerben präsentiert werden, sind eine Sache. Suarez geht sogar noch weiter. Es wurde ein revolutionäres Verfahren entwickelt, das die Umschreibung der DNS von Erwachsenen ermöglicht. Hierbei wird nicht nur eine Keimzelle manipuliert, aus der sich dann ein Kind entwickelt, sondern jede einzelne Körperzelle eines voll ausgereiften Organismus. An Durands Beispiel wird deutlich, was das bedeutet. Wie soll Durand beweisen, dass er nicht Wyckes ist, wenn er nicht nur dessen Aussehen bis hin zu Zahnschema und Fingerabdrücken hat, sondern auch seine DNS? Identität steht zur Disposition, wodurch jegliche Strafverfolgung ad absurdum geführt wird…

 

Suarez breitet also wieder einmal einen hochinteressanten, ziemlich pessimistisch geprägten und sehr schön ausgearbeiteten Weltenentwurf vor dem Leser aus. Wie üblich verpackt er den zum Nachdenken anregenden Stoff in eine spannende Thriller-Handlung. Diesbezüglich schießt er aber für meinen Geschmack etwas zu sehr übers Ziel hinaus. Ich fand den Roman klasse, solange sich Durand in seiner neuen Haut zurechtfinden und begreifen muss, was überhaupt mit ihm geschehen ist. Natürlich setzt Durand alles daran, die Verwandlung umzukehren und Wyckes doch noch unschädlich zu machen. Zur Erreichung dieser Ziele sind einige nicht ganz überzeugende Zufälle und Wendungen nötig, außerdem bleibt die Figurenzeichnung auf der Strecke. Als noch ca. 60 Seiten übrig waren, habe ich überlegt, wie der Autor wohl aus der Sache herauskommen will. Nun, es geht dann wirklich alles Schlag auf Schlag und ähnlich wie in »Control« müssen sich die Schurken gegeneinander wenden, damit das Happy End erreicht werden kann. Von der Auflösung war ich daher nicht so begeistert.

 

08.08.2018

Die Jungfrau und das Ungeheuer (DVD)

 

Diese 1978 entstandene Verfilmung des französischen Volksmärchens »Die Schöne und das Biest« unterscheidet sich grundlegend von den bekannteren Disney-Versionen. Sie ist realistischer, viel düsterer und somit definitiv kein Märchenfilm für Kinder! Die Story ist bekannt: Ein Kaufmann verliert fast sein gesamtes Vermögen. Er gelangt in ein Schloss, dessen Herr vor Jahren verflucht wurde und die Gestalt einer grässlichen Bestie hat. Als der Kaufmann weiterreist, pflückt er eine Rose im Schlosshof, um sie seiner Tochter Julia als Geschenk mitzubringen. Diese Freveltat – die Rosen sind der wertvollste Besitz des Ungeheuers – soll er mit seinem Leben bezahlen. Das Ungeheuer ist bereit, den Kaufmann zu verschonen, sofern sich Julia aus freien Stücken an seiner Stelle opfert…

06.08.2018

David Wellington: 32 Fangs

Piatkus Books, 2012

335 Seiten

 

Zur Vorgeschichte siehe »Vergeltung der Vampire«.

 

Die Vampire sind ausgerottet. Justinia Malvern, die letzte dieser mit gewaltigen Körperkräften und magischen Fähigkeiten ausgestatteten mörderischen Kreaturen, wurde vor zwei Jahren von Laura Caxton vernichtet. Davon jedenfalls ist US-Marshal Fetlock, Leiter einer zur Jagd auf Vampire gegründeten Spezialeinheit, der früher auch Laura angehört hat, selbst dann noch überzeugt, als die zu seinem Team gehörende Forensikerin Clara Hsu (Lauras Geliebte) am Tatort eines Mordes von einem Halbtoten angegriffen wird. Das Mordopfer ist ohne einen Tropfen Blut im Leib aufgefunden worden. Für Clara sind diese Anzeichen Beweis genug für die Annahme, dass mindestens ein Vampir, wahrscheinlich Malvern, immer noch aktiv ist. Schließlich handelt es sich bei Halbtoten um reanimierte Vampiropfer, deren Körper innerhalb kurzer Zeit verrotten und zerfallen. Officer Glauer, Claras Teamkollege und einziger Vertrauter, teilt diese Ansicht. Die beiden recherchieren entgegen Fetlocks Anweisungen auf eigene Faust und kommen zu der Erkenntnis, dass Malvern ihren Tod seinerzeit nur vorgetäuscht hat. Offensichtlich ist Malvern dabei, eine riesige Halbtotenarmee zu rekrutieren. Fetlock will davon nichts wissen. Er zieht Glauer von dem Fall ab. Clara wird suspendiert. Sie lässt nicht locker, denn sie nimmt an, dass Malvern einen Rachefeldzug gegen Laura vorbereitet. Clara setzt alles daran, Laura aufzuspüren und zu warnen – nicht zuletzt, weil sie Laura immer noch liebt und die Hoffnung nicht aufgegeben hat, dass die Vampirjägerin ihre Gefühle erwidert.

 

Das Problem dabei ist, dass Laura als flüchtige Kriminelle gilt. Nach dem vermeintlich finalen Kampf gegen Malvern ist sie nicht in ihre Gefängniszelle zurückgekehrt, sondern geflohen und bei ihren alten Freunden untergetaucht, den Witchbillies in den unzugänglichen Hügeln von Pennsylvania. Laura weiß sehr wohl, dass ihre alte Feindin immer noch existiert. Malvern hat die Zeit auf ihrer Seite. Sie muss nur abwarten, bis alle Menschen gestorben sind, die noch wissen, wie man Vampire bekämpft. Laura gibt ihre Kenntnisse an Urie Polder und dessen Tochter Patience weiter. Beide haben magische Kräfte und unterstützen Laura beim Aufbau einer ausgeklügelten Falle; allerdings muss Malvern zunächst einmal aus der Reserve gelockt werden. Doch die Vampirin hat nicht 300 Jahre überdauert, um sich so leicht von einer Sterblichen überlisten zu lassen. Sie setzt ihre Halbtoten als Köder ein, um Clara und Glauer in eine bestimmte Richtung zu lenken. Simon, der tief traumatisierte Sohn Jameson Arkeleys, dient ihr unwissentlich als Spion bei den Witchbillies. Als es Clara endlich gelingt, Laura aufzuspüren, spielt sie Malvern damit direkt in die Hände. Fetlock sorgt mit seiner Borniertheit und Inkompetenz für zusätzliche Schwierigkeiten. Lauras Schicksal scheint besiegelt zu sein…

