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Auf dieser Seite findet ihr nur meine aktuelle Lektüre. Ältere Bücher archiviere ich von Zeit zu Zeit hier. Im Archiv findet ihr eine alphabetisch sortierte Übersicht aller Bücher.

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Stella Bettermann: Ich trink Ouzo, was trinkst du so?
Bastei Lübbe, 2010
205 Seiten

Die Journalistin und Autorin Stella Bettermann hat eine griechische Mutter und einen deutschen Vater. Sie ist in München aufgewachsen, aber Griechenland war (ist?) ihre zweite Heimat. Ihre Erlebnisse als Halbgriechin in Deutschland und bei den vielen Reisen mit Eltern und Bruder nach Griechenland, zu Yiayia und Pappous (Oma und Opa) in Athen, beschreibt sie mit viel Humor in diesem köstlichen Buch. Dabei werden die »typisch griechischen« Eigenheiten der riesigen Verwandtschaft anschaulich und augenzwinkernd vorgestellt. Die Autorin lässt sich nie auf das Niveau des durch-den-Kakao-ziehens herab; das Buch ist zwar amüsant, aber nicht auf »Witzigkeit« getrimmt. Stella Bettermanns Mutter, die trotz fast völliger Erblindung rüstige und reiselustige Yiayia und der unter chronischer Seekrankheit leidende Pappous sind (neben der Autorin selbst natürlich) die Hauptfiguren im ersten Teil des Buches. Die Reisen nach Griechenland waren beschwerlich, denn man fuhr mit dem Auto quer durch den ganzen Balkan. Endlich angekommen, mussten die Kinder die übertriebene Fürsorglichkeit der Verwandtschaft ertragen. »Min trechis«, hieß es da immer (»renn nicht«), denn griechische Kinder sollten immer adrett und proper aussehen, »iss, iss!« wurde gedrängt, wenn der übervolle Teller einfach nicht leer werden wollte. Da wurde dann schon mal das eine oder andere Käsebrot heimlich verbuddelt.

Im zweiten Teil stehen der Bruder und die beste Freundin im Mittelpunkt. Die Kinder werden zu jungen Erwachsenen und machen sich allmählich selbständig, was zu gewissen Konflikten mit den althergebrachten Moralvorstellungen der Altvorderen führt. Die emanzipierten Mädchen wagen den Einmarsch in eine unantastbare griechische Männerdomäne: Das Kafenion. Sie müssen sich der aufdringlichen Annäherungsversuche jener griechischen Möchtegern-Casanovas erwehren, die mit dem Begriff »Kamaki« (= Harpune) treffend charakterisiert sind.

Die Autorin erzählt mit leichter Feder und lässt immer wieder geniale Lautmalereien einfließen. Zur Mittagszeit erklingt der Ruf »Kiiiender! Ääähsen!« in der Münchner Neubausiedlung, Klein-Stella ist zwar griechisch-orthodox, darf aber am katholischen Religionsunterricht teilnehmen, damit das Außenseitergefühl ihr nicht das »Chärz bricht«, und Mutter sorgt sich, weil auf dem Spielplatz alles voller »Baktärien« ist. Herrlich.

Wer Griechenland mag und die Griechen ein bisschen näher kennen gelernt hat, der wird dieses Buch lieben und viele Details wiedererkennen. Natürlich könnte man einwenden, das Buch enthalte kaum mehr als leicht zusammenhanglose Familienanekdoten und nostalgisch verklärte Kindheitserinnerungen. Dennoch ist es eine wunderbare Liebeserklärung an Griechenland und vermittelt schöne Einblicke in die überlebensgroße griechische Seele sowie ins Alltags- / Familienleben jenseits touristischer Postkartenidyllen. Vom albernen Titel des Buches darf man sich nicht abschrecken lassen.

29.07.2010

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Jasper Fforde: Irgendwo ganz anders
dtv, 2009
415 Seiten

Das Special Operations Network wurde aufgelöst. Thursday Next arbeitet seitdem als Verkäuferin in einer Swindoner Firma, die Bodenbeläge verkauft, wobei sie ihre Popularität nutzt, die seit der Veröffentlichung ihrer Abenteuer in Romanform stark angestiegen ist. Ihre größte Herausforderung besteht somit darin, ihre Kinder unter Kontrolle zu bekommen: Den heftig pubertierenden Thursday, die hyperintelligente Tuesday und Jenny, die irgendwie nie da zu sein scheint. So lautet jedenfalls die offizielle Version. In Wahrheit ist Thursday nach wie vor LiteraturAgentin, denn SpecOps-27 nutzt die Teppichfirma nur als Tarnung und ist noch aktiv - mehr oder weniger illegal. Wegen chronischen Geldmangels sowohl der LiteraturAgenten als auch der Teppichfirma betätigt sich Thursday außerdem als Käseschmugglerin - und natürlich ist sie immer noch regelmäßig für JurisFiction in der BuchWelt unterwegs. Dort greift die Sorge wegen ständig fallender Leserzahlen immer mehr um sich. Der GattungsRat ist deshalb schon auf die Idee gekommen, die Handlung von »Stolz und Vorurteil« komplett umzuwerfen, damit daraus ein interaktives Buch nach dem Vorbild moderner Castingshows gemacht werden kann. Bevor sie sich dieses Problems annehmen kann, muss Thursday jedoch zwei grundverschiedene fiktive Ausgaben von sich selbst beurteilen, die aus »ihren« Romanen stammen und bei JurisFiction aufgenommen werden wollen. Sie weiß nicht, welche Ausgabe schlimmer ist: Die aggressiv-überhebliche Thursday aus den ersten vier Romanen, in denen Sex und Action dominieren, oder die naive und auf Harmonie bedachte Thursday aus Roman Nr. 5, der bewusst ganz anders angelegt wurde und prompt gefloppt ist.

All das verschweigt sie seit 14 Jahren ihrem ent-nichteten Ehemann Landen, doch die Schwierigkeiten, mit denen sie sich herumschlagen muss, greifen bald auf ihr Privatleben über. So ist es unbedingt erforderlich, dass Friday der ChronoGarde beitritt, denn nur er kann verhindern, dass sich die Zeitlinie praktisch von hinten aufrollt und verschwindet. Im Gegensatz zu den potentiellen Versionen seiner selbst, die immer wieder bei Thursday auftauchen, ist der echte Friday aber nur daran interessiert, den ganzen Tag im Bett herumzulungern und Musik zu hören. Außerdem heftet sich ein tot geglaubter Killer wieder auf Thursdays Fersen, die Goliath Corporation unternimmt neue Versuche, in die BuchWelt vorzudringen, und zu guter Letzt begegnet Thursday auch noch ihrem längst verstorbenen Onkel Mycroft, der ihr etwas enorm wichtiges mitzuteilen hätte, wenn ihr denn nur die richtige Frage einfiele. Während Thursday mit ihren beiden Auszubildenden in der BuchWelt unterwegs ist und alle Hände voll damit zu tun hat, den von ihnen angerichteten Schaden wieder zu beheben, muss sie feststellen, dass sie selbst ihr gefährlichster Gegner ist…

Seit »Es ist was faul«, dem vierten Band der Thursday-Next-Reihe, sind zwar 14 Handlungsjahre vergangen, und sowohl in Thursdays Universum (das sich in vielen Punkten von unserer Realität unterscheidet) als auch in der BuchWelt hat sich einiges geändert, dennoch schließt Band 5 relativ nahtlos an die bisherigen Geschehnisse an. Man versteht jedenfalls oft nur Bahnhof, wenn man die Bände 1 bis 4 nicht gelesen hat. Ein paar Erläuterungen und kurze Rückblicke sollen dem Neuleser das Verständnis erleichtern, aber das reicht nicht. Wer Thursdays Abenteuer nicht von Anfang an verfolgt hat, für den werden die meisten Hauptpersonen eher gesichtslos bleiben. Und obwohl fast alle Handlungsstränge zu einem befriedigenden Abschluss gebracht werden, so endet Band 5 doch mit einem Cliffhanger - Band 6 soll im Jahre 2011 erscheinen. Schlechte Nachrichten also für alle, die einfach mal schnell bei Thursday Next reinschnuppern wollten, ohne die ganze Serie zu lesen. Das geht nicht, ihr müsst schon bei Band 1 einsteigen. Aber so schlimm ist das ja nicht, schließlich sind die älteren Romane erstklassige Unterhaltung.

