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Auf dieser Seite findet ihr nur meine aktuelle Lektüre. Ältere Bücher archiviere ich von Zeit zu Zeit hier. Im Archiv findet ihr eine alphabetisch sortierte Übersicht aller Bücher.

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Sting: Die Songs
S. Fischer Verlag, 2010
479 Seiten, gebunden

Dieses schön aufgemachte Buch enthält alle Songtexte, die Matthew Gordon Sumner alias Sting für »The Police« und seine Solo-Alben verfasst hat. In Kommentaren zu den Alben und zu einigen Songs lässt Sting und wissen, wie, wo und warum die Werke entstanden sind, was er mit den Texten sagen wollte und welche Bedeutung sie für ihn persönlich haben. Hinzu kommen ein paar wenige Fotos. Für Fans ist das Buch natürlich unverzichtbar, denn so muss man nicht mehr in der Plattensammlung nach einzelnen Texten suchen, sondern hat alle gebündelt in einem Buch. Nicht-Fans werden allenfalls die deutschen Übersetzungen der Songtexte interessant finden.

Das nämlich ist der Clou dieses Buches, oder besser: Das hätte er sein sollen. Manfred Allie, der u.a. schon Stings Autobiografie »Broken Music« übersetzt hat, bemüht sich redlich, Stings englische Texte in die deutsche Sprache zu übertragen. Wohl gemerkt: Übertragen, nicht übersetzen, denn die Texte werden nicht wörtlich übersetzt. Allie hat nicht versucht, den Textsinn genau wiederzugeben, stattdessen wollte er offenbar Reime und Versmaß der Songs bewahren und hat deshalb sinnentstellende Formulierungen in Kauf genommen. Das hätte man ja noch akzeptieren können, aber manche Stellen klingen doch sehr gezwungen und manchmal sogar unfreiwillig komisch. Reim dich oder ich fress‘ dich, könnte man sagen. Es wäre mir lieber gewesen, der Übersetzer hätte auf die Reimform verzichtet und den Sinn der Texte so belassen, wie er von Sting vorgesehen war. Lustig: Französischer Text (kommt in einzelnen Songs vor, z.B. »Hungry for you«) wurde nicht übersetzt.

Stings Kommentare liegen übrigens nur in deutscher Übersetzung vor, nicht im englischen Original.

02.09.2010

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Greg Bear: Stimmen
Heyne, 2007
382 Seiten

Der ehemalige Regisseur, Fotograf und Schriftsteller Peter Russell glaubt, er habe die Hölle hinter sich. Seine Tochter Daniella ist das Opfer eines Ritualmords geworden. Er ist danach in die Alkoholsucht abgestürzt, seine Ehe ist gescheitert. Inzwischen ist er wieder trocken, hat den Tod Daniellas aber noch immer nicht verwunden, zumal der Fall nie geklärt wurde. Kurz nach dem Tod seines besten Freundes Philip ergibt sich für Peter die Gelegenheit, wieder kreativ tätig zu werden. Er wurde schon vor längerer Zeit von dem millionenschweren Filmproduzenten Joseph Benoliel als Mädchen für alles eingestellt und ist mit der Zeit zu Benoliels Vertrautem und Freund geworden. Bei ihm begegnet er einem gewissen Stanley Weinstein, der einen Investor für ein Projekt sucht, das er als Revolution in der Telekommunikation bezeichnet. Das neue System trägt den Namen TRANS und ermöglicht Telefonverbindungen in exzellenter Qualität von jedem beliebigen Punkt der Erde aus zu jedem anderen Ort, völlig unabhängig von allen Funknetzen.

Als es Peter mit der Hilfe von Benoliels junger Frau Michelle gelingt, den alten Multimillionär zu der Investition zu bewegen, zahlt Weinstein eine saftige Prämie und engagiert Peter für die Werbekampagne. Er schenkt ihm einige TRANS-Geräte, die er an seine Freunde und Verwandten verteilen soll. Bei einem Besuch in der TRANS-Zentrale erfährt Peter, dass das System auf eine Dimension »unterhalb« der materiellen Welt zugreift, die eine möglicherweise unbegrenzte Bandbreite bietet. Die schick designten kleinen Apparate funktionieren einwandfrei, Doch die Nutzung hat ungeahnte Nebenwirkungen. Peter und andere Nutzer von TRANS haben immer öfter Visionen von Menschen, die sich an völlig anderen Orten aufhalten - oder bereits gestorben sind. Die Geister der Toten scheinen von schattenhaften Wesen verfolgt zu werden, die sie verschlingen wollen.