 

Der fünfte und letzte Band von David Wellingtons Vampir-Serie ist schon vor sechs Jahren erschienen - genauso lange ist es her, dass ich Band 4 gelesen habe - und wurde bisher nicht ins Deutsche übertragen. Da ich Romanzyklen selbst dann bis zum (bitteren) Ende lesen möchte, wenn sie mir nicht so wahnsinnig gut gefallen, habe ich mir das Buch im englischen Original zugelegt. Ich muss sagen: Ich bin froh, dass die Serie jetzt endlich zu Ende ist, zumal der Abschluss zwar durchaus überzeugen kann, der Roman aber doch eher einfach gestrickt ist. Nur… ist die Serie wirklich abgeschlossen? Zumindest ein Hintertürchen hat sich der Autor offengelassen. Achtung, hier folgen Spoiler! Wer nicht wissen möchte, wie der Roman ausgeht, möge erst beim nächsten Absatz weiterlesen. Also: Es zeigt sich, dass Laura mehr Tricks auf Lager hat als Malvern. Die uralte Vampirin wird endgültig vernichtet. Der Vampirfluch allerdings existiert weiter! In einem der vorherigen Romane wurde er Laura eingepflanzt. Sie müsste jetzt nur noch Selbstmord begehen bzw. den Fluch willentlich akzeptieren, um sich in einen Vampir zu verwandeln. Dann würde alles wieder von vorn losgehen…

 

»32 Fangs« bietet wie alle Romane dieser Serie recht viel blutige Action, die manchmal gar in makabren Slapstick ausartet, z.B. wenn sich Halbtote, die von Clara und Glauer verfolgt werden, gegenseitig zerlegen, um ihre Körperteile als Wurfgeschosse zu verwenden. Wie immer erweisen sich selbst bestens ausgerüstete SWAT-Spezialeinheiten als vollkommen hilflos. Malvern muss nicht mal persönlich auf der Bildfläche erscheinen, ihre Halbtoten richten ein Blutbad an. Das wirkt ziemlich lächerlich, erst recht, weil Clara und Glauer in derselben Situation viel besser dastehen. Zu »guter« Letzt muss Urie Polder nur ein bisschen magisches Pulver in die Luft blasen, schon kippen alle Halbtoten um. Laura ist endgültig zur emotionslosen Kampfmaschine mutiert. Den Part des trotteligen Neulings, der mit diversen unglaublich dämlichen Aktionen für Kopfschütteln sorgt, übernimmt diesmal Clara. Ich hätte dieser Nervensäge ein möglichst schreckliches Ende gewünscht, aber leider (Achtung, weitere Spoiler) erweist sie sich beim Showdown sogar als Zünglein an der Waage. Mir ist schon klar, dass sie jene menschliche Seite repräsentiert, die Laura in sich selbst abtöten musste, um für den kompromisslosen Kampf gegen Malvern gerüstet zu sein. Aber ganz so dumm hätte sie sich denn doch nicht anstellen müssen.

 

Der Roman enthält zahlreiche Kapitel, in denen Malverns Werdegang geschildert wird. Die Geschichte beginnt im Jahre 1702 und zeigt, dass Malvern schon als Mensch keine angenehme Zeitgenossin war. Im weiteren Verlauf werden die Geschehnisse der ersten vier Romane aus Malverns Sicht rekapituliert. Das ist ein nettes Gimmick, aber Malverns Backstory wäre in einem früheren Band besser aufgehoben gewesen.

 

02.08.2018

Vierzig Wagen westwärts (DVD)

 

In dieser hochprozentigen Westernkomödie spielt Burt Lancaster einen zunehmend genervten Colonel namens Gearhart, der sich im Jahre 1867 im wilden Westen mit einem ganzen Bündel von Problemen herumschlagen muss. Die trinkfesten Bewohner der Stadt Denver haben alle Whiskeyvorräte vernichtet. Sie haben Nachschub in Form von 40 mit Fässern vollgestopften Planwagen geordert, die von Gearharts Soldaten eskortiert werden sollen. Streitlustige Frauenrechtlerinnen unter der Führung der Abstinenzlerin Mrs. Massingdale fühlen sich berufen, die Männer vor dem Dämon Alkohol zu retten und planen eine Sabotageaktion. Sioux-Indianer haben Wind von der Sache bekommen und wollen sich den leckeren Stoff unter den Nagel reißen. Hinzu kommen verschiedene Liebeshändel, ein Kutschfahrerstreik und ein übler Sandsturm…

31.07.2018

Frederik Pohl: Gateway

Heyne, 2004

254 Seiten

 

Vor einiger Zeit haben die Menschen durch Zufall einen sonnennahen Asteroiden entdeckt, der vor Äonen von einem längst verschwundenen raumfahrenden Volk zu einer Raumstation ausgebaut worden ist. Über dieses Volk – die Hitschi – ist kaum etwas bekannt, denn sie haben so gut wie nichts zurückgelassen, was Rückschlüsse auf ihr Erscheinungsbild, ihre Kultur oder ihre Sprache zuließe. Zumindest versteht niemand die Bedeutung der Artefakte, die in der Station und auf der Venus gefunden wurden. Trotzdem können manche Hitschi-Hinterlassenschaften nutzbar gemacht werden. Zum Beispiel wurde erkannt, dass die so genannten »Blutdiamanten« Strom erzeugen, wenn man sie zusammendrückt. Die Suche nach derartigen Artefakten ist zu einem lukrativen Wirtschaftszweig geworden. Manche halten die Hitschi-Supertechnik sogar für die letzte Hoffnung der überbevölkerten und weitgehend ausgebeuteten Erde.