Das gilt auch für Band 5. Der Reiz des Neuen ist natürlich längst verflogen. Bei der Lektüre von Band 1 (»Der Fall Jane Eyre«) bin ich aus dem Staunen ob der phantasievoll und detailreich, dabei aber nie weitschweifig beschriebenen Parallelwelt gar nicht mehr herausgekommen. In den Folgeromanen wurde das Ganze dann praktisch nur noch als Kulisse für die immer neuen Probleme der LiteraturArgenten und JurisFiction-Mitglieder benutzt, wobei man die Einführung der BuchWelt, also einer Parallelwelt-in-der-Parallelwelt, in der erst recht alles möglich ist, aber als genialen Kunstgriff bezeichnen kann. Ganz neue Ideen finden sich in Band 5 kaum noch, stattdessen wird Bekanntes weiter ausgebaut. Das geschieht aber wieder auf so humorvolle, vor Fabulierlust und Wortwitz sprühende Art und Weise, dass man den Roman gar nicht wieder aus der Hand legen möchte. Vor allem bleibt Thursdays phantastisches Universum nach wie vor trotz all der verrückten Ideen in sich schlüssig. Fforde geizt nicht mit aktueller Gesellschaftskritik, verpackt diese aber stets humorvoll. Game- und Castingshows kriegen ihr Fett ebenso weg wie die Kirche und die Regierung.

Der Roman steckt voller literarischer Anspielungen, und erneut ist dies auch schon das größte Problem, das man als nicht-britischer Leser hat: Man müsste sich mit der englischsprachigen Literatur und der britischen Gesellschaft sehr gut auskennen, um alles richtig würdigen zu können. Mein tief empfundenes Mitgefühl gilt den Übersetzern…

Fazit: Für Neueinsteiger ungeeignet, für Thursday-Fans ein Muss.

26.07.2010

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Douglas Preston / Lincoln Child: Darkness
Knaur, 2009
4
99 Seiten

Special Agent Pendergast und sein Mündel Constance Greene ziehen sich in das tibetische Kloster Gsalrig Chongg zurück, um nach dem schrecklichen Kampf gegen Pendergasts wahnsinnigen Bruder Diogenes wieder zu sich selbst zu finden. Sie werden freundlich aufgenommen. Constance erlernt dort verschiedene Meditationstechniken, doch für Pendergast ist die Ruhe bald vorbei, denn die Mönche bitten ihn um Hilfe. Das Kloster ist der Okkupation und Vernichtung durch die chinesischen Invasoren seinerzeit aufgrund seiner versteckten Lage in der unzugänglichen Bergwelt Tibets entgangen. Es birgt ein Geheimnis, das bisher niemandem außer den dort lebenden Mönchen bekannt war und nun auch Pendergast enthüllt wird. Das Kloster umschließt ein noch älteres Heiligtum, in dem eine uralte Reliquie aufbewahrt wird. Dieser heilige Gegenstand, das Agozyen, ist gestohlen worden. Die Identität des Diebes ist den Mönchen bekannt. Allerdings wissen die Mönche nicht, wie das Agozyen aussieht, da es sich in einem verschlossenen Behälter befindet, der nie geöffnet wurde. Das eigentliche Problem besteht darin, dass es sich bei dem Agozyen um etwas handelt, das in den falschen Händen zu einer schrecklichen Waffe werden und die gesamte Menschheit vernichten könnte. Es muss deshalb so schnell wie möglich ins Kloster zurückgebracht werden.

Es fällt Pendergast nicht schwer, dem Dieb bis nach London zu folgen, aber er kommt zu spät. Der Dieb wollte das Agozyen verkaufen und wurde von seinem Kunden bestialisch ermordet. Als Pendergast am Tatort eintrifft, ist das Agozyen verschwunden. Es gibt jedoch eine neue Spur. Der Mörder muss sich mit seiner Beute auf der Britannia befinden, dem größten und modernsten Passagierschiff der Welt, dessen erste Fahrt nach New York unmittelbar bevorsteht. Pendergast und Constance machen die Jungfernfahrt des Luxusliners mit. Zwar befinden sich über 4000 Passagiere und Besatzungsmitglieder an Bord, aber es gelingt Pendergast schnell, den Kreis der Verdächtigen auf wenige Personen einzuengen. Doch die Jagd auf den Mörder erweist sich schon bald als geringstes Problem. Auf der Britannia verschwinden mehrere Passagiere. Als der Täter seine Opfer nicht mehr nur im Meer entsorgt, sondern ihre bestialisch zugerichteten Leichen auf bizarre Weise zur Schau stellt, und als sich immer mehr Menschen von einem dämonischen Wesen verfolgt fühlen, droht Panik auszubrechen. Die wenigen Sicherheitskräfte sind hoffnungslos überfordert, und Kapitän Cutter weigert sich, den nächsten Hafen anzusteuern, weil er völlig darauf fixiert ist, den Rekord für die Ozeanüberquerung einzustellen.

Trotz all dieser Widrigkeiten hat Pendergast schließlich Erfolg. Er findet das Versteck des Agozyen und kann einen Blick auf die Reliquie werfen. Doch dadurch gerät er selbst in den Bann einer zerstörerischen Macht, deren Ziel in der Vernichtung der Britannia zu bestehen scheint…

Dies war meine vierte Urlaubslektüre im Sommer 2010.

Special Agent Pendergast ist die Hauptfigur zahlreicher Romane des Autorenduos Preston/Child. In »Darkness« wird sein erstes Abenteuer nach der so genannten »Pendergast-Trilogie« (»Burn Case«, »Dank Secret« und »Maniac«) geschildert. Man muss diese Trilogie zwar nicht gelesen haben, um »Darkness« goutieren zu können, aber wenn man wissen möchte, wer Pendergast und Constance Greene sind, wird man sowohl auf die Trilogie als auch auf den noch etwas älteren Roman »Formula« nicht verzichten können. Am Ende muss man sogar etwas verärgert feststellen, dass die Pendergast-Trilogie doch nicht so in sich abgeschlossen ist, wie die Autoren behaupten, denn (Achtung, es folgen Spoiler) es zeigt sich, dass Diogenes in gewisser Weise immer noch lebt und eine wichtige Rolle bei der finalen Wendung zum Guten zu spielen hat! Sein Erbe ist quicklebendig und das Ende des Romans lässt darauf schließen, dass es bald weitere Fortsetzungen geben wird…

Der Roman beginnt wie ein weiterer Thriller nach bekanntem Preston/Child-Strickmuster. Ein Verbrechen muss aufgeklärt und ein Geheimnis enträtselt werden. Pendergast setzt wie üblich sein scheinbar unerschöpfliches Wissen und phantastische Kombinationsfähigkeiten ein, die Sherlock Holmes vor Neid erblassen lassen würden. Wie schon in früheren Romanen erscheinen diese geradezu übermenschlichen Fähigkeiten allzu unrealistisch. Sobald Pendergast die Britannia betritt, rückt er aber deutlich in den Hintergrund. Dort eröffnen sich weitere Handlungsebenen, die zunächst scheinbar nur mit den internen Problemen der Führungscrew zu tun haben. Zu guter Letzt erkennt man aber, wie alles zusammenhängt. Die Story bleibt immerhin in sich schlüssig. Bis es soweit ist, hangelt sich die doch etwas dürftige Handlung von Cliffhanger zu Cliffhanger. Zur Spannungssteigerung rast die Britannia unaufhaltsam ihrer Vernichtung entgegen, und Pendergast erlebt eine Schaffenskrise der besonderen Art. Er ist dann buchstäblich nicht mehr er selbst. Bei alldem hatte ich für kurze Zeit die Hoffnung, die Autoren würden Pendergast mit diesem Roman einen spektakulären endgültigen Abgang verschaffen wollen, aber dem ist nicht so.