Eines Tages wird Peter von Daniellas Geist heimgesucht. Obwohl die Erscheinung nur halb materiell ist, kann sie mit Peter sprechen und ihn berühren. Er begreift, dass die Toten aus bestimmten Gründen zurückkehren, und er beginnt zu ahnen, worum es sich in Daniellas Fall handeln könnte…

Man sollte sich nicht vom Klappentext in die Irre führen lassen. Dies ist kein Wissenschafts- oder Verschwörungsthriller, und die Verweise auf Michael Crichton, Douglas Preston sowie Lee Child sind völlig daneben. Vielmehr könnte man den Roman als typische Geistergeschichte bezeichnen. Die zurückkehrenden Geister der Toten wollen sich zwar nicht rächen, aber sie bedienen einen anderen Topos des Gruselroman-Genres, indem sie - wie z.B. in Daniellas Fall - die Umstände ihrer Ermordung ans Licht bringen wollen. Sie kehren an den entsprechenden Ort zurück und werden nicht zuletzt durch ihre Hinterbliebenen, die sie nicht »loslassen« können, im Diesseits gehalten. Das klingt bekannt, nicht wahr? Durch das TRANS-Netz wird dem Ganzen zwar ein pseudowissenschaftlicher Hintergrund verliehen, aber nicht diese merkwürdige Technik steht im Mittelpunkt, sondern das komplizierte Seelenleben Peters. Die Bezeichnung »Thriller« ist bei dem eher gemächlichen Spannungsaufbau unpassend. Action, Morde und dergleichen gibt es nicht - und eine »Verschwörung« schon gar nicht. Es agieren keine verrückten Wissenschaftler, die die Welt verändern wollen, sondern einfach nur ein paar Leute, die aus Profitgier mit etwas herumspielen, das sie nicht verstehen.

Der Roman beginnt, vielleicht etwas langatmig, wie eine Gesellschaftsstudie. Viel Zeit wird auf die Schauplatz- und Figurenexposition verwendet. Diese Phase erfüllt ihren Zweck sehr gut und ist, wie sich am Ende herausstellt, unverzichtbar für die Auflösung. Peters Charakter und Vergangenheit werden nach und nach eindringlich verdeutlicht. Er hat zwar eine bewegte Vergangenheit, ist aber im Grunde ein Durchschnittsmensch, jedenfalls kein Held oder Geisterjäger. Man versteht seine Ängste, Sorgen und Zweifel, nimmt Anteil an seinem Leid und ist schließlich wie er bereit, an die Existenz des Übernatürlichen zu glauben. Bear zieht dann einige Register klassischer Gruselromane. Der Transponder des neuen Kommunikationsnetzwerks steht ausgerechnet im Hinrichtungstrakt eines Gefängnisses, es treten gleich zwei Medien auf, die Kontakt zur Geisterwelt haben, das Benoliel-Anwesen hat eine äußerst makabre Vergangenheit und das eigentliche Böse lauert dort, wo man es am wenigsten erwartet. Man fühlt sich ab und zu ein wenig an den Film »The sixth Sense« erinnert, vor allem am Ende, wenn… aber ich will nicht zu viel verraten. Nur soviel: Alle Fragen werden wenn schon nicht wirklich plausibel, so doch in sich schlüssig beantwortet. Bewegendes Charakterdrama? Auf jeden Fall. Unheimlicher Gruselroman? Zum Teil durchaus. Spannender Wissenschaftsthriller? Eindeutig nein.

30.08.2010

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Jens Lossau / Jens Schumacher: Der Elbenschlächter
Egmont / Lyx, 2010
216 Seiten

In Nophelet, der Hauptstadt des Landes Sdoom, sorgt die Stadtwache mehr schlecht als recht für Ordnung. Da ein Zehntel aller Lebewesen versiert ist und somit Magie (sprich: Thaumaturgie) anwenden kann, sind die Ordnungshüter nicht selten überfordert, wenn etwas nicht mit rechten Dingen zugeht. Oft handelt es sich nur um Unglücksfälle infolge der unkontrollierten Freisetzung thaumaturgischer Energie durch junge Versierte, deren Begabung nicht rechtzeitig entdeckt und geschult wurde. Doch manchmal wird bei einem Verbrechen verbotene Thaumaturgie eingesetzt. Dann kommen die Spezialisten des Instituts für angewandte investigative Thaumaturgie (IAIT) ins Spiel. Die in der Regel selbst versierten und mit besonderen Vollmachten ausgestatteten IAIT-Agenten ermitteln unabhängig von der regulären Ordnungsmacht und stehen stets in Konkurrenz mit dem Oberhaupt der Stadtwache, dem ebenso unfähigen wie eitlen General Glaxiko.

Meister Hippolit, promovierter Thaumaturg der 9. Stufe und ausgebildeter Lichtadept, ist einer der besten Agenten des IAIT und möglicherweise der fähigste Ermittler in ganz Sdoom. Im Alter von 107 Jahren ist er allerdings ein körperliches Wrack. Ein kompliziertes Ritual, die »Korporale Subtraktion«, soll ihm zu neuer jugendlicher Kraft verhelfen, doch etwas geht schief. Hippolit wird tatsächlich verjüngt, ist seitdem aber im Leib eines etwa vierzehnjährigen Albinos gefangen. Seinen überlegenen thaumaturgischen und detektivischen Fähigkeiten tut das zwar keinen Abbruch, aber der Respekt, den er sich in siebzig Dienstjahren bei den Bewohnern Nophelets verdient hat, ist dahin. Da niemand den schmächtigen Knaben kennt oder ernst nimmt, braucht er einen Partner - und wer wäre besser als Mann fürs Grobe geeignet als ein Troll? So tritt Jorge in Hippolits Dienste, ein zwar verfressener, trunksüchtiger und anderen Genüssen nicht abgeneigter, aber mit schlagkräftigen Argumenten und einem wachen Verstand gesegneter Muskelberg. Schon nach kurzer Zeit werden Meister Hippolit und Jorge nicht nur zu einem eingespielten Team, sondern auch zu guten Freunden.