 

Der Asteroid erhält den Namen Gateway, denn für die Menschen ist er buchstäblich das Tor zu den Sternen. Die Hitschi mögen gut hinter sich aufgeräumt haben, doch in den Andockbuchten Gateways befinden sich voll funktionsfähige Raumfahrzeuge! Hunderte teils schwer gepanzerte und mit je einer Landefähre ausgestattete Schiffe warten nur darauf, bis zu fünf Personen zu Zielen überall in der Milchstraße und wieder zurück zu bringen. Die Bedienung ist im Prinzip kinderleicht. Man muss nur eines der vorprogrammierten Ziele auswählen und den Startknopf drücken. Das Problem: Niemand weiß, wie die Schiffe eigentlich funktionieren, wohin die Reise geht und wie lange sie dauert. Der Zielpunkt kann sich im Inneren einer Supernova befinden, die vor Äonen, als die Hitschi den Kurs programmiert haben, noch nicht existiert hat. Da die Schiffe nur begrenzten Platz bieten, können die Nahrungsmittelvorräte lange vor Ende der Reise erschöpft sein. Zudem lassen sich die Kurseinstellungen zwar nachträglich ändern, aber kein Schiff, bei dem das versucht wurde, ist je nach Gateway zurückgekehrt.

 

Die Nutzung der Raumschiffe ist somit nur nach dem extrem gefährlichen Prinzip »Versuch und Irrtum« möglich und führt zu unzähligen schrecklichen Schicksalen. Die von den irdischen Großmächten zur Erforschung Gateways und Verwertung der Artefakte gegründete Gateway Corporation zahlt Prämien bis zu mehreren Millionen Dollar an Prospektoren, die bereit sind, die Risiken auf sich zu nehmen und herauszufinden, was sich an den Raumschiffs-Reisezielen befindet. Solche Erkundungen lohnen sich selbst dann, wenn dort nur unbekannte Bereiche der Galaxie kartographiert werden können. Manchmal werden spektakuläre Entdeckungen gemacht, etwa weitere Hitschi-Raumstationen in fremden Sonnensystemen oder planetare Anlagen, in denen sich wertvolle Artefakte einsammeln lassen. Sollte ein Prospektor jemals das Glück haben, einen toten oder gar lebenden Hitschi zu finden, dann könnte er die Prämie nach Belieben festlegen. Der Ansturm auf Gateway hält sich allerdings in Grenzen, zumal die Reise dorthin extrem kostspielig ist.

 

Robinette Broadhead schuftet unter menschenunwürdigen Verhältnissen in den Nahrungsmittelgruben von Wyoming und entkommt dieser Existenz nur durch einen Lotteriegewinn. Er investiert das gesamte Geld in einen Flug nach Gateway. Dort lernt er die als Ausbilderin arbeitende Prospektorin Klara Maynhin kennen und lieben. Broadheads Traum von Prämien, die ihm medizinischen Vollschutz und ein Leben im Wohlstand ermöglichen sollen, zerplatzt sehr bald, denn er kann seine Furcht vor den unberechenbaren Gefahren der Prospektorenflüge nicht überwinden. Er ist gezwungen, sich mit Hilfsarbeiten über Wasser zu halten, um in der Station bleiben zu können. Als sich die Sache nicht länger hinausschieben lässt, nimmt Broadhead doch an Flügen teil. Die ersten beiden sind Fehlschläge. Durch den dritten wird er zum Multimillionär, aber der Preis dafür ist hoch…

 

Dieser 1976 erstveröffentlichte Roman hat mehrere Fortsetzungen erfahren. Nur zwei sowie ein Vorwort von Terry Bisson sind in diesem Sammelband enthalten. Band vier und fünf sind bis heute nicht in deutscher Übersetzung erschienen, ebenso wenig eine Kurzgeschichtensammlung, die ebenfalls zur Serie gehört. Was den ersten Band betrifft, so ist das nicht weiter schlimm, denn die Handlung ist in sich abgeschlossen. Tatsächlich ist die Story nicht sehr komplex – sie wird nur auf ungewöhnliche Weise erzählt. So erfährt der Leser schon gleich zu Beginn, welchen Preis Broadhead für seinen Erfolg zahlen musste. Eine der beiden Handlungsebenen spielt geraume Zeit nach diesen Ereignissen. Broadhead leidet so sehr unter dem traumatischen Erlebnis, dass er die Hilfe eines computerisierten Psychoanalytikers (!) in Anspruch nehmen muss. Nach und nach werden innere Konflikte herausgearbeitet. Verdrängtes kommt ans Licht, bis Broadhead endlich Klartext spricht. Die zweite Handlungsebene enthält die chronologisch erzählten Erlebnisse Broadheads ab der Ankunft auf Gateway. In den Text eingewoben sind Interviews, Kleinanzeigen und Nachrichten im Gateway-Kommunikationssystem, Flugberichte und so weiter. Dadurch werden einige Hintergründe genauer beleuchtet, Details wie z.B. die Funktionsweise der Blutdiamanten werden erläutert.