D
ie Handlung folgt also letztlich doch vorhersehbaren Pfaden. Ich frage mich nur, welchen Status Pendergast beim FBI hat. Wurde er nach dem Ende seines Bruders im Schnellverfahren rehabilitiert? Er hat sich ja so einiges zu Schulde kommen lassen, aber es wird mit keinem Wort erwähnt, ob er dafür zur Rechenschaft gezogen wurde oder nicht. Wie immer kann er auf eigene Faust schalten und walten, wie es ihm beliebt. Leider stellt sich diesmal außerdem heraus, dass es eben doch keine wissenschaftliche Erklärung für die merkwürdigen Vorkommnisse gibt. Für meinen Geschmack verwurstet das Autorenduo zu viel fernöstlichen Mystizismus. Dabei ist die »Tulpa« (der Dämon) keine Erfindung des Autorenduos. Der Begriff entstammt tatsächlich der tibetischen Mythologie, in der die Erschaffung materieller Objekte durch reine Willenskraft - also quasi Gestalt gewordene Gedanken - für möglich gehalten wird. Mir geht das zu weit. Spannend ist die Geschichte zugegebenermaßen schon, mit »Wissenschaft« hat der Thriller aber nichts mehr zu tun.

19.07.2010

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Frank Herbert, Brian Herbert, Kevin J. Anderson: Träume vom Wüstenplaneten
Heyne, 2009
590 Seiten

Frank Herbert hat mit »Dune - Der Wüstenplanet« und fünf Fortsetzungsromanen ein Epos erschaffen, das zu den wichtigsten Werken der Science Fiction gehört. Ich kann mich nur in den Chor all jener einreihen, die den Wüstenplanet-Zyklus immer wieder mit Tolkiens »Herr der Ringe«-Trilogie gleichsetzen, denn sie haben Recht: Ebenso wie Tolkien hat auch Herbert ein unglaublich detailreiches, lebendiges Universum erschaffen, einen facettenreichen Weltenentwurf, der seinesgleichen sucht. Leider ist der Zyklus unvollendet geblieben. Frank Herberts Sohn Brian Herbert und Kevin J. Anderson betätigen sich jetzt als »Resteverwerter«. Sie schlachten alles aus, was es noch an Entwürfen, Notizen, Korrespondenz, nicht verwendeten Kapiteln, Handlungsabrissen usw. aus Frank Herberts Nachlass gibt, und melken diese Kuh, solange es nur geht. So haben sie zwei Prequel-Trilogien und zwei »Dune«-Fortsetzungen (also Band 7 und 8 des Zyklus) geschrieben, die sich angeblich auf Frank Herberts Nachlass stützen. Zwei weitere Bände, die in den »Lücken« zwischen Frank Herberts Romanen spielen, wurden in den letzten Monaten veröffentlicht. Meine Meinung dazu könnt ihr im Archiv nachlesen - ich halte vor allem die beiden Romane, die den Zyklus zum angeblich von Frank Herbert vorgesehenen Abschluss bringen, für reine Geldmacherei, aber nicht für würdige Fortsetzungen des Zyklus. Brian Herbert und Anderson können weder inhaltlich noch stilistisch auch nur annähernd mit Frank Herbert mithalten.

Und dennoch kaufe ich immer noch alles, was auch nur ein Fitzelchen der Ideen Frank Herberts enthalten könnte, und was nur irgendwie im Wüstenplanet-Universum spielt. »Träume vom Wüstenplaneten« fällt dabei ein wenig aus dem Rahmen, denn es handelt sich nicht einfach nur um eine weitere Eigenkreation der »Resteverwerter«, sondern um eine Zusammenstellung von Texten, die wenigstens teilweise tatsächlich aus Frank Herberts Feder stammen. Kern und umfangreichster Bestandteil ist der Roman »Der Gewürzplanet«. Man könnte ihn als ersten Entwurf oder als alternative Version des ungleich komplexeren und umfangreicheren, besser ausgearbeiteten Romans »Dune« bezeichnen. Alle wichtigen Elemente sind da: Ein Adelshaus soll durch eine Intrige gestürzt werden, der Wüstenplanet als einzige Fundstelle der Droge »Gewürz« dient als Falle. Im Prinzip sind auch die bekannten Hauptfiguren vorhanden. Allerdings ist Herzog Leto Atreides hier der Edelmann Jesse Linkam. Seine Konkubine heißt Dorothy Mapes, sein Sohn heißt Barri. Nicht Baron Wladimir Harkonnen (hier: Valdemar Hoskanner) ist der große Gegenspieler, sondern der Hochkaiser Wuda und dessen Hofrat Ulla Bauers. Caladan heißt Catalan, und Arrakis ist nicht der Name des Wüstenplaneten, sondern der Name der Sonne, um die er kreist. Jesse Linkam vereinigt praktisch die Figuren Leto und Paul Atreides in sich, denn er überlebt die Intrige und wendet alles zum Guten, indem er mit der Vernichtung der Gewürzquellen droht. Sein Sohn Barri spielt keine Rolle und hat keine besonderen Fähigkeiten. Es gibt nicht nur ein echtes Happy End - man erfährt interessanterweise auch sehr viel mehr über das Ökosystem des Wüstenplaneten, als Frank Herbert in »Dune« je preisgegeben hat.

Man könnte sagen: »Der Gewürzplanet« ist »Dune«, wie der Roman geworden wäre, wenn Brian Herbert und Anderson ihn geschrieben hätten - kürzer und actionreicher, aber viel oberflächlicher und trivialer. Der faszinierende Schauplatz der planetenweiten Wüste verfehlt zwar auch hier seine Wirkung nicht, aber der gesamte geschichtliche Hintergrund fehlt. Das Gewürz wurde erst vor relativ kurzer Zeit entdeckt, es gibt weder die Bene Gesserit, noch die Fremen (nur freie Wüstenarbeiter, die aber keine eigene Kultur haben und keineswegs auf die Ankunft des Messias warten) oder die Sardaukar, die Tleilaxu, die Mentaten und so weiter. Das Gewürz ist wirklich nur eine Droge, wenn auch eine, von der praktisch alle Adeligen abhängig sind. Wäre der Roman in dieser Form veröffentlicht worden, d.h. hätte Frank Herbert ihn nicht verworfen, um mit einem ganz anderen Ansatz ganz neu zu beginnen, dann hätte er kaum mehr Anklang gefunden als irgendein anderer SF-Roman der damaligen Zeit. Sicher wäre er nie fortgesetzt worden, und die Science Fiction wäre um eines ihrer Glanzstücke ärmer.

Dieser Bestandteil des Buches ist eine interessante Lektüre, vor allem natürlich wegen der Unterschiede zur endgültigen Version von »Dune«. Man muss aber zugeben, dass er durchaus spannend ist und kurzweilige Unterhaltung bietet. Hinzu kommen diverse kürzere Texte, unter anderem der Entwurf eines Zeitungsartikels über Wanderdünen, der möglicherweise der Anstoß für Frank Herbert war, seinen wichtigsten Roman überhaupt erst zu schreiben. Sehr interessant ist auch die abgedruckte Korrespondenz zwischen Frank Herbert, seinem Agenten und verschiedenen Herausgebern vor der Veröffentlichung von »Dune«; man erfährt, welche Probleme beide Seiten mit Länge und Komplexität des Texts hatten. Außerdem sind mehrere nicht verwendete Kapitel aus den Romanen »Der Wüstenplanet« und »Der Herr des Wüstenplaneten« vorhanden, die teilweise ein ganz neues Licht auf die Geschehnisse werfen und Lücken wie z.B. Pauls Tod in der Wüste füllen.