Das IAIT wird eingeschaltet, als im zwielichtigen Viertel »Foggats Pfuhl« innerhalb kurzer Zeit fünf elbische Prostituierte ermordet werden. Normalerweise würde sich niemand für den Tod der Lustknaben interessieren, denn das einst stolze Elbenvolk führt nur noch ein Schattendasein und hat keine Fürsprecher. Doch die Leichen sind völlig blutleer, so dass der Verdacht sofort auf die Vampyre fällt - und denen ist es seit noch nicht allzu lange zurückliegenden blutigen Unruhen unter Androhung schrecklicher Strafen verboten, menschliches (oder elbisches) Blut zu konsumieren. Das IAIT muss unter Zeitdruck arbeiten, weil sich jederzeit weitere Morde ereignen können, vor allem aber, weil sich die aufgeheizte Stimmung der Bevölkerung Nophelets in neuen Massakern zu entladen droht. Hippolit und Jorge werden auf den Fall angesetzt. Hippolit stellt schon bald fest, dass nur ein hochrangiger Thaumaturg als Mörder in Betracht kommt, und Jorge erfährt, dass möglicherweise ein Mitglied des Königshauses in die Sache verwickelt ist. Zu allem Überfluss pfuscht auch noch General Glaxiko den beiden Ermittlern ins Handwerk…

Lieber Leser! Verschwende deine Zeit nicht mit dem folgenden Text. Geh lieber in den nächsten Buchladen und kauf diesen Roman!

Wie, du bist immer noch da? Na dann…

Jens Lossau und Jens Schumacher schreiben seit vielen Jahren Storys und Romane, die man dem Genre der Phantastik zurechnen kann, aber »Der Elbenschlächter« ist ihr erster Fantasy-Roman. Von 2002 bis 2007 haben sie vier Romane mit dem Ermittlerduo Frank Passfeller und Tillmann Grosch veröffentlicht. Passfeller und Grosch sind Beamte der BKA-Sonderkommission 66 und werden immer dann hinzugezogen, wenn irgendwo in Deutschland Delikte mit okkultem Hintergrund oder unerklärlichen Begleiterscheinungen bekannt werden. Am Ende stellt sich immer heraus, dass die Kriminalfälle keineswegs übernatürlich, sondern ganz logisch zu erklären sind. Passfeller ist ein Kopfmensch, bleibt in den Romanen aber meist blass. Grosch ist ein fetter Vielfraß mit merkwürdigen Gewohnheiten. Das größte Manko all dieser Romane besteht darin, dass Passfeller und Grosch eigentlich gar nichts zur Lösung der Fälle beitragen, und dass darüber hinaus nicht erkennbar ist, wodurch sie sich für die Arbeit in der SK 66 qualifizieren. Ich hatte immer den Eindruck, dass Lossau und Schumacher einfach ein möglichst skurriles Kumpelpärchen erschaffen wollten, wobei aber die Glaubwürdigkeit auf der Strecke blieb. Zudem ist die Auflösung ihrer Fälle selten überzeugend.

Die Lösung für all diese Probleme: Man verlagere das Geschehen in eine Fantasywelt, in der zunächst einmal sowieso alles möglich ist und bei der man als Leser gern jede noch so verrückte Erklärung akzeptiert. Dann verwandle man die beiden Kommissare in einen Magier bzw. einen Troll - was ihrem Charakter genau entspricht! Diesen Kunstgriff kann man nur als genial bezeichnen. Plötzlich ergeben Groschs (Pardon: Jorges) absonderliche Vorlieben einen Sinn, denn von Trollen erwartet man ja nun einmal nichts anderes, als dass sie sich lieber mit gebratenen Krügerschweinen und dergleichen vollstopfen, als Dienstvorschriften zu büffeln. Glücklicherweise belassen es die Autoren aber nicht dabei. Jorge ist nicht einfach nur dummstark. Er beteiligt sich auf seine Weise durchaus an der Lösung des Falles, wenn die Hauptarbeit auch bei Meister Hippolit verbleibt. Wie eine Mischung aus Sherlock Holmes und den heute so beliebten CSI-Forensikern setzt er seine Kombinationsgabe, aber vor allem seine magischen Fähigkeiten ein, um dem Elbenschlächter auf die Spur zu kommen. Im Gegensatz zu Passfeller und Grosch werden Hippolit und Jorge sinnvoll eingesetzt, sie sind nicht nur witziges Beiwerk, sondern werden wirklich gebraucht. Trotz ihrer Gegensätzlichkeit passen sie perfekt zusammen und wachsen dem Leser sofort ans Herz.