 

Allein schon die nichtlineare Erzählstruktur hat den Roman seinerzeit zu etwas Einzigartigem gemacht. Nicht umsonst hat Pohl alle wichtigen Preise des Science-Fiction-Genres dafür abgeräumt. Zwar weiß der Leser, dass bei Broadheads letzter Reise etwas katastrophal schiefgeht und welchen Verlust der Protagonist erleidet, das führt aber keineswegs dazu, dass die Spannung auf der Strecke bleibt. Im Gegenteil – sie wird bis zum tragischen Ende immer weiter gesteigert. Zudem tappt Pohl nicht in dieselbe Falle wie Arthur C. Clarke mit dem gar nicht so unähnlichen »Rendezvous mit Rama«, will sagen, er findet einen goldenen Mittelweg zwischen Weltenbau und Figurenzeichnung. Durch die Augen des Ich-Erzählers Broadhead erfahren wir, wie die Prospektoren in Gateway leben. Gemeinsam mit ihm erleben wir die Gefahren des Flugs mit Hitschi-Raumschiffen. Die Erkundung des Unbekannten ist aufregend, aber beschwerlich. Selbst wenn es nicht zu Katastrophen oder einer zu langen Flugdauer kommt, ist so eine Reise äußerst unangenehm. Man liefert sich dem Autopiloten auf Gedeih und Verderb aus und hockt monatelang auf engstem Raum zusammen, ohne (bis zum Wendepunkt) zu wissen, ob die Vorräte reichen werden. Ein faszinierendes Konzept mit Sense-of-Wonder-Garantie! Broadhead ist ein ambivalenter Charakter, dessen dunkle Seiten dem Leser nur nach und nach bewusst werden, da Broadhead sie ja zu verdrängen versucht. »Gateway« ist ein SF-Meisterwerk, das obendrein gut gealtert ist und in keiner Sammlung fehlen sollte.

 

30.07.2018

Wiedergelesen – neu gelesen

 

Meine Wohnung ist mit Regalen vollgestellt und alle quellen über, insbesondere vor DVDs/Blu-rays und Büchern. Und das, obwohl ich damals beim Umzug mindestens die Hälfte meiner Büchersammlung verkauft habe. Das waren einige hundert Exemplare. Danach hat meine Bude ganz öd und leer ausgesehen! Platz für weitere Regale ist jetzt jedoch nicht mehr vorhanden. Deshalb bin ich vor einiger Zeit notgedrungen dazu übergegangen, regelmäßig auszumisten. Schließlich habe ich in all den Jahren sowieso fast nichts davon mehr als einmal gelesen. Immer wenn mir meine Datenbank sagt, dass sich mehr als 1000 Bücher angesammelt haben, zwinge ich mich dazu, einige auszusortieren. Sie landen in der Regel in einem öffentlichen Bücherschrank, denn ich bringe es nicht übers Herz, Bücher wegzuwerfen, egal wie vergilbt und abgegriffen sie aussehen. Es gibt natürlich Ausnahmen, zum Beispiel bibliophile Ausgaben, Bildbände oder Nachschlagewerke. Die bleiben ebenso im Regal wie Bücher, die eine besondere Historie haben, mit denen ich Erinnerungen verbinde und so weiter. Ab und zu fällt mir bei der Suche nach Büchern, bei denen mir die Trennung nicht so schwerfallen würde, ein Exemplar in die Hände, das ich mit dem Gedanken »Mensch, das müsste ich irgendwann mal wieder lesen«, doch wieder zurückstelle. Ich habe beschlossen, dass jetzt »irgendwann« ist! Und so habe ich schon ein paar alte Schätzchen in den SUB verlegt, um noch 2018 damit anzufangen.

Nach dem Ausmisten habe ich wieder ein paar Zentimeter Platz - in zweiter Reihe!

Ein Buch noch einmal zu lesen, womöglich mit dem Abstand einiger Jahre oder gar in einer anderen Sprache - das ist immer eine interessante Erfahrung. Andere Aspekte treten gegenüber Handlung und Figurenzeichnung in den Vordergrund, Zusammenhänge können anders wahrgenommen werden, überlesene Details fallen auf. Manchmal ist es ernüchternd, siehe »Zitadelle des Wächters« von Thomas F. Monteleone. In den Achtzigern fand ich den toll. Heute konnte ich das nicht mehr nachvollziehen. Ich bin halt nicht mehr derselbe Kringel, der ich damals war! Manchmal führt es zu verblüffenden Situationen, siehe den Trump-Effekt in »Das Jesus-Video« von Andreas Eschbach, den ich übrigens beim Reread genauso packend fand wie beim erstmaligen Lesen vor 17 Jahren. Außerdem musste ich neulich beim Schreiben meiner Uralt-Leseliste verdutzt feststellen, dass ich mich bei vielen Titeln nicht nur nicht an den Inhalt erinnern konnte, sondern nicht einmal daran, diese Bücher überhaupt jemals gelesen zu haben! Einige der oben genannten Schätzchen sind solche Romane. Wann, wo und warum ich sie gekauft habe, das weiß ich noch ganz genau, aber nicht, worum es in den Romanen eigentlich geht oder ob sie mir gefallen haben! Hier wird das Wiederlesen also vermutlich ein ganz neues Lesen sein. Ich bin gespannt!

 

26.07.2018

Justice League (Blu-ray)

 

In diesem Film bilden mehrere Superhelden ein Team, um es mit einem mächtigen außerirdischen Schurken aufnehmen zu können, der die Erde vernichten will. Klingt vertraut? Nun, die Avengers aus dem Hause Marvel mögen ihr Kinodebüt schon vor Jahren gehabt haben, in der Comicwelt war aber DC mit der Justice League (wurde hierzulande früher »Gerechtigkeitsliga« genannt) früher dran. Trotzdem liegt natürlich die Vermutung nahe, dass man sich an den Erfolg der Filme aus dem Marvel Cinematic Universe dranhängen wollte. Das Ergebnis kann insoweit überzeugen, als das Heldenensemble trotz knapper Figurenexposition sympathisch rüberkommt. Die Interaktion funktioniert, Humor ist vorhanden und Gal Gadot (Wonder Woman) ist eine sichere Bank. Mit der dünnen, uninteressanten Story und dem 08/15-Gegenspieler kann »Justice League« dagegen nicht punkten. Größter Schwachpunkt sind die Spezialeffekte, insbesondere die Computergrafiken. Die sind wirklich teilweise unfassbar schlecht. Somit hinterlässt der Film leider einen sehr zwiespältigen Eindruck.