Zu »guter« Letzt sind noch vier Kurzgeschichten Brian Herberts und Andersons vorhanden. Die erste spielt zur Zeit des Angriffs der Harkonnen, die anderen sollen als Bindeglieder zwischen den einzelnen Romanen der in der Zeit von Butlers Djihad spielenden Prequels dienen. Sie sind nur mäßig interessant... eigentlich sind sie genauso entbehrlich wie die Prequels selbst.

Insgesamt muss ich sagen, dass »Träume vom Wüstenplaneten« nur etwas für Fans ist. Für sich betrachtet ist »Der Gewürzplanet« kaum mehr als ein bestenfalls durchschnittlicher SF-Roman, und wer Frank Herberts Werk nicht kennt, wird sich kaum für dessen Entstehung noch für die gestrichenen Kapitel interessieren. Echte Fans werden es jedoch zu schätzen wissen, wieder einmal etwas lesen zu dürfen, das von Frank Herbert selbst geschrieben wurde, und nicht von den beiden »Resteverwertern«.

Dies war übrigens meine dritte Urlaubslektüre im Sommer 2010.

13.07.2010

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Stephen King: Love
Heyne, 2006
733 Seiten

Lisey Landon hat ihre Trauer auch zwei Jahre nach dem frühen Tod ihres Mannes, des berühmten und erfolgreichen Schriftstellers Scott Landon, noch nicht überwunden. Sie fühlt sich zwar inzwischen stark genug, seinen Nachlass zu ordnen, doch ausgerechnet dadurch werden immer wieder Erinnerungen an die gemeinsame Zeit mit Scott in ihr wachgerufen – und auch Erinnerungen an dunkle, alles andere als glückliche Zeiten, denn Scott war mehrmals das Angriffsziel von Verrückten, die kryptische Botschaften in seinen Texten entdeckt haben wollten. Einem von ihnen war es sogar gelungen, einen Mordanschlag auf Scott zu verüben. Lisey hatte den Mann damals gekonnt außer Gefecht gesetzt und Scott das Leben gerettet. Lisey unterdrückt all diese Erinnerungen, und zwar nicht nur deshalb, weil sie noch zu schmerzhaft für sie sind, sondern auch, weil Scott eine besondere, geradezu übernatürliche Gabe hatte, die er mit seiner Frau geteilt hat. Genau daran will Lisey sich nicht erinnern, denn sie hat damals nicht nur wunderbare, sondern auch grausige Dinge erlebt. Seitdem gestattet sie sich nicht mehr, an diese speziellen Aspekte der Vergangenheit zu denken.

Doch eines Tages taucht ein Fremder bei ihr auf, der sich Zack McCool nennt und behauptet, er sei damit beauftragt worden, nicht veröffentlichte Texte aus Scotts Schreibwerkstatt für einen Auftraggeber zu besorgen, dessen Namen er nicht nennt. Lisey weiß dennoch Bescheid. Es kann sich nur um Professor Woodbody handeln, einen besonders hartnäckigen Bewerber um das wertvolle Material, den Lisey ebenso wie alle anderen abgewiesen hat, da sie die Texte erst allein durchgehen will. Zack McCool lässt nicht locker und beginnt Lisey zu bedrohen. Sie stellt Woodbody zur Rede und setzt ihn unter Druck, muss aber erfahren, dass der Professor nicht in der Lage ist, McCool zurückzupfeifen. Tatsächlich ist der angebliche Auftrag nur ein Vorwand für McCool, sich an Lisey vergreifen zu können. Sie erhält zwar Polizeischutz, dennoch gelingt es dem Wahnsinnigen, ihr im eigenen Haus aufzulauern und sie schwer zu verletzen. Er kündigt seine Rückkehr an, und Lisey begreift, dass er sie dann zu Tode quälen wird.

In dieser Zeit erhält Lisey immer wieder verzwickte Botschaften ihres Mannes, die dieser vor seinem Tod vorbereitet haben muss. Auf diese Weise schickt Scott seine Frau auf eine bizarre Schnitzeljagd, durch die er sie behutsam an die phantastischen Geschehnisse heranführt, die sie verdrängt hat, denn dies ist die einzige Möglichkeit, wie sie sich gegen ihren Peiniger zur Wehr setzen kann. Gleichzeitig enthüllt er so die ganze Wahrheit über seine eigene, schreckliche Vergangenheit.

Dies war meine zweite Urlaubslektüre im Sommer 2010.

Eindringliche Charakterstudien sind schon immer Stephen Kings Stärke gewesen, und wenn er sich wie in diesem Roman auf eine oder höchstens zwei Hauptpersonen beschränkt, dann kommt es dem Leser manchmal so vor, als befinde er sich selbst »im Kopf« der Protagonisten. Genau so ist es mir mit »Love« ergangen. Da sich King ganz auf Lisey konzentriert (allerdings wird nicht die Ich-Perspektive verwendet), wird daraus etwas, das in gewisser Weise an »Ulysses« von James Joyce erinnert, und zwar vor allem deshalb, weil Lisey eine »Geheimsprache« verwendet, die sich zwischen ihr und ihrem Mann entwickelt hat, und weil von Anfang an immer wieder bestimmte Geschehnisse der Vergangenheit angedeutet werden – Lisey zwingt sich stets sofort dazu, diese Gedankengänge abzubrechen, wird aber durch die von ihrem Mann ausgelegten Spuren dorthin zurückgeführt, so dass auch der Leser häppchenweise mehr erfährt. Das geschieht durch viele teils recht verschachtelte Rückblicke: Lisey erinnert sich z.B. an eine Episode ihrer Vergangenheit, in der ihr früheres Ich sich etwas ins Gedächtnis ruft, was Scott ihr vor Jahren über seine eigene Kindheit erzählt hat…

Durch die Geheimsprache, deren abstruse Begriffe zunächst nicht erklärt werden, und die vielen anfangs unverständlichen Andeutungen fällt der Einstieg in die Geschichte zwar ziemlich schwer, und wie man es von King nicht anders gewöhnt ist, füllt er viele Seiten mit Text, den man für Geschwafel halten könnte, wenn er nicht durchaus wichtig für Liseys Charakterisierung wäre. Aber mit der Zeit wird alles klar und ergibt am Ende stets einen überzeugenden Sinn. Am Schluss des Romans hat man Lisey und Scott genau kennen gelernt, man ist quasi Teil ihrer besonderen Beziehung. Gewürzt wird das Ganze natürlich durch die Bedrohung, der Lisey sich ausgesetzt sieht. Diese Gefahr ist der eigentliche Anreiz für sie, in ihre verdrängte Vergangenheit einzutauchen, und dadurch soll etwas mehr Spannung in den Roman einfließen. Eigentlich hätte King das gar nicht nötig gehabt, d.h. er hätte ganz auf Zack McCool verzichten können – der Roman wäre dennoch ungemein packend und faszinierend gewesen. Vielleicht war das auch dem Autor klar, denn er beschäftigt sich gar nicht so sehr mit der Psyche des Irren. Das ist ungewöhnlich für King. McCool bleibt seltsam blass, seine Innenwelt bleibt dem Leser verschlossen. Andererseits passt das aber auch wieder zum Roman, denn man erlebt ja praktisch alles aus Liseys Perspektive, und sie kann schließlich nicht in McCools Kopf hineinsehen.

Der Roman enthält, wie King im Anhang selbst schreibt, unzählige Anspielungen auf andere Romane, Filme, Lieder usw. – auch Kings eigenes Werk wird eingebunden. So erinnert Scotts Fähigkeit frappierend an das »Flippen« aus »Der Talisman« und »Das schwarze Haus«, Boo'ya Mond ähnelt der »Region« aus denselben Romanen, und das Verdrängen der eigenen Vergangenheit ist ein wichtiger Aspekt von »Das schwarze Haus«. Außerdem finden sich zahlreiche Anspielungen auf von King erfundene Orte und Personen, vor allem natürlich Castle Rock und seine Bewohner.