Die Schwächen früherer Romane sind ausgeräumt, ihre Stärken bleiben erhalten. Der Roman sprüht nur so vor skurrilen Charakteren, teils recht schwarzem Humor, verblüffenden Ideen, verdrehten Situationen und köstlichen Formulierungen. Wie man es von Lossau/Schumacher nicht anders kennt, sind sie bei der Gewaltdarstellung nicht zimperlich. Das passt aber stets zum Kontext und wirkt nicht selbstzweckhaft. Die Autoren schrecken zwar vor Zoten und Kalauern nicht zurück, aber ich würde sagen, dass die Komik doch auf intelligentere Weise erzielt wird als in ihren älteren Romanen. Dass sich Hippolit und Jorge in Wahrheit mitten in der Geschichte von Jack the Ripper befinden, tut der Originalität keinen Abbruch. Der Kriminalfall wird trotzdem interessant ausgearbeitet und der Leser wird auf ein paar falsche Fährten geführt, so dass neben den Charakteren auch die Story überzeugen kann. Wenn ich auch zugeben muss, dass die Auflösung ab einem bestimmten Zeitpunkt vorhersehbar ist. Übrigens muss man natürlich keinen einzigen Passfeller/Grosch-Roman gelesen haben, um »Der Elbenschlächter« genießen zu können.

Für die von Lossau und Schumacher neu erschaffene detailreiche Fantasywelt gilt das natürlich ebenfalls! Hier hat man es nicht mit edlen Magiern und ehrenwerten Helden zu tun, die sich durch klinisch reine Kulissen bewegen. Nein, Nophelet ist dreckig und stinkt, die Ärmsten der Armen (gettoisierte Vampyre und heruntergekommene Elben) werden unterdrückt und vegetieren unter erbärmlichen Verhältnissen dahin, während die Reichen auf ihre Kosten in Saus und Braus leben. Kriminalität, Korruption, Prostitution, Drogenproblematik usw. - all das klingt an, wird aber nicht übertrieben eingesetzt. Zwar fühlt man sich ein bisschen an Ankh-Morpork (aus Terry Pratchetts »Discworld«) oder an Sapkowskis »Hexer«-Romane erinnert, vielleicht klingen auch Ideen aus Max Freis »Echo-Labyrinth« an. Aber sollten Lossau und Schumacher geklaut haben (sagen wir lieber: Sie haben sich inspirieren lassen), dann ist das Ergebnis doch eigenständig genug. Dass so manches Fantasy-Klischee bei Lossau und Schumacher gehörig gegen den Strich gebürstet wird, trägt nicht unerheblich zum Lesevergnügen bei.

»Der Elbenschlächter« ist bunte Fantasy und spannender Krimi zugleich. Herrlich! Bei Batardos!

23.08.2010

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Andrzej Sapkowski: Der Schwalbenturm
dtv, 2010
543 Seiten

Emhyr var Emreis, Kaiser von Nilfgaard, wird demnächst Cirilla von Cintra heiraten. So lautet jedenfalls die offizielle Version. In Wahrheit ist die angehende Braut irgendeine Unbekannte, die als Thronerbin Cintras ausgegeben wird. Als die echte Ciri von den Hochzeitsplänen erfährt, verlässt sie die Rattenbande, um ihre Ansprüche geltend zu machen. Sie fällt jedoch dem sadistischen Kopfjäger Leo Bonhart in die Hände, der all ihre ehemaligen Gefährten niedermetzelt und Ciri im Schwertkampf besiegt. Er tötet sie nicht, denn er erkennt, dass sie etwas Besonderes sein muss. Er bringt sie nach Claremont und zwingt sie zu Arenakämpfen auf Leben und Tod. Später will er sie dem abtrünnigen nilfgaarder Geheimagenten Stefan Skellen ausliefern. In dessen Gefolge befindet sich eine Empathin, die in Ciris Gedanken einzudringen versucht und damit unabsichtlich die verschütteten magischen Kräfte des jungen Mädchens weckt. Ciri kann fliehen, wird aber von Skellen schwer verwundet. Sie findet Zuflucht bei dem alten Gelehrten Vysogota, der als Einsiedler in den Sümpfen von Pereplut lebt. Er pflegt sie gesund, doch sie behält eine entstellende Narbe im Gesicht zurück. Während ihrer Genesung erzählt sie ihm ihre Lebensgeschichte. Sie erfährt, dass es im Schwalbenturm am Ufer des Sees Tarn Mira einen Teleport gibt, durch den sie auf die Insel Thanedd gelangen könnte. Dort wäre sie vor all ihren Verfolgern sicher. Unterwegs dorthin muss sie sich erneut Skellen und Bonhart stellen, die die Jagd auf sie noch nicht aufgegeben haben. Ciri hat nichts dagegen, denn sie will Rache…

Geralt und seine Gefährten sind derweil immer noch auf der Suche nach Ciri. Immer wieder werden sie in den Krieg zwischen Nilfgaard und den nördlichen Königreichen hineingezogen und müssen sich gegen Wegelagerer zur Wehr setzen, die erstaunlich genau über ihre Absichten informiert sind - so genau, dass Geralt einen seiner Gefährten des Verrats verdächtigt. In der jungen Cintrierin Angouleme, die er vor dem Schafott bewahrt, findet Geralt eine neue Gefährtin. Mit ihrer Hilfe kann er sich seiner Feinde zwar erfolgreich entledigen, verliert dabei aber sein Hexer-Medaillon. Schließlich begegnet er dem Elfen Avallac’h und erfährt von ihm mehr über Itlinnes Prophezeiung und Ciris vorhergesagtes Schicksal. Dem zufolge ist Ciri ein Abkömmling der Elfin Lara Dorren, deren Nachkommenschaft über Jahrhunderte hinweg Gegenstand eines Zuchtprogramms der Elfen war, dann aber sich selbst überlassen worden ist. In Ciri schlummert das Ältere Blut, und sie wird beim nahenden Tedd Deireath, dem Ende der Welt, eine wichtige Rolle zu spielen haben.