23.07.2018

Arkadi und Boris Strugatzki: Der Junge aus der Hölle

Heyne, 2014

128 Seiten

 

Auf dem Planeten Giganda tobt seit langer Zeit ein Krieg zwischen dem Herzogtum Alay und dem Kaiserreich um das Mündungsgebiet der Tara. Während eines heftigen Gefechts in einem verlassenen Dorf wird der junge herzogliche Elitesoldat Gagh durch einen Flammenwerfer in Brand gesetzt. Er verliert vor Schmerzen das Bewusstsein. Als er einige Zeit später in einer Art Lazarett zu sich kommt, glaubt er an einen Trick der Kaiserlichen oder einen psychologischen Test, dem er unterzogen werden soll, denn die Wahrheit ist zu phantastisch. Giganda ist eine jener rückständigen Welten, die von den viel weiter fortgeschrittenen Erdenmenschen beobachtet werden. Im Falle von Giganda wird darüber hinaus Entwicklungshilfe geleistet. Speziell ausgebildete Agenten mischen sich unter die Bevölkerung, um Innovationen aller Art einzuführen. Insbesondere geht es ihnen um die Beendigung des Krieges, in dem Gagh gekämpft hat. Einer dieser Agenten namens Kornej war zufällig in der Nähe des verlassenen Dorfes. Er hat den lebensgefährlich verwundeten Gagh gerettet und mit seinem Raumschiff zur Erde gebracht, wo sein verbrannter Körper wiederhergestellt wurde.

 

Sobald Gagh sich erholt hat, wird er in Kornejs Anwesen untergebracht. Er soll in die irdische Gesellschaft integriert werden. Allmählich akzeptiert er die technischen Wunder dieser Welt, doch er fühlt sich wie ein Gefangener. Er kann sich nicht an den für ihn völlig fremdartigen Lebensstil der Erdenmenschen gewöhnen und sehnt sich nach seiner Heimat. Als Gagh feststellt, dass er nicht der einzige Bewohner Gigandas auf der Erde ist, glaubt er, man wolle ihn und seinesgleichen für eine Invasion missbrauchen. Gagh widersetzt sich allen gut gemeinten Umerziehungsversuchen und schmiedet Fluchtpläne…

 

Dieser zum Zyklus »Welt des Mittags« gehörende Kurzroman aus dem Jahre 1974 ist Bestandteil von Band 4 der Strugatzki-Werkausgabe, die außerdem Anmerkungen und Kommentare von Boris Strugatzki enthält. Man könnte die »Mittagswelt« als Abbild der vom Kommunismus angestrebten perfekten Gesellschaft halten. Durch den technischen Fortschritt wurden die Menschen der Erde aller materiellen Sorgen enthoben. Man arbeitet nur noch zum Vergnügen, um sich selbst zu verwirklichen oder kreativ tätig zu werden. Alle Erdenbürger sind so vernünftig und friedliebend, dass Regierungen nicht mehr nötig sind. Die Menschen wollen diese Segnungen bei Planetenbevölkerungen einführen, die für rückständig gehalten werden. So genannte Progressoren arbeiten auf dieses Ziel hin. Das wird in einigen anderen Romanen der Strugatzkis aus Sicht eben jener Progressoren geschildert.

 

Diesmal ist es umgekehrt. Am Beispiel der Hauptfigur Gagh wird gezeigt, dass man die Menschen eben nicht zu ihrem Glück zwingen kann. Veränderungen müssen sich von innen heraus entwickeln, man kann sie weder Einzelpersonen noch Völkern aufoktroyieren. Die Erde mag ein Garten Eden sein, aber Gagh fühlt sich dort wie ein Fremder in einer fremden Welt. Er versteht Kornejs Ziele nicht, denn er entstammt einer völlig anderen Kultur. Gagh fühlt sich erst wieder zu Hause, als er zurück auf jener Welt ist, die Kornej für die Hölle hält. Das ist ein bisschen arg plakativ. Lesenswert ist der Kurzroman dennoch, schließlich sind Einblicke in die Verhältnisse auf der Erde im »Mittagswelt«-Zyklus eher selten. Zudem fungiert Gagh in vielen Kapiteln als Ich-Erzähler, und seine drastische Soldatensprache ist ein besonderes Schmankerl. Im Kommentar bezeichnet Boris Strugatzki den »Sturmkater« Gagh übrigens als eine seiner Lieblingsfiguren.

 

19.07.2018

Blu-ray: Alien – Covenant

 

Dies ist die Fortsetzung von »Prometheus«, der Film ist also ein Prequel von »Alien«. Leider ähnelt er ersterem in vielen Punkten – insbesondere den negativen. Deshalb bin ich nach wie vor der Ansicht, dass man auf alle Prequels, Spin-Offs und Fortsetzungen von »Alien« (mit Ausnahme der ersten) besser verzichtet hätte. Die Story ist so platt wie vorhersehbar: Durch Zufall wird die Crew des Kolonisationsschiffes Covenant auf die Existenz eines unbekannten erdähnlichen Planeten aufmerksam. Man schaut sich dort um, und zwar natürlich ohne irgendwelche Voraberkundungen durchzuführen oder Vorsichtsmaßnahmen zu treffen. Prompt fällt ein Besatzungsmitglied nach dem anderen der aus »Prometheus« bekannten Biowaffe bzw. den durch ihren Einsatz erschaffenen Kreaturen zum Opfer. Dahinter steckt ein durchgeknallter Android mit fehlgeleiteter Kreativität und Allmachtsphantasien. Tolle Spezialeffekte, schön blutig und eklig, hätte sogar spannend sein können. Die unfassbare Dämlichkeit der Protagonisten entwertet das Ganze jedoch von Anfang an.