12.07.2010

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James Rollins: Mission Arktis
Ullstein, 2008
648 Seiten

Omega ist eine halbpermanente Driftstation auf der nördlichen Polarkappe. Sie ist ein gemeinsames Projekt verschiedener Regierungsbehörden der USA und wird von Dr. Amanda Reynolds geleitet, einer gehörlosen Ingenieurin, die mit Captain Gregory Perry liiert ist, dem Kapitän des unbewaffneten U-Bootes Polar Sentinel. Dieses Schiff ist noch in der Testphase und wurde der Driftstation zugeteilt. Als die Polar Sentinel eines Tages 538 Kilometer nördlich des Polarkreises auf Tauchfahrt ist, rammt sie fast einen gewaltigen Eisberg, der allerdings nicht nach oben, sondern nach unten ragt: Das kolossale Gebilde erstreckt sich mindestens einen Kilometer in die Tiefe des Ozeans. Erste Untersuchungen erbringen erstaunliche Ergebnisse: Der Berg ist teilweise ausgehöhlt, im Inneren befindet sich eine immer noch intakte Forschungsstation. Die Wissenschaftler von Omega verschaffen sich Zutritt und finden heraus, dass die Station in der Zeit des zweiten Weltkriegs von Russland betrieben worden sein muss und den Namen Grendel getragen hat. Die Station ist ein gewaltiges Grab. Alle Besatzungsmitglieder sind verhungert oder haben Selbstmord begangen. In einer versiegelten Ebene der Station machen die Forscher von Omega eine schockierende Entdeckung. Sie ahnen jedoch nicht, dass sie im Inneren von Grendel keineswegs allein sind.

Ungefähr zur gleichen Zeit beobachtet der Wildhüter Matthew Pike, ein ehemaliger Elitekämpfer der Green Berets, in Alaska den Absturz eines Kleinflugzeuges. Der Pilot kommt dabei ums Leben. Matt kann nur den Passagier retten: Einen Mann namens Craig Teague, der sich als Reporter bei der Seattle Times ausgibt. Angeblich war er auf dem Weg zur Driftstation Omega, um dort über gewisse Vorkommnisse zu recherchieren. Eine zweite Maschine erscheint und vernichtet das Flugzeugwrack, als Matt und Teague sich gerade erst davon entfernt haben. Fallschirmjäger werden abgesetzt, die sofort Jagd auf die beiden Männer machen. Matt fragt sich zwar, was es mit Teague wirklich auf sich hat, aber er schaltet die Fallschirmjäger aus und will Teague zu Sheriff Jennifer Aratuk bringen, seiner Exfrau, von der er sich vor einiger Zeit getrennt hat, weil sie ihm die Schuld am Tod des gemeinsamen Sohnes gibt. Doch die Verfolger lassen nicht locker und vernichten Jennifers Hütte. Matt, Teague, Jennifer, ihr Vater John und Matts treuer Hund Bane entkommen mit einem Wasserflugzeug. Als auch noch eine Küstenstadt angegriffen wird, die sie erreichen wollten, gibt es nur noch einen Zufluchtsort für sie: Omega.

Auch Admiral Viktor Petkow ist dorthin unterwegs, denn die Wiederentdeckung der Eisstation Grendel ist in Russland bekannt geworden. Petkow befehligt das Kampf-U-Boot Drakon und hat den Auftrag, das Geheimnis von Grendel um jeden Preis zu schützen - auch wenn das den Tod der Wissenschaftler von Omega und der Besatzung der Polar Sentinel bedeutet. Petkow hat allerdings selbst ein Geheimnis und ein ganz persönliches Motiv für die Vernichtung der Eisstation Grendel...

Dies war meine erste Urlaubslektüre im Sommer 2010.

Man könnte den Roman als Wissenschafts-Thriller nach dem Vorbild des Autorenduos Douglas Preston / Lincoln Child bezeichnen - tatsächlich weist er einige deutliche Parallelen mit deren Roman »Ice Ship«, vielleicht auch mit »Relic« auf. Hier wie dort wird etwas unbekanntes in einer abgelegenen, lebensfeindlichen Region gefunden, das sich als äußerst gefährlich erweist. Es soll erforscht und geborgen werden, aber es gibt einen mehr oder weniger wahnsinnigen Gegenspieler, der das verhindern will. Letzterer ist bei Preston/Child der Kommandant eines chilenischen Zerstörers, bei Rollins ist es Admiral Petkow. Und dessen Ziele sind derart abstrus, dass sie einem Schurken aus einem James Bond-Film zur Ehre gereichen würden! Eigentlich hätte es dieser Handlungsebene nicht bedurft, denn allein die Erkundung der Eisstation und die Gefahren, die dort lauern, hätten schon für eine spannende Geschichte ausgereicht. Durch das Eingreifen der Russen und einer Einheit der amerikanischen Delta Force wird sozusagen eine zweite Front eröffnet, an der ein wenig zu viel geballert wird. Ist zwar durchaus spannend, hätte aber nicht sein müssen, zumal die »Guten« trotz einiger Verluste auf diese Weise zu sehr wie Alleskönner aussehen, die zu viel Erfolg haben. Rollins versucht etwas emotionale Tiefe einzubauen, indem er z.B. Matt und Jenny eine tragische Hintergrundgeschichte verleiht, aber das geht in der Action teilweise etwas unter.

Ein paar phantastische Elemente muss man zwar akzeptieren, aber immerhin wird wenigstens alles logisch nachvollziehbar erklärt. Die Story enthält einige überraschende Wendungen und wartet mit durchaus kritischen Tönen auf. Um die Machenschaften der beteiligten Regierungen glaubhafter zu machen, hat der Autor dem Roman eine Aufstellung mit Menschenversuchen der USA beigefügt. Von den meisten aufgelisteten Ereignissen habe ich noch nie zuvor gehört – wenn das wahr ist, kann man selbst als nicht unmittelbar Betroffener zornig werden. Insgesamt bietet der Roman dank unzähliger Cliffhanger, tröpfchenweise eingefügter Enthüllungen und ständigen Wechsels der Handlungsebenen packendes, bestens für träge Urlaubs-Strandtage geeignetes Lesefutter.

12.07.2010

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Niall Murtagh: Blauäugig in Tokio
Ullstein, 2008
291 Seiten

Der Untertitel »Meine verrückten Jahre in Japan« ist irreführend und wird auf dem Titelblatt auch gleich relativiert. Dort heißt es nur noch: »Meine verrückten Jahre bei Mitsubishi«. Dieses Buch ist kein lustiger Japan-Reiseführer, und wer erwartet, dass der Autor die Japaner und ihre Marotten durch den Kakao zieht, wird ebenfalls enttäuscht sein. Stattdessen schildert Murtagh seine Arbeit als »Salaryman« (Angestellter) bei Mitsubishi in Tokio. Was er dort als einer der wenigen europäischen Mitarbeiter (und später als einziger europäischer Angestellter auf Lebenszeit) erlebt hat, kann für unsereins durchaus verrückt oder zumindest skurril klingen, aber das Buch ist nicht auf Lacher ausgelegt. Murtagh macht sich nicht über die Japaner oder die Firma Mitsubishi lustig. Das ist allerdings auch gar nicht nötig. Schon die vergleichsweise nüchtern beschriebenen Arbeitsumstände, die umfassende Reglementierung und Kontrolle in der stark auf Traditionen bedachten Firma, der Umgang mit dem Ausländer (Murtagh ist übrigens Ire) usw. reichen aus, um beim Leser zumindest ein Kopfschütteln hervorzurufen. Natürlich geizt Murtagh nicht mit Anekdoten, Ironie und Sarkasmus, aber obwohl er recht offene Worte findet, wird er doch nie respektlos.