Auch Yennefer versucht verzweifelt, zu Ciri zu gelangen. Sie ist Philippa Eilhart und der Loge der Zauberinnen entkommen und zu den Skellige-Inseln geflohen. Dort versichert sie sich der Hilfe des Königs Crach an Craite, der Ciri zur Treue verpflichtet ist. Yennefer muss verhindern, dass Ciri dem mächtigen Magier Vilgefortz von Roggeveen in die Hände fällt, der sich das Ältere Blut zu Nutze machen will, um unbegrenzte Macht zu gewinnen. Sie begreift, dass sie sich selbst opfern muss, um Vilgefortz von Ciri abzulenken. Sie ahnt nicht, dass sie genau damit seine Pläne erfüllt…

Dies ist der vierte Roman der Hexer-Reihe, zu der auch zwei Kurzgeschichtenbände gehören. Meine Reviews (siehe Archiv) setze ich als bekannt voraus. Wer noch keines dieser Bücher gelesen hat, sollte nicht erst mit »Der Schwalbenturm« anfangen, denn die Romane der Hexer-Reihe können nicht isoliert voneinander gelesen werden. Sie bilden eine einzige, zusammengehörende Geschichte. Mit Band 4 werden die Geschehnisse des vorherigen Romans unmittelbar fortgesetzt. Solltet ihr in die Hexer-Saga einsteigen wollen, dann müsst ihr mit »Der letzte Wunsch« beginnen.

Doch selbst wenn man alle Kurzgeschichten und Romane gelesen hat, ist es gar nicht so leicht, der komplexen Handlung zu folgen. Sapkowski teilt die Story nicht nur, wie man nach obiger Kurzzusammenfassung meinen könnte, in drei Hauptebenen auf, sondern flicht unzählige Nebenhandlungen, Abweichungen, Ergänzungen, ineinander verschachtelte Rückblicke und sogar zwei Ausblicke auf die Zukunft ein. Der Roman wird somit aus vielen verschiedenen Blickwinkeln erzählt - und dabei steht Geralt gar nicht mal im Mittelpunkt. Hauptperson ist eigentlich Ciri. Das finde ich schade, denn sie ist zwar ebenfalls eine faszinierende Persönlichkeit, aber sie kann Geralt doch nicht das Wasser reichen. Ich hätte lieber mehr über ihn und die bunt gemischte Gruppe seiner Gefährten gelesen, die immer wieder für amüsante Konstellationen gut sind. Geralt erreicht denn auch nicht viel in diesem Roman. Seine Gruppe wächst zwar um ein weiteres interessantes Mitglied an (Angouleme), aber er kommt seinem Ziel nicht wirklich näher.

Neben den handfesten Abenteuern, die Geralt, Ciri und Yennefer erleben, wird uns wieder ein gerüttelt Maß an »weltpolitischen Ereignissen« um die Ohren geworfen, dass die Namen, Ortsbezeichnungen und Daten nur so durcheinander schwirren. Man muss schon genau aufpassen, um bei den ganzen Intrigenspielen, Spionage- und Gegenspionage-Aktionen, Feldzügen, Bündnissen usw. noch mitzukommen. Mehr und mehr ist abzusehen, dass die Hexer-Saga kein glückliches Ende nehmen wird. Ciri muss ja jetzt schon Dinge erdulden, an denen gestandene Männer zerbrechen würden - was wird dadurch wohl bei ihr angerichtet? Immerhin schafft sie es am Ende gerade noch so eben, sich aus ihrem Rachewahn zu lösen. Yennefer fällt Vilgefortz in die Hände und sieht einem ungewissen Schicksal voller Qualen entgegen. Geralt erkennt, dass er eigentlich kein Hexer mehr ist. Und überall mehren sich die Anzeichen dafür, dass die Prophezeiung vom Ende der Welt sich bald erfüllen wird. Im nächsten Roman, der den Abschluss der Hexer-Saga bildet, wird es also entweder ein ziemlich tragisches Ende geben - oder eine überraschende Wendung zum Guten, die ich mir momentan noch nicht vorstellen kann…

Sapkowskis Formulierkunst, sein Wortwitz, die pfiffigen Dialoge und vielen Anspielungen (Sapkowski bedient sich gern bei allen möglichen alten Sagen und modernen Mythen) machen auch diesen Roman wieder zu einem einzigen Lesegenuss. Bei ihm agieren keine austauschbaren Klischeebilder, sondern authentische Personen, bei denen eine klare Einteilung in Gut und Böse meist nicht möglich ist. Die Charakterzeichnung gelingt dem Autor ohne langes Geschwafel, wobei er natürlich von der Tatsache profitieren kann, dass der Leser die Hauptfiguren schon sehr gut kennt. Obwohl Fabelwesen, Magie und dergleichen darin vorkommen, ist das Hexer-Universum doch ungemein realistisch, was durch die explizite, aber nicht beschönigend oder verherrlichend wirkende Gewaltdarstellung noch unterstrichen wird. Sapkowskis Fantasy ist originell, lebendig, rasant, humorvoll, verzwickt, manchmal poetisch und immer ungemein fesselnd. Ich kann nicht genug davon kriegen!