17.07.2018

Stephen King: Doctor Sleep

Heyne, 2015

704 Seiten

 

Daniel Torrance hat seit seiner Kindheit das Zweite Gesicht, das so genannte Shining. Er kann zukünftige und vergangene Ereignisse »sehen«, insbesondere wenn er Personen oder Gegenstände berührt. Die Gedanken und Gefühle anderer Menschen sind kein Geheimnis für ihn. Außerdem blickt Dan manchmal ins Jenseits, dann erscheinen ihm die Geister der Verstorbenen. Die entsprechenden Visionen sind für Dan oft verstörend. Es kann sogar vorkommen, dass zornige Geister körperlich werden und Dan bedrohen. Mit der Zeit lernt Dan, seine Gabe – die er eher als Fluch betrachtet – zumindest teilweise zu kontrollieren und sie vor seinen Mitmenschen zu verbergen. Doch seinen inneren Dämonen kann Dan nicht entkommen. Er versucht sich mit Alkohol zu betäuben, wird schließlich abhängig davon und lässt sich treiben. Ziellos durchreist er die USA, nimmt Gelegenheitsjobs an und bleibt nie lange an einem Ort, denn wenn er betrunken ist, lässt er sich durch sein jähzorniges Naturell zu Gewalttaten hinreißen. Der absolute Tiefpunkt ist erreicht, als er nach einem Alkohol- und Drogenexzess neben einer jungen Frau erwacht, mit deren Geld er sich heimlich aus dem Staub macht. Das wäre schon übel genug, aber die Frau hat einen kleinen Sohn, der offensichtlich misshandelt wird. Später erfährt Dan durch eine Vision, dass das Kind erschlagen wurde, woraufhin seine Mutter Selbstmord begangen hat.

 

Dan begreift, dass es so nicht weitergehen kann. Er hat inzwischen eine Aushilfsstelle in der Kleinstadt Frazier angetreten. Sein Arbeitgeber, dem er sich anvertraut, kennt das Problem nur allzu gut; er hat ähnliches durchgemacht. So kommt Dan in Kontakt mit den Anonymen Alkoholikern. In den folgenden Jahren bekommt Dan die Alkoholsucht in den Griff. Er wird in Frazier sesshaft und kann schließlich sogar eine Festanstellung in einem Hospiz antreten. Dort verdient er sich großen Respekt, denn aufgrund seiner besonderen Gaben kann er Sterbenden den Übergang ins Jenseits erleichtern. Dieser Fähigkeit hat er einen neuen Spitznamen zu verdanken. Man nennt ihn jetzt »Doctor Sleep«. Da er keinen Tropfen Alkohol mehr trinkt, wird Dans unterdrücktes Shining wieder stärker. Gelegentlich erhält er mentalen Kontakt mit einem kleinen Mädchen namens Abra Stone. Auch Abra hat das Shining, allerdings übersteigen ihre Kräfte Dans Fähigkeiten um das Vielfache. Ebenso wie Dan leidet sie darunter, dass sie mit niemandem über diese Dinge sprechen kann. Obwohl sich die beiden nie persönlich sehen, entsteht ein enges Band zwischen ihnen. Dan wird im Verlauf der Jahre zum Vertrauten Abras.

 

Eines Tages vernimmt Abra die mentalen Schmerzensschreie eines Jungen, der von Unbekannten bei einem Ritual zu Tode gefoltert wird. Jahre später wird Abra an dieses traumatische Erlebnis erinnert, als sie eine ganzseitige Zeitungsanzeige mit den Fotos verschwundener Kinder sieht. In einem der Vermissten erkennt sie den Jungen aus ihrer Vision – und plötzlich findet sie sich im Kopf einer Frau wieder, die das Ritual durchgeführt hat. Abra erfährt einiges über diese Kreaturen und erkennt, dass sie verantwortlich für den Tod zahlreicher Kinder im ganzen Land sind. Sie werden weiter morden und müssen aufgehalten werden. Da Abra allein nichts ausrichten kann, bittet sie Dan um Hilfe. Dummerweise weiß die Gegenseite jetzt, dass Abra existiert. Es handelt sich um eine Gruppe, die sich selbst als der »Wahre Knoten« bezeichnet und seit Jahrhunderten durch die Lande zieht, immer auf der Suche nach Menschen, die das Shining haben. Die geistige Essenz solcher Menschen (»Steam«) ist ein Lebenselixier für die Mitglieder des Wahren Knotens. Wenn sie Steam konsumieren, bleiben sie ewig jung. Ohne Steam altern und sterben sie. Steam ist besonders rein, wenn er von Opfern stammt, die unter Qualen sterben. In Abra erkennt hat Rose the Hat, die Anführerin des Wahren Knotens, eine besonders ergiebige Steam-Quelle…

 

Das Wort »Shining« kommt im obigen Teaser vor, und wer den im Jahre 1977 erschienenen gleichnamigen Roman von Stephen King oder dessen Verfilmung von Stanley Kubrick aus dem Jahre 1980 kennt, wird wissen, wer Daniel Torrance ist. Tatsächlich wird »Doctor Sleep« als Fortsetzung des Romans vermarktet. Zugegeben, Hauptfiguren aus »Shining« sind vertreten, die Geister aus dem Overlook-Hotel spielen eine Rolle und man erfährt, wie es Daniel nach dem Tod seines Vaters ergangen ist. Die Handlung beginnt drei Jahre nach dem Ende von »Shining«. Danny wird wieder von Mrs. Massey (der Frau aus Zimmer 217) und Horace Derwent heimgesucht. Dick Hallorann bringt dem Jungen bei, wie man die körperlich gewordenen Geister mit der Kraft des Shinings in mentale Schließfächer sperren kann. Diesem Detail kommt im Showdown ausschlaggebende Bedeutung zu, außerdem hat Jack Torrance, obwohl seit Jahrzehnten tot, noch ein Wörtchen mitzureden. Verbindungen zwischen den beiden Romanen bestehen also durchaus. Sie werden nur eigentlich nicht gebraucht, oder anders gesagt: »Doctor Sleep« hätte als eigenständige Geschichte ohne die meiner Meinung nach etwas bemüht wirkenden Bezugnahmen vielleicht besser funktioniert. Schrieb ich gerade »etwas«? Nun, gegen Ende des Romans gleitet das Ganze unnötigerweise auf Soap-Opera-Niveau ab. Es folgen Spoiler, bitte ggf. erst beim nächsten Absatz weiterlesen! Dan und Abras Mutter sind Halbgeschwister, Abra ist Dans Nichte. Jack Torrance hatte, als er schon mit Dans Mutter verheiratet war, eine flüchtige Affäre mit Abras Großmutter. Das ist mir denn doch eine Spur zu banal.