Liest man von Murtaghs bewegter Vergangenheit als Weltenbummler, dann wundert man sich, dass er es überhaupt so lange bei Mitsubishi ausgehalten hat. Er musste sich anpassen, die unzähligen ungeschriebenen Regeln und in endlosen Formularen niedergelegten, oft sinnlos erscheinenden Vorschriften befolgen, sich ins Ameisenheer der niemals aufmuckenden Befehlsempfänger einreihen, willkürliche Versetzungen über sich ergehen lassen und immer wieder die auf unverschämte Weise bis ins intimste Privatleben vordringenden Fragen des Arbeitgebers beantworten. Er musste lernen, dass Loyalität bei Mitsubishi weit gefragter war als Fachwissen, und dass Speichelleckerei besser ankam als konstruktive Kritik - selbst wenn nach letzterer gefragt wurde. Murtagh schildert die Firmenkultur Mitsubishis in den Neunzigerjahren gut verständlich aus seiner Sicht. Man kann einwenden, dass das alles längst veraltet ist, dass das Privatleben zu kurz kommt (kein Wunder: Ein Salaryman hat praktisch keins), und dass man nur wenig über den alltäglichen Lebensstil in Japan erfährt. Dennoch ermöglicht dieser Tatsachenbericht einen guten Einblick ins Arbeitsleben eines Völkchens, das in mancherlei Hinsicht deutscher als die Deutschen zu sein scheint…

14.06.2010

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David Wellington: Vampirfeuer
Piper, 2009
384 Seiten

Jameson Arkeley hat den Vampirfluch angenommen, um Laura Caxton im Kampf gegen die Armee der Vampire von Gettysburg beistehen zu können. Er wollte sich noch in derselben Nacht stellen, um sich vernichten zu lassen, doch er hat Gefallen an seiner neuen Existenz gefunden und ist nicht erschienen. Nun setzt Caxton alles daran, ihren ehemaligen Mentor sowie die von ihm beschützte uralte Vampirin Justinia Malvern aufzuspüren und zu vernichten. Sie widmet dieser Aufgabe ihre gesamte Zeit und verhält sich mehr und mehr wie damals Arkeley, worunter ihre Beziehung mit Clara leidet. Man hat ihr zwar eine eigene Abteilung zugestanden, doch Officer Glauer, den sie in Gettysburg kennen gelernt hat, ist ihr einziger Mitarbeiter und ihr Budget ist verschwindend gering. So kommt es ihr sehr gelegen, als ein Bundesagent namens Fetlock sie zum Special Deputy erklärt. Sie muss nun zwar mit dem recht unsympathischen und stets streng nach Vorschrift handelnden Agenten zusammenarbeiten und sich von ihm überwachen lassen, kann aber in allen Bundesstaaten tätig werden und auf alle nötigen Mittel zurückgreifen.

Caxton steht unter enormem Zeitdruck, denn Arkeley und Malvern könnten jederzeit neue Vampire erschaffen. Außerdem hat sie es nicht mit einem »normalen« Vampir zu tun, sondern mit jemandem, der diese Wesen einst selbst gejagt hat und somit genau weiß, wie seine Feinde vorgehen. Caxton beginnt mit der Befragung der Familie Arkeleys, da sie sonst keine Ansatzpunkte hat. Als sie sich seinen Bruder Angus vornimmt, erscheint Arkeley persönlich und tötet den Mann. Aus dem, was dieser zuvor gesagt hatte, kann Caxton schließen, dass Arkeley allen Menschen, die er einst geliebt hat, die Verwandlung in einen Vampir anbietet. Stimmen sie innerhalb von 24 Stunden nicht zu, tötet er sie. So ergeht es auch Arkeleys Frau Astarte. Da es noch immer keinerlei Hinweise auf das Versteck der Vampire gibt, bleibt Caxton nichts anderes übrig, als bei Arkeleys Kindern Raleigh und Simon auszuharren und abzuwarten, bis der Vampir dort auftaucht. Als sich herausstellt, dass doch nicht alle Mitglieder der Familie Arkeley den Vampirfluch abgelehnt haben, ist Caxton gezwungen, zu illegalen Mitteln zu greifen, um ihre Gegner stellen zu können.

Arkeleys Verwandlung in einen Vampir - also in eines jener Wesen, deren Vernichtung er sein Leben gewidmet hat - ist die überraschende Wendung, die ich in meinem Kommentar zu Band zwei noch nicht verraten wollte. Der dritte Teil der Vampir-Serie enthält im Gegensatz zu Band zwei nicht nur eine Abfolge von Kämpfen gegen Vampire, sondern auch einiges an solider Ermittlungsarbeit und Charakterentwicklung. Caxton steht nun ganz im Mittelpunkt der Geschehnisse, und sie muss zu ihrer Beunruhigung feststellen, dass sie dabei ist, zu genau so einem soziopathischen, von der Vampirjagd besessenen Einzelgänger zu werden, wie Arkeley es zu seinen Lebzeiten war. Dieser Konflikt wird zwar angesprochen, aber doch nur oberflächlich ausgearbeitet. Arkeley ist zwar der Hauptgegner in diesem Roman, macht aber überhaupt keine Entwicklung mehr durch. Er ist jetzt nur noch ein Vampir, wenn auch ein besonders schlauer. Uns wird kein Blick in seine Innenwelt gewährt.

Wellington übertreibt es ab und zu mit der Schilderung von Caxtons Ungeschicktheit - nicht nur im Kampf, sondern auch im Umgang mit Menschen. Manchmal möchte man das Mädel am Kragen packen und ordentlich durchschütteln. So dämlich wie sie kann eigentlich niemand sein! Wenigstens mutiert sie nicht zur Superkämpferin. Das wäre vollends unglaubwürdig gewesen. Stattdessen muss sie zahlreiche Rückschläge hinnehmen und geht keineswegs unversehrt aus der finalen Auseinandersetzung hervor. Der Roman hat zwar ein echtes Ende, aber es ist immer noch Raum für eine Fortsetzung - und tatsächlich gibt es schon einen vierten Band der Serie. Er ist derzeit (Juni 2010) aber noch nicht in deutscher Sprache erhältlich.

Was mir nach wie vor gut gefällt, ist die kompromisslose Action dieser Romane und die Art und Weise, wie die Vampire dargestellt werden. Darüber hatte ich in den Kommentaren zum ersten Band ja schon etwas geschrieben. Es wird zwar etwas weniger gemetzelt als im letzten Band, aber die entsprechenden Textstellen wirken umso effektvoller. Gutes Lesefutter also. Seit Band 1 frage ich mich aber: Die Regierung sollte inzwischen begriffen haben, wie gefährlich Vampire sind. Warum also setzt man kein ganzes Team von Spezialisten auf Arkeley an, sondern überlässt den Fall Caxton und dem Sesselpupser Fetlock?

07.06.2010

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Stephen Lawhead: Pendragon (Pendragon-Saga 4)
Buchvertrieb Blank GmbH, 2004
485 Seiten

Nach dem Sieg über die Barbarenhorden in der Schlacht von Baedun Hill wird Artus zum Hochkönig von Britannien gekrönt. Man nennt ihn künftig auch »Pendragon« - den Oberdrachen. Er nimmt die irische Fürstentochter Gwenhwyvar zur Frau und reist nach Irland, um Gwenhwyvars Vater Fergus zu besuchen. Dort erhält Myrddin sein Augenlicht zurück, das er im Kampf gegen Morgian verloren hat. Der Mönch Ciaran heilt den Barden durch Handauflegen. Nach dieser Demonstration der Macht des Christengottes nehmen auch Fergus und sein gesamtes Volk den neuen Glauben an. Die Freude währt nicht lang, denn ein neuer Feind greift an. Die aus der Gegend von Karthago vertriebenen Wandalen überfallen Britanniens Nachbarinsel. Amilcar, genannt Twrch Trwyth, der Schwarze Eber, führt ein gewaltiges Heer an, das mordend und brandschatzend durchs Land zieht. Artus ruft seine Gefährten aus Britannien herbei, um die Wandalen zu bekämpfen, denn die untereinader zerstrittenen irischen Stämme können diesen gnadenlosen Gegner nicht allein aufhalten.