16.08.2010

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Ulrich Magin: Der Fisch
Aufbau-Verlag, 2008
378 Seiten

Carl Ghuimin ist Limnologe am Institut zur Erforschung des Bodensees. Seine Aufgabe besteht darin, die stetige Erwärmung des Gewässers zu analysieren, außerdem hat er es sich zum Ziel gesetzt, Belege für vorzeitliche Tsunamis im See zu finden. Bei seiner Arbeit stößt er auf Lebewesen, die es im Bodensee eigentlich gar nicht geben dürfte. Zur selben Zeit häufen sich in der Region die Meldungen über riesige Fische. Als mehrere Menschen spurlos im See verschwinden, und als ein Ausflugsschiff scheinbar von einem Riesenfisch angegriffen wird, steht für Anwohner und Touristen fest: Es muss ein Ungeheuer im See leben! Rebekka Butsch, als Reporterin bei einer Lokalzeitung beschäftigt, beginnt zu recherchieren. Dabei begegnet sie Carl. Die beiden verlieben sich ineinander und versuchen nun gemeinsam, dem Geheimnis des Riesenfischs auf den Grund zu gehen.

Sie ahnen nicht, dass sie dadurch dem Militär ins Handwerk pfuschen. Die Bundeswehr nutzt das Institut schon seit geraumer Zeit zur Beobachtung der Vorgänge im Bodensee. Man hat Mikrobeben gemessen, die darauf hindeuten, dass dort unterseeische Bauarbeiten stattfinden. Außerdem werden neuerdings alle im See installierten Beobachtungskameras zerstört. Ist eine feindliche Macht dabei, unterirdische Tunnelsysteme zu konstruieren? Oder versucht jemand, den See zu vergrößern? Aber welchen Sinn sollte das haben? Das sind die Fragen, die sich dem verantwortlichen General Bilderberger stellen. In Carl findet er schon bald nicht nur einen geeigneten Sündenbock, um das Interesse der Öffentlichkeit abzulenken, sondern auch ein unfreiwilliges Versuchskaninchen für Erkundungsfahrten, die für seine Soldaten zu gefährlich wären…

Dieser Roman bewegt sich hart an der Grenze zur Ungenießbarkeit. Das fängt schon damit an, dass die Handlung wahllos hin und her springt: Ständig werden kurze Abschnitte mit irgendwelchen Personen eingebaut, die aus dem Nichts kommen und sofort entweder von den »Boddys« (den Bodensee-Monstern) gefressen werden oder ihnen knapp entrinnen, woraufhin sie keine Rolle mehr spielen. Noch öfter werden Kapitel mit angeblich realen Monster-Sichtungen aus vergangenen Jahrhunderten und anderen historischen Belegen für ungewöhnliche Vorkommnisse am und im Bodensee eingeschoben. Diese Einschübe sollen der ins Reich der Phantastik gehörenden Story wohl einen Hauch von Realismus verleihen, aber der Autor wirft einfach alles Mögliche in einen Topf, ohne irgendetwas zu hinterfragen. Die Einschübe sorgen zusammen mit den anderen wilden Handlungssprüngen nur dafür, dass jegliche Spannung (falls etwas ähnliches je aufkeimt) sofort wieder zerstört wird. Das Ergebnis ist ein wirres, zerfahrenes Konglomerat nicht zusammenpassender Elemente. Man hätte die historischen Belege lieber aus dem Roman herausnehmen und als Anhang beifügen sollen.

Darüber hinaus ist die ganze Schreibe derart unbeholfen und holprig, dass es oft wirklich weh tut. Die Hauptpersonen werden sehr stiefmütterlich behandelt. Sie bleiben platt und blass, reagieren unmotiviert, und wenn sie sterben oder zumindest in Gefahr geraten, lässt das den Leser weitgehend kalt. Den Gipfel der Peinlichkeit bildet erwartungsgemäß die unglaublich bemüht wirkende Liebesgeschichte, aber auch die Machenschaften der Bundeswehr stoßen übel auf. Mit Realismus hat das, was General Bilderberger & Co. da treiben, jedenfalls nicht das allergeringste zu tun. Das ist Trivialliteratur-Niveau der schlimmsten Sorte. Die Grundidee - gefährliche Veränderungen in einem Ökosystem aufgrund des Eingreifens der Menschen - wäre zwar, wenn schon nicht neu, so doch wenigstens nicht uninteressant, aber das Ergebnis ist banal und langweilig.