 

Die Figurenexposition geht noch weiter. Sehr großes Augenmerk wird auf Dans Abgleiten in die Alkoholsucht und den schwierigen Rückweg zur Normalität gelegt, parallel wird Abras Lebensgeschichte erzählt. Erst ganz allmählich kristallisiert sich der Konflikt mit dem Wahren Knoten heraus und es wird eine Bedrohungssituation etabliert. King ist ein viel zu guter Erzähler, als dass dieser Teil des Romans langweilig sein könnte. Ganz im Gegenteil! Ich habe Abra sofort ins Herz geschlossen und auch Dan ist mir nicht gleichgültig geblieben. Rose the Hat und ihre Spießgesellen scheinen zunächst würdige Gegenspieler zu sein, mächtig und absolut skrupellos auf der einen Seite, gleichzeitig aber nicht ausschließlich hassenswert. Zumindest ist ihre Motivation verständlich. Soweit ist für mich alles gut; genau so mag ich meinen King. Manche Rezensenten kritisieren, dass die Expositionsphase zu breiten Raum einnimmt und dass King zu oft abschweift. Ich finde, dass genau hier Kings Stärken liegen. Die Vorbereitung, die liebevolle Ausarbeitung von Charakteren, die eindringliche Schilderung von Situationen und Lebensverhältnissen – das ist es, worauf es bei seinen Romanen ankommt.

 

Der Abschluss, die Auflösung, der finale Kampf usw. ist dagegen oft schwach. »Doctor Sleep« bildet da keine Ausnahme. Viel zu früh zeichnet sich ab, dass der Wahre Knoten ein Haufen von Versagern ist. Zu keinem Zeitpunkt gerät irgendeine Hauptfigur wirklich in Gefahr, viel zu leicht lässt sich Rose the Hat austricksen. Ich will nicht zuviel verraten, lasst es mich daher so sagen: Mrs. Massey hat in den verwesenden Überresten ihres kleinen Fingers mehr Gruselpotential als der ganze Wahre Knoten zusammengenommen!

 

Leider hat der Text eine große Schwäche, durch die ich immer wieder aus dem Lesefluss herausgerissen wurde. Schuld ist der Übersetzer. Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod!

 

16.07.2018

Skiathos (25.06. bis 06.07.2018)

 

Wenn ich in diesem Jahr nach meinem Urlaubsziel gefragt wurde, dann ist der Dialog fast immer genau wie folgt abgelaufen:

 

Neugieriger Zeitgenosse: »Na, geht’s wieder nach Griechenland?«

Ich so: »Klar!«

»Wohin denn genau?«

»Insel Skiathos.«

»Nie gehört!«

»Gehört zu den Nördlichen Sporaden.«

Daraufhin konnte man sehen, wie ein riesiges Fragezeichen über dem Kopf des Gesprächspartners erschien.

Ich: »Kennst du den Film Mamma Mia? Den mit der ABBA-Musik?«

»Logisch, den kennt doch jeder.«

»Der wurde dort und auf der Nachbarinsel Skopelos gedreht.«

»Aha, alles klar!«

 

Danach wusste der Fragende bestimmt immer noch nicht, wo die Nördlichen Sporaden liegen, konnte sich aber anhand des Films ungefähr vorstellen, wie es auf Skiathos aussieht: Üppig grüne Wälder und Traumstrände. Das sind die Hauptattraktionen, das heißt, Skiathos ist das perfekte Ziel für Bade- und Wanderurlaub. Antike Stätten sind praktisch nicht vorhanden und auch sonst findet man nur wenige Sehenswürdigkeiten auf der lediglich knapp 50 Quadratkilometer großen Insel. Das heißt aber nicht, dass es dort nichts zu sehen gibt. So habe ich in diesem Urlaub so viele Fotos gemacht wie nie zuvor, denn egal wohin man kommt, überall bieten sich schöne Ausblicke.

Unterwegs auf Skiathos

Skiathos ist eine gute »Anfängerinsel«, denn sie ist sehr touristisch geprägt und aufgrund der geringen Entfernungen kommt man problemlos überallhin. Das ist grundsätzlich mit öffentlichen Bussen möglich, allerdings haben meine bessere Hälfte und ich gesehen, dass die Busse meist total überfüllt waren. Für uns war das kein Problem, denn wir hatten vorab einen Mietwagen für die ganze Dauer des Aufenthalts gebucht und haben das nicht bereut. Man sollte auch wissen, dass die Busse nur entlang der gut ausgebauten Südküstenstraße fahren. Es gibt einige schmale (und oft schlecht asphaltierte) Pisten, die Richtung Norden führen, dort verkehren die Busse aber nicht. Es empfiehlt sich also, eigenständig mobil zu sein, wenn man sich auch ein bisschen abseits der Hauptroute umsehen will. Empfehlenswert sind Ausflüge zum Kloster Evangelistria und zum Kloster Panagia Kounistria. Im ersteren leben immer noch Mönche, letzteres wird von einer alten Frau instandgehalten. Beide Anlagen sind wirklich sehenswert und idyllisch gelegen. Im Kloster Evangelistria wurde während des Freiheitskampfes das erste Exemplar der Griechischen Nationalflagge hergestellt. Ein kleines Museum kann besichtigt werden.