Den berittenen und schwer gepanzerten britischen Recken sind die wilden Wandalen nicht gewachsen. Sie werden geschlagen und fliehen - und zwar nach Britannien, wie Artus entsetzt feststellen muss, als er in die Heimat zurückkehrt. Die Wandalen verbrennen ihre eigenen Schiffe. Diese Botschaft ist deutlich: Die Eroberer beabsichtigen, für immer zu bleiben. Der Abwehrkampf allein wäre schon schlimm genug, zumal einige der britischen Unterkönige den Herrschaftsanspruch des Pendragon noch immer nicht anerkennen. Doch die Wandalen haben - wenn auch unabsichtlich - eine Waffe mitgebracht, die weit schrecklicher ist als Schwerter und Speere: Der Schwarze Tod, die Pest, folgt ihnen und breitet sich schnell in ganz Britannien aus. In diesem Zweifrontenkrieg drohen Artus‘ Streitkräfte zu versagen, denn die Versorgungslage ist schlecht und die Moral noch schlechter…

Dies ist der vierte Band der »Pendragon«-Reihe, aber nicht der letzte. Es sind zwei weitere Bücher erschienen, doch die wurden offensichtlich nie ins Deutsche übersetzt. Man müsste sie im englischen Original lesen, wenn man wissen wollte, in welcher Weise Stephen Lawhead weiter an seiner Neuinterpretation des Sagenstoffes um König Artus, die Ritter der Tafelrunde und den Heiligen Gral herumstrickt. Aber ganz ehrlich: Nach vier Bänden dieser Reihe will ich es gar nicht mehr wissen!

Zudem handelt es sich bei diesem Buch nicht um eine echte Fortsetzung von Band 3. Ich hatte zu »Artus« ja schon kritisch angemerkt, dass sowohl Gwenhwyvar als auch Llwch Llenlleawg und viele andere Figuren mehr oder weniger ignoriert werden, dass das Buch von ausführlichen Schlachtenszenarien dominiert wird und recht abrupt endet. Anscheinend ist auch dem Autor aufgefallen, dass er seine Protagonisten sträflich vernachlässigt hat, und so schiebt er einige Ergänzungen nach. Band 4 ist somit nur eine Art Erweiterung von Band 3. Es beginnt mit einigen Kapiteln aus Artus‘ Kindheit, die man eigentlich lesen müsste, bevor man mit Band 3 anfängt. Dann könnte man zu Band 3 wechseln, ungefähr bis zur Krönung und der Heirat mit Gwenhwyvar. Danach müsste man wieder in Band 4 weiterlesen. Die dortige Geschichte endet noch vor dem Bau des Schreins für den Gral, der am Schluss von Band 3 beschrieben wird.

Aber auch diesmal verschwendet Lawhead Dutzende und Aberdutzende von Seiten für weitschweifig geschildertes Gemetzel, so dass Band 4 wieder dieselben Schwächen hat wie der vorherige Roman. In Band 3 ging’s gegen die Sachsen und Iren, jetzt geht’s eben zusammen mit den Iren gegen die Wandalen. Und das nicht nur einmal, sondern zweimal: Erst in Irland, dann in Britannien. Neue Aspekte gewinnt Lawhead dem Kampfgetümmel nicht ab, lediglich die Pest kommt noch hinzu. Und so hat man das dumpfe Gefühl, den ganzen langweiligen Kram schon mehrmals in den ersten drei Bänden, vor allem in Band 3, gelesen zu haben. Der Heilige Gral kommt erst ganz am Ende des Romans kurz zum Einsatz, Morgian und ihr Sohn kommen überhaupt nicht vor, und die Tafelrunde spielt praktisch keine Rolle (es gibt sie ja wahrscheinlich noch gar nicht).

Vor allem aber ist der religiöse Schwulst nicht mehr zu überbieten. In den letzten drei Reviews habe ich ja schon genug dazu geschrieben. Das betont salbungsvolle Gefasel, außerdem Myrddins himmlische Visionen, seine Gebete und der ganze Unsinn sind diesmal umso unerträglicher, als sie nicht einmal mehr ansatzweise ironisch gebrochen werden, wie in Band 3 noch durch Bedwyrs Erzählweise. Nein, Band 4 ist absolut humorfrei. Und so wird fleißig im Namen des Herrn gemetzelt, es wird missioniert und Menschen wirken göttliche Wunder. Am Ende scheint Myrddin es aber merkwürdigerweise für nötig zu halten, dass er und Artus sich auf ihre heidnischen Wurzeln zurückbesinnen. Wie das alles zusammenpassen soll, geht über mein Verständnis.

Insgesamt muss ich sagen: Nach einem ziemlich guten Auftakt lässt die Reihe stark nach und wiederholt sich in Band 3 und 4 teilweise nur noch selbst. Diese beiden Bände muss man sich nicht antun.

01.06.2010

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Algernon Blackwood: Der Griff aus dem Dunkel
Suhrkamp, 1979
260 Seiten

Dieser Band enthält sechs Kurzgeschichten Algernon Blackwoods, die zwischen 1907 und 1925 erstmals veröffentlicht wurden:

Das Haus der Verdammten

Die Geschwister William und Frances besuchen ihre alte Bekannte Mabel Franklyn im Landsitz »The Towers«. Das Haus hat seit langer Zeit verschiedenen Gruppen von Religionsfanatikern als Versammlungsort gedient, so auch Mabels jüngst verstorbenem Gatten Samuel Franklyn und dessen Anhängern. Der böse Wille der früheren Bewohner hat sich in diesem Haus aufgespeichert. Ihre Seelen suchen nach einem Fluchtweg aus diesem Gefängnis. In der willenlosen Mabel und ihrer Haushälterin, einem ehemaligen Sektenmitglied, finden sie nützliche Werkzeuge. Auch William und Frances fühlen sich von den Geistern bedroht.

Die Übergabe

Ein merkwürdiges Fleckchen Erde, auf dem sich niemals auch nur der geringste Pflanzenwuchs zeigt, wird einem Mann zum Verhängnis, der seinen Mitmenschen seit Jahren unbewusst die Lebensenergie aussaugt, um sich selbst daran zu laben. Jedenfalls glaubt das eine junge Frau, die die Ankunft des Mannes am besagten Ort beobachtet.

Am ersten Abend im Mai

In der Mainacht wandert ein Mann, der nur an die Welt sichtbarer oder beweisbarer Tatsachen glaubt, durch die Felder zum Haus eines alten Freundes. Plötzlich wird er sich der lebendigen Natur um ihn herum bewusst und findet sich in der Geisterwelt wieder, wo er mit zwei grundverschiedenen Elementen seines eigenen Selbst konfrontiert wird.

Jones‘ Wahnidee

John Enderby Jones, ein unbedeutender Angestellter, hält sich für die Reinkarnation eines Mannes, der in einem früheren Leben zu Tode gefoltert worden ist - von einem Mann, der als sein jetziger Chef wiedergeboren wurde. Jones glaubt, sich an ihm rächen zu müssen.

Im Banne des Schnees

Ein gewisser Mr. Hibbert begegnet beim nächtlichen Schlittschuhlaufen einer jungen Frau, die ihn völlig in ihren Bann schlägt. Sie verschwindet spurlos, um wieder aufzutauchen, als frischer Schnee fällt. Die Unbekannte lockt Hibbert in die eisige Bergwelt.