09.08.2010

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John Ajvide Lindqvist: So finster die Nacht
Bastei Lübbe, 2007
639 Seiten

Der zwölfjährige Oskar lebt mit seiner alleinerziehenden Mutter in Blackeberg, einem Vorort von Stockholm. Sein Vater, den Oskar nur selten besuchen darf, hat ein Alkoholproblem und lebt auf dem Land. Oskar wird von einigen Schulkameraden systematisch gedemütigt und gequält, hat sich längst mit der Rolle des Außenseiters abgefunden, kann mit niemandem über seine Probleme sprechen und denkt nicht mehr an Gegenwehr. Nur in seiner Phantasie nimmt er schreckliche Rache an seinen Peinigern. Er sammelt Zeitungsausschnitte, in denen über Morde und Gewalttaten berichtet wird und verbringt seine Freizeit ansonsten mit Tagträumen, Fernsehen und kleinen Ladendiebstählen.

Im Oktober 1981 ziehen neue Mieter in die benachbarte Wohnung. Dort bleiben die Fenster immer verhängt, es gibt kein Namensschild an der Tür und niemand weiß, wer die Mieter eigentlich sind. Eines Abends spielt Oskar nach Einbruch der Dunkelheit noch draußen und begegnet dabei einem Mädchen in seinem Alter. Sie nennt sich Eli und stellt sich als seine Nachbarin vor. Oskar ist fasziniert von Eli, obwohl (oder weil) sie sich etwas seltsam verhält. Eli scheint nicht zur Schule zu gehen und zeigt sich niemals am Tag. Die beiden freunden sich allmählich an, und durch Eli gewinnt Oskar mit der Zeit den Mut, sich gegen die endlose Schikane in der Schule aufzulehnen. Doch damit stachelt er den Hass seiner Feinde erst recht an.

In dieser Zeit sorgen grausame Ritualmorde in der Umgebung Stockholms für Aufsehen. Der Täter schlachtet seine Opfer regelrecht und hängt sie an den Füßen auf, damit sie ausbluten - aber an den Tatorten ist keine Spur von Blut zu finden. Oskar ahnt nicht, dass der Täter, ein ehemaliger Lehrer namens Hakan Bengtsson, Tür an Tür mit ihm lebt. Hakan ist nicht etwa Elis Vater, tatsächlich ist er wesentlich jünger als das vermeintliche Mädchen. Eli ist ein über 200 Jahre alter Vampir, der sich nach einer langen Ruhephase noch nicht selbst versorgen kann und einen Beschützer braucht. Hakan ist pädophil und begehrt seinen Schützling ebenso sehr, wie er die Taten verabscheut, die er begehen muss, um Elis Leben zu erhalten. Eines Tages schlägt ein weiterer Mordversuch Hakans fehl. Er wird festgenommen, doch zuvor gelingt es ihm noch, sich selbst mit Säure so zu entstellen, dass seine Identität zunächst nicht bekannt wird. Eli ist somit auf sich selbst angewiesen. Schließlich klärt sie Oskar, ihren einzigen Freund, über die Wahrheit auf…

Ich kann unmöglich weitere Details der Handlung preisgeben, ohne zuviel zu verraten und euch den Spaß an diesem Buch zu rauben. Dass Eli ein Vampir ist, ist kein so großes Geheimnis; es wird im Roman schon früh enthüllt. »So finster die Nacht« ist jedoch kein »klassischer« Vampir- oder Horror-Roman. Schließlich stehen nicht so sehr der Vampir und seine Taten im Mittelpunkt, sondern der zwölfjährige Oskar, sein Martyrium in der Schule, seine aussichtslose Situation und sein Leben in der gesichtslosen Vorstadt. Er ist auf dem besten Wege, zu einem jugendlichen Gewalttäter wie der etwas ältere Tommy bzw. zu einem sinnlos dahinvegetierenden Trinker wie Lacke zu werden. Diese beiden sind die Hauptfiguren von Nebenhandlungen, die zunächst scheinbar nichts mit Oskar und Eli zu tun haben. Sie verdeutlichen jedoch die Trostlosigkeit des Lebens in Blackeberg und erweisen sich schließlich als unverzichtbar für das Ende des Romans. Für Eli ist das Töten von Menschen ein zwar bedauerlicher, aber unvermeidlicher Bestandteil der Existenz - entsprechend beiläufig werden die Raubzüge geschildert. Die Jagd des Vampirs und die Angst der Opfer werden nicht so ausgearbeitet, wie es in einem Horror-Roman der Fall wäre, auf Effekthascherei wird weitgehend verzichtet. Allerdings schreckt der Autor auch nicht davor zurück, Abschnitte mit ziemlich derben Gewaltdarstellungen einzubauen.