Im Kloster Evangelistria

Die Auswahl an Unterkünften jeglicher Preisklassen ist groß. Wir haben uns für das Hotel Aegaean Suites entschieden. Es besteht aus mehreren kleinen an einem Hang gruppierten Gebäuden. Wir hatten eine aus zwei großen Zimmern plus Bad und Balkon bestehende Suite im oberen Bereich, so dass wir mehrmals am Tag einige Treppenstufen erklimmen mussten. Das nahmen wir gern in Kauf! Das Aegaean Suites bietet nämlich abgesehen vom Komfort eines Fünfsternehotels und dem netten, aufmerksamen Personal gleich mehrere Vorteile. Zunächst einmal ist es nur für Personen ab 16 Jahren buchbar, was zusammen mit der lockeren Verteilung der Gebäude für herrliche Ruhe sorgt. Außerdem befindet sich die Anlage direkt am Rand von Skiathos-Stadt. Bis zur dortigen Hafenpromenade ist es ein Spaziergang von 15 Minuten. Der kleine Strand Megali Ammos liegt praktisch direkt vor der Haustür, dort gibt es schon einige gute Tavernen. Einkaufsmöglichkeiten liegen ebenfalls in der Nachbarschaft. Zu guter Letzt gehört das wenige Kilometer entfernt am Strand von Agia Paraskevi gelegene große Hotel Skiathos Princess Resort zur selben Gruppe. Man darf alle dortigen Einrichtungen gratis mitbenutzen, Liegen und Sonnenschirme am Strand kosten also nichts. Es gibt sogar einen Shuttleservice zwischen den beiden Häusern, aber wir hatten ja ein eigenes Auto. Wir haben das Angebot ausgiebig genutzt, denn der Strand von Agia Paraskevi ist wunderbar: Nicht so überlaufen, flach ins Meer abfallend, feinkörniger goldgelber Sand, kristallklares Wasser…

Eingang zum Hotel Aegaean Suites

Skiathos-Stadt, der Hauptort der Insel, erstreckt sich über zwei Hügel und bietet mit den roten Schindeldächern einen pittoresken Anblick. Besonders abends kann man in Skiathos-Stadt schön flanieren. In der zum Hafen führenden Papadiamantis-Straße, der Haupteinkaufsstraße (nominell eine Fußgängerzone, Mopeds knattern aber auch hier immer wieder durch) reihen sich die Boutiquen, Schmuckgeschäfte, Souvenirläden, Bars, Restaurants, Schnellimbisse, Cafés usw. aneinander, außerdem gibt es dort ein Open-Air-Kino, in dem alle zwei Tage der Film »Mamma Mia« gezeigt wird. Hier findet man wirklich alles, was das Herz begehrt, für jeden Geldbeutel ist etwas dabei. Es ist immer was los, aber man muss nur in ein Seitengässchen abbiegen, um schon wieder mehr Ruhe zu haben. Das ursprüngliche Griechenland wird man in Skiathos-Stadt sicher nicht finden, dennoch besteht kein Mangel an urigen Tavernen. Der Blick von den Hügeln und von der Halbinsel Bourtzi, wo sich die Reste eines venezianischen Kastells aus dem 13. Jahrhundert (heute mit Café und kleinem Theater) erheben, ist sehr schön. Am alten und neuen Hafen ankern Ausflugsboote, bei denen man Touren buchen kann. Wir haben zwei mitgemacht und sie sind durchaus empfehlenswert. Eine führt rund um die Insel mit Stopps unter anderem bei den hoch auf einer Klippe gelegenen Ruinen der alten Hauptstadt Kastro sowie beim nur per Boot erreichbaren Lalaria-Strand, der ganz aus hellen Kieselsteinen besteht, wodurch das Wasser eine herrliche Türkisfärbung erhält. Die andere Tour führt zu den Nachbarinseln Skopelos und Alonnisos, außerdem wird eine längere Essenspause auf dem Festland (Pilion) eingelegt.

Skopelos-Stadt

Viele Touristen kommen nur zum Baden nach Skiathos; die Strände sind wirklich erstklassig. Die Insel wird in Reiseführern immer als »griechische Karibik« bezeichnet. Keine Ahnung, ob der Vergleich passt, ich war noch nie in der Karibik. Der Koukounaries-Strand soll einer der schönsten Europas sein, entsprechend beliebt und vollgestopft ist er aber auch. Wir fanden die nahe gelegene, unter Naturschutz stehende Lagune mit Pinienwäldchen ansprechender. Man kann auf Skiathos nicht nur besonders gut Badeurlaub machen – auch zum Wandern ist die Insel bestens geeignet, und zwar einerseits wegen den bereits erwähnten dichten Wäldern, vor allem aber auch aufgrund der einfachen Tatsache, dass die Wanderwege hier besser angelegt und gepflegt sind, als ich es von anderen griechischen Inseln kenne. Zu verdanken ist das Herrn Ortwin Widmann, einem Deutschen, der seit zwanzig Jahren auf Skiathos lebt. Mit deutschem Fleiß und schwäbischer Gründlichkeit hat er bis heute über 20 Routen verschiedener Schwierigkeitsgrade erschlossen, markiert und ausgebaut. Er bietet zudem geführte Wanderungen an. Wir haben zwei je ca. 11 Kilometer lange Wanderungen mit ihm unternommen und das waren tolle Erlebnisse.

Wanderung im »Zauberwald«

Selbst für mich, der ich ein absolut unsportlicher Faulpelz bin, waren die Wanderungen gut zu schaffen; ich muss aber ehrlicherweise zugeben, dass ich bei manchen Anstiegen zum Amüsement meiner gut trainierten besseren Hälfte ganz schön gekeucht habe… Wer lieber auf eigene Faust wandern möchte, kann das aufgrund der lückenlosen Beschilderung bedenkenlos in Angriff nehmen.

 

Eins muss ich noch erwähnen: Auf Skiathos sind wie überall in Griechenland unzählige streunende Katzen unterwegs. Hier und da versucht man seit einigen Jahren, der Situation durch Kastrationsaktionen Herr zu werden. Das geschieht auch auf Skiathos, dort scheint das Ganze besonders gut organisiert zu sein. Fast alle Streuner, die ich gesehen habe, wurden irgendwann behandelt (man erkennt das daran, dass sie eine Kerbe im Ohr haben) und all diese Tiere haben einen gesunden Eindruck gemacht. Hunger müssen die Katzen nicht leiden, zumindest nicht in Skiathos-Stadt. Dort gibt es mehrere Futterstellen, die von der Skiathos Cat Welfare Association betrieben werden. So etwas habe ich in Griechenland noch nie zuvor gesehen. Vorbildlich!

Skiathos: Ein Paradies - nicht nur für Katzen

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