Der Fall Pikestaffe

Der Mathematiker Thorley mietet ein Zimmer bei Miss Speke, einer älteren Dame, die gern hinter ihren Mietern hinterherspioniert. Sie entdeckt bei Thorley seltsame Symbole auf dem Boden sowie unter der Zimmerdecke gespannte Seidenfäden, die alle zu einem Spiegel führen, den Thorley zur Wand gedreht hat. Unmengen von Büchern und wissenschaftlichen Instrumenten werden in das Zimmer geschafft, sind dort danach aber nicht mehr zu finden. Eines Tages verschwinden auch Thorley und sein Schüler Pikestaffe spurlos…

Die erste Story, mit ca. 100 Seiten schon eher ein Kurzroman, ist ein typisches Beispiel für Algernon Blackwoods Werk und die in diesem Band versammelten Geschichten. Im Grunde könnte alles, was William in »The Towers« wahrzunehmen glaubt, ausschließlich seiner überspannten Einbildungskraft entsprungen sein. Im Grunde geschieht in diesem Haus bis zuletzt gar nichts - William hat nur merkwürdige Visionen, spürt ungreifbare Präsenzen um sich herum und glaubt Geräusche zu hören. Sichtbare Veränderungen treten niemals ein, nur das Verhalten der Menschen ändert sich. Und obwohl überhaupt nichts passiert, entsteht doch eine Atmosphäre des Unheimlichen. Obwohl kein »Geist« im herkömmlichen Sinne auftritt, d.h. obwohl die Protagonisten nichts sehen usw., kann auch der Leser nachempfinden, dass sie sich bedroht fühlen.

Wie üblich werden die Gemütszustände der Protagonisten in allen Storys sehr ausführlich beschrieben, und genau dadurch entsteht die eigentliche Faszination, nicht so sehr durch das, was die Menschen wahrzunehmen glauben. Bei Blackwood entsteht der Grusel nicht durch platte Schockeffekte oder reale Ungeheuer. Er geht subtiler vor, macht Andeutungen, baut nur ganz allmählich Spannung auf. Die Protagonisten fühlen zunächst nur, dass irgend etwas nicht stimmt, dass da etwas undefinierbares ist, ein unbekanntes Etwas, eine übelwollende Macht, die um so unheimlicher ist, als man nicht weiß, womit man es überhaupt zu tun hat. In »The Towers« hat sich früher nicht einmal ein Mord oder eine ähnlich schreckliche Tat ereignet (eine in Gruselgeschichten ansonsten gern verwendete Idee), stattdessen konzentriert sich dort nur die Intoleranz der früheren Bewohner. So faszinierend das alles auch sein mag - auf die Dauer wird es langweilig. Und so ist man direkt erleichtert, dass die übrigen Geschichten viel kürzer, aber auch prägnanter sind. Auch bei ihnen gilt: Alles könnte sich auch komplett im Geist der Hauptfiguren abspielen. Einzige Ausnahme ist vielleicht die letzte Story, denn hier gibt es mindestens zwei Augenzeugen.

In seinem kurzen, aber lesenswerten Nachwort »Algernon Blackwood - Geisterseher und Weltbummler« liefert Kalju Kirde eine Biografie des Autors und einige Erläuterungen zu Blackwoods Werk.

25.05.2010

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Götz R. Richter: Msuri im Land der Antilope
Der Kinderbuchverlag Berlin, 1979
207 Seiten, gebunden

Seit der Vertreibung der Krallenmänner und der Vernichtung der Bestien herrscht Friede in der Savanne. Die Menschen bauen ihre Dörfer wieder auf, das Leben geht bald wieder seinen geregelten Gang. Msuri und sein Freund Chege leben im selben Dorf. Beide haben Frau und Kinder. Doch Msuri kommt nicht zur Ruhe. Er befürchtet einen neuen Angriff der grausamen Feinde aus dem Land jenseits der Berge, das der Legende nach von einer großen Antilope regiert wird. Deshalb wird beschlossen, dass ein kleiner Kriegertrupp dorthin vorstoßen und das Muttertier der Bestien töten soll. Damit soll die Bedrohung ein für alle Mal beseitigt werden. Msuri, Chege und sieben weitere Männer machen sich auf den Weg, doch die Reise droht schon bei der Überquerung des schneebedeckten Gebirges zu scheitern. Msuri, der die Sprache der Tiere versteht, ruft seine alten Freunde zu Hilfe: Den Elefantenbullen Njogu, den Schreiadler Kidogo und das Madenhackermädchen Ani. Gemeinsam bezwingen sie die Berggipfel und steigen in ein fremdes Land hinab.

Dort ist zunächst nichts von Bestien und Krallenmännern zu sehen. Ihre Existenz scheint ein Geheimnis zu sein, man spricht nicht von ihnen. Stattdessen begegnen die Männer einem weiteren Gefährten: Mkali, ein ehemaliger Büffelledermann, der von Msuri befreit wurde, ist der Gruppe heimlich gefolgt. Sie werden freundlich von einem Mann aufgenommen, der sich aus ihrer Freundschaft Vorteile verspricht. Sie sollen seine beiden Töchter zu einem Jahresfest begleiten. Im Land der Antilope drohen Gefahren, mit denen die Männer nicht gerechnet haben. Alle Menschen in diesem Land werden von der Gier nach Muschelgeld angetrieben, und es gibt dort nicht nur Arme und Reiche, sondern auch Sklaven, die eigens für diverse Frondienste gezüchtet werden. Nur zu bald erliegen manche Gefährten Msuris dem Reiz des Wohllebens und dem Zauber der schönen Muscheln. Aber es gibt auch Widerstand: Ausgerechnet in den Kalkbrennern, den Ärmsten der Armen, findet Msuri wertvolle Freunde.

Dieses Buch ist die Fortsetzung des Kurzromans »Msuri«, der mir 1977 oder 1978, als ich zehn oder elf Jahre alt war, von Verwandten aus der ehemaligen DDR geschenkt worden ist. Ich war damals fasziniert von der phantastischen, abenteuerlichen Geschichte mit sprechenden Tieren, elefantengroßen Monsterhyänen, grausigen Krallenmännern und dergleichen. Ich hatte keine Ahnung, dass es eine Fortsetzung gibt, obwohl ich damals schon nicht zufrieden mit dem Ende der Geschichte war. Schließlich wird Msuris Schwester zu Beginn des Romans entführt und man erfährt nichts über ihr weiteres Schicksal. Aber im Zeitalter des Internet war es kein Problem, nicht nur den Titel der Fortsetzung zu erfahren, sondern diese auch zu erwerben.

Tja, und während ich »Msuri« auch bei wiederholter Lektüre (2006) durchaus noch goutieren konnte, so ist das mit der Fortsetzung ein bisschen anders. Natürlich wird die Geschichte durchaus gut erzählt, und Richter verwendet wieder eine interessante, irgendwie archaisch wirkende Sprache, die gut zum Schauplatz passt. Aber diesmal springt einem der sozialistische Missionierungseifer derart ungeschminkt entgegen, dass man es kaum ertragen kann. Im Westen, hinter der schützenden Mauer… pardon: hinter dem hohen Gebirge… liegt ein von gewissenlosen Kapitalisten bewohntes Land, in dem alle behaupten, frei zu sein, in Wahrheit aber vom schnöden Mammon geknechtet werden. Ein Land, dessen Bewohner durch dekadente Spiele und andere Annehmlichkeiten ruhiggestellt werden, während sie in ihrer Gier nach sinnlosen Vergnügungen, Geld und ständigem Wachstum nicht nur sich selbst, sondern auch die Natur zugrunde richten. Dort arbeiten Wissenschaftler an der Züchtung willenloser Zombie-Sklaven, die demnächst zur endgültigen Eroberung der wahrhaft freien Lande im Osten über das Gebirge getrieben werden sollen…

Wäre das Buch erst heute erschienen, könnte man das ja als gesellschaftskritisch bezeichnen. Beachtet man aber Erscheinungsdatum und -ort, und stellt man den politischen Lebensweg Richters in Rechnung, dann weiß man, was man wirklich davon zu halten hat.

17.05.2010

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