Außerdem kommt der Roman weitgehend ohne Vampir-Romantik, Mystizismus und übernatürliche Elemente aus. Eli ist kein Monster - jedenfalls empfindet der Leser weit mehr Sympathie für den Vampir als für die stumpfen Bewohner Blackebergs oder für Oskars Mitschüler. Stattdessen wurde ein viel realistischerer Ansatz gewählt. Der Vampirismus scheint eine Art Infektion zu sein, durch den sich die Organe des Betroffenen verändern. So können der Blutdurst und die besonders schlimme Lichtallergie erklärt werden. Die Vampire sind nicht tot, ihr Herzschlag ist nur extrem verlangsamt, wenn sie tagsüber ruhen. Die relative Unsterblichkeit der Vampire, Elis Fähigkeit, sich Krallen und Flügel wachsen zu lassen, sowie ihre enormen Körper- und Selbstheilungskräfte sind schon schwerer zu akzeptieren. Warum Vampire erst eingeladen werden müssen, bevor sie eine Wohnung betreten können, bleibt zwar unklar, aber so erklärt sich der vermutlich allegorisch gemeinte Originaltitel des Romans (»Lass den Richtigen ein«), der darauf anspielt, wie schwierig es ist, sich für einen anderen Menschen zu öffnen.

Die Pädophilie Hakans, der trotz seines Alters irgendwie kindlich gebliebene, einsame Vampir, die ganz besondere, sich langsam entwickelnde echte Freundschaft Elis und Oskars, die schmerzhafte innere Wandlung, die mit Oskar vorgeht und die bittere Realität des Lebens in der seelenlosen städtischen Tristesse - das sind die Bestandteile einer sehr ungewöhnlichen, eindrucksvollen und spannenden Story. Der Roman wurde übrigens kongenial verfilmt, allerdings fehlen in der Verfilmung manche Nebenhandlungen und Elis Vorgeschichte. Im Roman stirbt Hakan übrigens keineswegs so schnell wie im Film - ganz im Gegenteil: Er bleibt bis zum Schluss lebendig. Jedenfalls mehr oder weniger…

02.08.2010

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Stella Bettermann: Ich trink Ouzo, was trinkst du so?
Bastei Lübbe, 2010
205 Seiten

Die Journalistin und Autorin Stella Bettermann hat eine griechische Mutter und einen deutschen Vater. Sie ist in München aufgewachsen, aber Griechenland war (ist?) ihre zweite Heimat. Ihre Erlebnisse als Halbgriechin in Deutschland und bei den vielen Reisen mit Eltern und Bruder nach Griechenland, zu Yiayia und Pappous (Oma und Opa) in Athen, beschreibt sie mit viel Humor in diesem köstlichen Buch. Dabei werden die »typisch griechischen« Eigenheiten der riesigen Verwandtschaft anschaulich und augenzwinkernd vorgestellt. Die Autorin lässt sich nie auf das Niveau des durch-den-Kakao-ziehens herab; das Buch ist zwar amüsant, aber nicht auf »Witzigkeit« getrimmt. Stella Bettermanns Mutter, die trotz fast völliger Erblindung rüstige und reiselustige Yiayia und der unter chronischer Seekrankheit leidende Pappous sind (neben der Autorin selbst natürlich) die Hauptfiguren im ersten Teil des Buches. Die Reisen nach Griechenland waren beschwerlich, denn man fuhr mit dem Auto quer durch den ganzen Balkan. Endlich angekommen, mussten die Kinder die übertriebene Fürsorglichkeit der Verwandtschaft ertragen. »Min trechis«, hieß es da immer (»renn nicht«), denn griechische Kinder sollten immer adrett und proper aussehen, »iss, iss!« wurde gedrängt, wenn der übervolle Teller einfach nicht leer werden wollte. Da wurde dann schon mal das eine oder andere Käsebrot heimlich verbuddelt.

Im zweiten Teil stehen der Bruder und die beste Freundin im Mittelpunkt. Die Kinder werden zu jungen Erwachsenen und machen sich allmählich selbständig, was zu gewissen Konflikten mit den althergebrachten Moralvorstellungen der Altvorderen führt. Die emanzipierten Mädchen wagen den Einmarsch in eine unantastbare griechische Männerdomäne: Das Kafenion. Sie müssen sich der aufdringlichen Annäherungsversuche jener griechischen Möchtegern-Casanovas erwehren, die mit dem Begriff »Kamaki« (= Harpune) treffend charakterisiert sind.

Die Autorin erzählt mit leichter Feder und lässt immer wieder geniale Lautmalereien einfließen. Zur Mittagszeit erklingt der Ruf »Kiiiender! Ääähsen!« in der Münchner Neubausiedlung, Klein-Stella ist zwar griechisch-orthodox, darf aber am katholischen Religionsunterricht teilnehmen, damit das Außenseitergefühl ihr nicht das »Chärz bricht«, und Mutter sorgt sich, weil auf dem Spielplatz alles voller »Baktärien« ist. Herrlich.

Wer Griechenland mag und die Griechen ein bisschen näher kennen gelernt hat, der wird dieses Buch lieben und viele Details wiedererkennen. Natürlich könnte man einwenden, das Buch enthalte kaum mehr als leicht zusammenhanglose Familienanekdoten und nostalgisch verklärte Kindheitserinnerungen. Dennoch ist es eine wunderbare Liebeserklärung an Griechenland und vermittelt schöne Einblicke in die überlebensgroße griechische Seele sowie ins Alltags- / Familienleben jenseits touristischer Postkartenidyllen. Vom albernen Titel des Buches darf man sich nicht abschrecken lassen.

29.07.2010

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